Die Texte sind Auszüge aus dem Buch von Tanja Dückers: Mein altes West-Berlin (be.bra verlag, September 2016).

Sterbende Stadt oder der Bahnhof Zoo

Der Bahnhof Zoo war eine Institution in West-Berlin. Groß und schmuddelig hatte er eine düster-erhabene Aura. Dass der Bahnhof Zoo eines Tages zum Regionalbahnhof herabgestuft werden würde, lag außerhalb des Vorstellungsvermögens der Berliner. Früher kamen die Großeltern immer am Bahnhof Zoo an, wenn sie uns besuchten. Aber nur ein einziges Mal kamen mein Onkel und meine Tante aus Westdeutschland. Schon auf dem Weg zum Parkplatz lästerten die beiden über die vielen Penner. Der Anblick des Beate-Uhse-Shops sowie der Fressbuden am Zoo schien ihren Eindruck von West-Berlin nicht zu verbessern. An ihrem letzten Abend in Berlin fragten meine Eltern: "Wie waren denn eure Eindrücke von Berlin?" Und der Onkel hatte sofort eine steile Ansicht parat: "Ihr lebt in einer sterbenden Stadt! Nicht mal am Kriegsende kann Berlin trauriger gewesen sein als jetzt!" Sie waren überzeugt, West-Berlin würde an die Sowjetunion fallen. Die Stadt sei eh ein absurdes Konstrukt und wäre auf die Dauer zu teuer für den Bund.

"Der Russe" würde sich den Happen West-Berlin vor seiner Nase nicht länger anschauen, nicht weitere dreißig Jahre untätig zusehen, irgendwann zubeißen. "Wegen euch" würden die Amis bestimmt keine Bodentruppen schicken. Und wenn es einen Atomkrieg gäbe, wovon über kurz oder lang auszugehen sei, so die selbstgewisse Tante, würden wir erst recht in einer sterbenden Stadt leben! Aber einen Dritten Weltkrieg würde für uns Berliner sowieso niemand riskieren.

Dann brausten die Verwandten vom Bahnhof Zoo wieder ab in ihr langweiliges Leverkusen. Wir blieben mit ihren düsteren Worten zurück. Mein Vater tröstete uns Kinder: "Das ist doch keine sterbende Stadt, sondern die lebendigste Stadt Deutschlands!" Wenn wir zum Bahnhof Zoo fuhren, zu dem alten schmuddeligen Ding, dann meinte ich zu spüren, dass er recht hatte: Selbst von den Nutten, den Säufern und den ewigen An-die-Wand-Pinklern am stinkenden Zoo ging etwas aus, das einen nicht wirklich glauben ließ, diese Stadt würde einfach so sterben.

Berlin fühlte sich irgendwie immer gut an, auch wenn es nicht schön aussah. Auf der Landkarte jedenfalls sah die Stadt aus wie der Fleck, den eine zerquetsche Fliege auf einer Tischdecke hinterlässt.

Dreilinden und Helmstedt

Der Checkpoint Charlie im Juni 1968. Dieser Grenzübergang markierte die Grenze zwischen Ost- (sowjetischer Sektor) und West-Berlin (amerikanischer Sektor). © AFP/Getty Images

Aus Berlin herauszukommen, war gar nicht so einfach. Meist fuhren meine Eltern mit dem Auto über die Grenzübergangsstelle Dreilinden-Drewitz (wir sagten nur Dreilinden), also zum Panzer. Kurz vor dem DDR-Kontrollpunkt wurden wir von ihm begrüßt. Der Panzer war der erste, der im Jahr 1945 Berlin erreicht hatte. Die sowjetische Militärverwaltung hatte ihn so aufgestellt, dass sein Geschützrohr auf West-Berlin gerichtet war. Diese Symbolsprache verstand ich auch als Kind. Je älter ich wurde, desto weniger beängstigend wirkte der Panzer. Er schien mit dem sich endlos hinziehenden Kalten Krieg doch etwas in die Jahre gekommen zu sein. Im Dezember 1990 nahmen die abziehenden sowjetischen Truppen ihn mit.  

Das lange Warten hat jedenfalls viel Lebenszeit in Anspruch genommen. Wir entwickelten stets neue – meist falsche Theorien – darüber, welche Schlange am schnellsten vorankommen würde. Damals gab es auch nur wenige Autos mit Klimaanlagen, und bei 35 Grad konnte es in den Sommerferien ziemlich unangenehm werden. Den Beweis hierfür erbrachten die vielen von der Hitze gewellten Aral-Autoatlanten, die in jedem zweiten Auto hinter den Sitzen vor sich hin schmorten.

Gelegentlich versuchten die Eltern, uns zu trösten, indem sie sagten, dass die Ostdeutschen immer so lange warten müssten, auf alles. Man müsse im Osten beim Einkaufen warten, wenn man in ein Restaurant gehen wolle, warten, wenn man ein Auto kaufen, eine Wohnung mieten wolle – immerzu warten – und wir stünden ja nur heute, jetzt gerade, in der Schlange vor dem Grenzübergang.

Einmal warteten wir sieben Stunden am Grenzübergang, um nach Prag zu fahren. Anschließend wurde unser Auto von oben bis unten durchsucht. Vielleicht waren wir verdächtig, weil wir alle ein bisschen wie Hippies aussahen, wobei mein Vater eher der elegante Typ "Hippie mit Krawatte" war. Es wurde wirklich alles aufgemacht und abgeschraubt, eine endlose und sinnlose Prozedur – und man hatte es fast nie mit freundlichem Personal zu tun.

An der Mauer unterhält sich eine West-Berlinerin im November 1962 mit jemandem in Ost-Berlin. (Archivbild) © NATO

Waren wir "durch", lag grau und scheinbar endlos die aus Betonplatten zusammengeschusterte Transitstrecke vor uns. Sofort fühlte sich die Autobahn anders an, in Abständen von ungefähr fünfzig Metern fuhr man über Bruchnarben, ein immer gleiches Gerumpel. Man durfte nur Tempo Hundert fahren. Statt hell erleuchteter Bungalows standen auf den Rastplätzen nur ein paar karge Sitzgelegenheiten. Die zweieinhalbstündige Fahrt bis zum Grenzübergang Helmstedt kam mir ewig vor: Kiefern, Kiefern, Kiefern, blasse Schilder, Autokolonnen, die Bruchnarben im Asphalt, in der Ferne gelegentlich große Häuserblocks, Industrie. Nur wenn wir an dem Hinweis Magdeburg vorbeifuhren, rief unsere Mutter hocherfreut: "Guckt mal, der Magdeburger Dom!" Und wir drei drehten synchron unsere Köpfe in Richtung Dom.

Auf dem Rückweg brach, wenn wir wieder durch beide Grenzen und über die Transitstrecke gekommen waren, immer für einen Moment Hochstimmung aus. Endlich: Avus, man brauchte nicht mehr hundert zu fahren, unsere Mutter gab beschwingt Gas, und der Tacho unseres alten Benz kletterte auf hundertvierzig. Jedes Mal, wenn wir die Grenze passiert hatten, fiel eine kleine Last von uns ab.