Es wäre nicht überraschend, wenn der Fahrer des Lkw, der am Montagabend in den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz gefahren ist, dies in der Absicht tat, einen Anschlag im Namen der Terrorgruppe "Islamischer Staat" (IS) zu verüben. Bewiesen ist es noch nicht, und es kann auch ganz anders gewesen sein.

Aber der IS hat mehrfach explizit dazu aufgerufen, möglichst große und schwere Fahrzeuge in möglichst große Menschenansammlungen im Westen zu steuern, um "Ungläubige" zu ermorden. Der IS hat Vorschläge gemacht, was Ziele sein könnten (etwa eine Gay Parade) und welche Arten von Fahrzeugen sich besser eignen als andere. Der Fahrer, haben die Terror-Anstachler außerdem angeregt, solle unbedingt bereit sein, ums Leben zu kommen – und könne etwa eine Schusswaffe mit sich führen, um dann, wenn es mit dem Fahrzeug nicht mehr weitergehe, schießend weitere Opfere zu töten. Bis er vermutlich selbst getötet würde.

Der Anschlag von Nizza im Juli dieses Jahres gilt dem IS entsprechend als vorbildhaft. Allerdings ist diese Art von Anschlag weder eine Erfindung des IS. Noch ist der IS auf sie reduzierbar.

Al-Kaida war der Vorreiter

Innerhalb des dschihadistischen Spektrums war es Al-Kaida, die den "individuellen Dschihad" als Taktik ausgerufen hat. Adam Gadahn, Mitglied der Führungsspitze der Al-Kaida-Zentrale im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet, rief 2010 erstmals Anhänger dazu auf, selbstständig Anschläge gegen die "zionistisch-kreuzfahrerischen Verschwörer" zu planen. Ein Jahr darauf bestätigte Aiman al-Sawahiri, der Al-Kaida-Chef, diese Taktik. Muslime im Westen seien bestens platziert für solcherlei Attacken.

Diese beiden Aufrufe waren wichtig – zuvor war Al-Kaida ein strikt hierarchisches Netzwerk gewesen, in dem individuelle Initiative wenig Bedeutung hatte. Sie waren auch ein Echo darauf, dass Al-Kaida lange Zeit kein spektakulärer Großanschlag im Westen mehr gelungen war.

Seit dem Sommer 2010 befeuerte auch das Onlinemagazin Inspire, herausgegeben von der Al-Kaida-Filiale auf der Arabischen Halbinsel, entsprechend motivierte Anhänger. Inspire gab Ratschläge für Ziele, verbreitete Anleitungen zum Bau von Sprengsätzen mit einfachsten Materialien und schlug erstmals vor, mit einem großen Fahrzeug in einer Fußgängerzone im Westen Menschen zu töten.

Der IS hat also die von Al-Kaida bereits vorbereitete Taktik übernommen, nicht entwickelt. Allerdings hat er sie intensiviert und professionalisiert. Anschläge der jüngeren Zeit zeigen, dass der IS etwa in der Lage ist, fast im Sinne einer Hotline über das Internet Unterstützung zu gewähren, wenn ein Attentäter, der einen Anschlag plant, nicht mehr weiter weiß oder Fragen hat.

Zentral gesteuerte Anschläge nicht aufgegeben

Doch wäre es ein grobes Missverständnis zu glauben, der "individuelle Dschihad" habe andere Formen der Anschlagsplanungen oder andere Taktiken abgelöst. Die Faustregel geht so: Dschihadistische Gruppen entwickeln sich weiter, indem sie neue Ideen zusätzlich verfolgen, alte aber selten aufgeben. Das heißt: Wir müssen davon ausgehen, dass sowohl der IS als auch Al-Kaida weiterhin zentral gesteuerte Anschläge planen. Die Anschläge von Paris 2015 sind ein Beispiel.

Und ein noch größeres Missverständnis wäre es zu glauben, dass der IS nur auf "weiche Ziele" setzt, also auf Angriffe auf Zivilisten in ungeschützten Menschenmengen. Tatsächlich greift der IS derzeit nahezu täglich die ungefähr "härtesten" denkbaren Ziele an – Panzer der irakischen Armee zum Beispiel.

Der IS ist nicht nur eine Terrororganisation, die im Westen Menschen töten will. Er ist auch eine Organisation, die einen Proto-Staat gegründet hat und diesen nun verteidigt, mit (vor allem) klassischen militärischen Mitteln gegen klassische militärische Mittel.

Angela Merkel - "Wir müssen von terroristischem Anschlag ausgehen" Bundeskanzlerin Angela Merkel hat den Anschlag auf einen Weihnachtsmarkt in Berlin als grausame und unbegreifliche Tat bezeichnet. Die Tat werde bestraft werden, sagte Merkel. © Foto: Hannibal Hanschke / Reuters