Niemand wird als Terrorist geboren. Warum hat Anis Amri dann, nach allem, was bislang bekannt ist, in Berlin mit einem Sattelschlepper zwölf Menschen ermordet? Eine abschließende Antwort auf diese Frage wird es vielleicht nie geben. Doch wer sich mit dem Leben des mutmaßlichen Attentäters befasst, findet zumindest Hinweise darauf.

Anis Amri wuchs in der Siedlung Farhat Hached in Oueslatia im Norden Tunesiens auf. Der Ort hat knapp 30.000 Einwohner. Eine Kleinstadt im Regierungsbezirk Kairouan, etwa 140 Kilometer südlich von Tunis.

Amris Vater ist Landarbeiter, ein Tagelöhner mit großer Familie. Drei Brüder und fünf Schwestern hat Amri. Er wuchs im Tunesien der neunziger Jahre auf, in einer Diktatur, die einem Jungen aus ärmlichen Verhältnissen wenig Hoffnung auf ein großes Leben ließ.

Der Vater sagte tunesischen Medien, sein Sohn habe Abitur gemacht, aber er kannte ihn wohl nicht so gut, wie er glaubte. Mit seinen Brüdern hatte Amri bis kurz vor dem Anschlag noch Kontakt, zu seinem Vater in den vergangenen Jahren nie. Der älteste Bruder Walid widersprach dann auch seinem Vater. Amir habe nur die achte Klasse absolviert und die Schule abgebrochen.

Der Islam spielte in der Familie keine Rolle

Stattdessen hing der jugendliche Amri herum, rauchte, trank und kiffte auch. In Deutschland hätte man in ihm vielleicht einen etwas sperrigen, aber doch normalen Teenager gesehen. In Tunesien dagegen drohen jedem, der Haschisch oder Marihuana konsumiert, ein Jahr Haft und eine Geldstrafe von 2.000 Dinar. Selbst wenn man zum ersten Mal damit erwischt wird.

Amri wurde erwischt und bestraft. Das hielt ihn nicht davon ab, wieder Regeln zu brechen. Sein Umfeld beschreibt ihn als Kleinkriminellen. Tunesischen Sicherheitskreisen zufolge wurde er in Abwesenheit wegen Raub mit körperlicher Gewaltanwendung zu fünf Jahren Haft verurteilt.

Religion, der Islam, spielte dagegen im Leben von Amri kaum eine Rolle. In der Familie wurde nicht viel gebetet, sagen die Geschwister. Überhaupt ist es nicht eine bestimmte Religion, die Terroristen gebiert. Das Bundeskriminalamt (BKA) hat 2010 in einer Studie die Karrieren von Extremisten untersucht. Sie zeigt: Nicht der Glaube macht Menschen  zu Tätern, sondern ihre Erfahrungen in Kindheit und Jugend. Prekäre Lebenslagen, enormer Entwicklungsstress – das ist allen Extremisten gemein. Davon hatte Amri genug.

Geflohen vor Armut und Polizei

Doch der junge Amri versuchte, dem Elend zu entfliehen, das ihn umgab. Vor sechs Jahren, da war er gerade 18 Jahre alt, zündete sich am 17. Dezember 2010 der Gemüsehändler Mohamed Bouazizi selbst an. Er löste mit seiner Tat den Arabischen Frühling aus und die Revolution in Tunesien. In Sidi Bouzid war das, nur etwas mehr als hundert Kilometer von Amris Geburtsort entfernt.

Plötzlich schien der Weg offen in ein besseres Leben. Viele junge Tunesier machten sich damals auf nach Norden, mit dem Boot über das Mittelmeer nach Europa. Auch Amri brach mit einigen Freunden auf. Zum Jahreswechsel 2010 auf 2011 soll das gewesen sein, sagt seine Familie. Amri entfloh dem armen Leben. Und er floh vor der Polizei, die ihn suchte.

2011 kam Amri mit 64 anderen in einem Flüchtlingsboot in Lampedusa an, ohne Papiere. Im Flüchtlingslager sagte er, er sei minderjährig. Die tunesischen Behörden nennen inzwischen den 22. Dezember 1992 als Geburtsdatum. Amri wird also gerade 24 Jahre alt. Als er Italien erreichte, war er demnach schon 19. Doch im Flüchtlingslager glaubte man ihm sein Alter, er sah wohl recht jung aus.

Gefängnis und Gewalt in Italien

Von Lampedusa wurde Amri nach Sizilien gebracht, in eine Sammelunterkunft für Minderjährige in Belpasso. Dort lebte er zusammen mit wohl mehr als Tausend anderen jungen Leuten. In Catania konnte er eine Schule besuchen, doch heißt das nicht viel. Die Unterkunft war schwierig, Gewalt alltäglich. Amri fiel wegen Vandalismus auf, wegen Bedrohung und Körperverletzung. Als Bewohner des Lagers protestierten, auch indem sie ein Feuer legten, war Amri dabei. "Seine Geschichte als guter Migrant endete mit dem Versuch, die Schule anzuzünden", schreibt die italienische Zeitung La Stampa unter Berufung auf seine Strafakte.

Im Oktober 2011 wurde er wegen versuchter Brandstiftung festgenommen und zu vier Jahren Gefängnis verurteilt. Eine harte Strafe für einen Jugendlichen, als der er galt. Amri sollte die Haft in Catania verbüßen, wurde jedoch mehrmals verlegt, weil er als gewalttätig galt. Schließlich verbüßte er sie im Ucciardone-Gefängnis in Palermo. Spätestens dort muss er dem Salafismus begegnet sein.

Wurde er im Gefängnis zum Radikalen?

In den Gefängnissen in Süditalien sitzen viele Araber, junge Männer radikalisieren sich dort regelmäßig. Schon lange diskutiert das Land über dieses Problem. Abdelkader Amri sagt, sein Bruder sei im Gefängnis zum Radikalen geworden.

Im Mai 2015 hatte Amri seine Strafe abgesessen und konnte das Gefängnis verlassen. Die italienischen Behörden versuchten, ihn nach Tunesien abzuschieben. Doch dort wollte ihn niemand haben. Amri hatte ja keine Papiere und die tunesischen Behörden gaben an, ihn nicht zu kennen. Den italienischen Beamten blieb nichts, als ihn im eigenen Land unterzubringen – nicht ohne seine Daten zuvor in ein europäisches Austauschsystem einzuspeisen.

Amri landete in einer heruntergekommenen Flüchtlingsunterkunft, wieder ein Lager voller Gewalt und Armut. Im Frühjahr 2015 setzte er sich mit einer Gruppe Flüchtlinge ab. Ihr Ziel: Deutschland.

Über die Schweiz nach Deutschland

Amri reiste über die Schweiz, sagt seine Mutter, und kam Ende Juli in Deutschland an. Seitdem sind seine Fingerabdrücke auch hierzulande registriert. Sie lassen sich mehr als fünf verschiedenen Identitäten beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) zuordnen, ein "relativ umfangreiches Paket", wie Beamte sagen. Amri wusste offenbar, dass er als Tunesier von Deutschland nicht viel zu erwarten hat und wollte seine Herkunft verschleiern. Vielleicht war Amri zu diesem Zeitpunkt aber auch schon so radikalisiert, dass Gefahr von ihm ausging.

Den deutschen Behörden wurde das jedenfalls bald klar. Amri habe sich in Deutschland sehr schnell in salafistischen Kreisen bewegt, heißt es vom Verfassungsschutz Nordrhein-Westfalen. Daher gehe man davon aus, dass er schon eine entsprechende Prägung besessen habe, als er nach Deutschland gekommen sei.

So trieb sich Amri im Umfeld eines dschihadistischen Predigers herum, genannt Abu Walaa, der inzwischen im Gefängnis sitzt. Im März 2016 wurde er das erste Mal als sogenannter Gefährder eingestuft und sein Name in eine entsprechende Datei eingetragen, wie der Bayerische Rundfunk berichtet. Er habe geplant, sich "großkalibrige Schnellfeuergewehre" in Frankreich zu besorgen. Es sei davon auszugehen, dass er seine Anschlagspläne "ausdauernd und langfristig" verfolgen werde, notieren die Staatsschützer.

Aus den Augen verloren

Seinen Asylantrag stellte Amri Ende April 2016, über eine Ausländerbehörde in Nordrhein-Westfalen. Den Ablehnungsbescheid des Asylantrags schickte das Bamf einen Monat später, Ende Mai 2016. Im Sommer erkannt die Polizei in NRW dann, dass aus dem Extremisten ein Terrorist werden könnte. Denn Amri sprach mit einer Vertrauensperson des Landeskriminalamts in Düsseldorf darüber, dass er Anschläge begehen wolle. So berichtet es die Süddeutsche Zeitung. Die Hinweise müssen fundiert gewesen sein. Denn in Nordrhein-Westfalen wurde ein Verfahren gegen Amri eröffnet, der Vorwurf lautete auf Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat.

Das Verfahren gaben die Nordrhein-Westfalen an ihre Berliner Kollegen ab. Denn Amri lebte seit dem Frühjahr meist in der Hauptstadt. Die Berliner Staatsanwaltschaft ließ ihn auch beobachten, mehrere Monate lang. Man fürchtete, er könne sich auf kriminelle Weise Geld verschaffen, um damit Waffen zu kaufen. Im November beschäftigte sich dann das Gemeinsame Terrorismusabwehrzentrum (GTAZ) mit ihm. Die Beamten dort waren in Sorge, wie mobil und wie radikal Amri war.

Doch dann verloren die Behörden den Gefährder aus den Augen. Warum? Niemand kann das bislang sagen. Am Dienstag fanden sie seine Spur wieder, als Fingerabdruck und in Form seiner Duldungsbescheinigung im zerstörten Führerhaus des Lastwagens vom Berliner Weihnachtsmarkt. Da waren zwölf Menschen tot.