Mehrere Tausend Kinder aus geflüchteten Familien können derzeit in Nordrhein-Westfalen nicht am Unterricht teilnehmen, obwohl sie schulpflichtig sind. Vor allem in Großstädten müssten Kinder aus Asylbewerber-Familien manchmal bis zu einem Jahr auf einen Schulplatz warten, sagte die Geschäftsführerin des Flüchtlingsrats NRW, Birgit Naujoks. In vielen Kommunen fehlten Lehrkräfte, Schulräume, Integrationshelfer und Sozialarbeiter, um die gesetzliche Schulpflicht bei allen Kindern erfüllen zu können.

Nach Schätzungen des Flüchtlingsrats sind gegenwärtig sieben bis acht Prozent der landesweit 90.000 Flüchtlingskinder ohne Schulplatz. Alleine in Köln stünden derzeit mindestens 400 geflüchtete Schüler auf einer städtischen Warteliste.

Nach dem NRW-Schulgesetz beginnt die Schulpflicht für Flüchtlingskinder mit der Zuweisung an eine Kommune und besteht bis zum 18. Lebensjahr. Die langen Wartelisten für eine Einschulung in Städten wie Köln, Duisburg, Essen, Bochum und Gelsenkirchen widersprächen dem Schulgesetz, kritisierte Naujoks. Das Gesetz sehe eine Umsetzung der Schulpflicht für jedes kommunal zugewiesene Kind innerhalb von vier Wochen vor.

Die meisten Jugendlichen im Alter von 16 und 17 Jahren bekämen meist überhaupt keinen Schulplatz mehr angeboten, so Naujoks. Diesen Heranwachsenden, die kurz vor Erreichen ihrer Volljährigkeit nach Deutschland kämen, werde somit die Möglichkeit genommen, einen Schulabschluss zu machen. Häufig seien davon unbegleitete minderjährige Flüchtlinge betroffen.

Naujoks beklagte auch eine mangelhafte Aufklärung Geflüchteter über die Schulpflicht. Hier werde seitens der offenkundig überforderten Behörden oft "Desinformation" betrieben. Bis heute seien die Betreiber von Flüchtlingsunterkünften nicht angewiesen, schulpflichtige Kinder den Schulämtern zu melden. "Viele Kinder fallen einfach durch die Maschen", sagte Naujoks.

Der Flüchtlingsrat tritt dafür ein, Flüchtlingskinder bereits vor ihrer Zuweisung an die Kommunen in den Aufnahmeeinrichtungen zu beschulen. Derzeit seien landesweit 4.500 Kinder und Jugendliche in Einrichtungen untergebracht. Fast 2.500 dieser Kinder lebten dort bereits länger als drei Monate und würden nicht beschult. Vor allem für Minderjährige aus sogenannten sicheren Herkunftsstaaten sei die Lage dramatisch.