Die Berliner Polizei hat Vorwürfe zurückgewiesen, wonach der nach dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt kurzzeitig festgenommene Pakistaner Naveed B. misshandelt worden ist. Die entsprechenden Angaben des Mannes hätten "nicht den Hauch von Substanz", sagte Polizeisprecher Winfrid Wenzel. "Der Mann ist definitiv von keinem Mitarbeiter misshandelt worden."

B. hatte dem britischen Guardian berichtet, er sei nach seiner Festnahme geschlagen worden. Mit gefesselten Händen sei er auf eine Polizeistation gefahren worden. Später seien ihm die Augen verbunden worden, als er zu einer anderen Dienststelle gebracht wurde. Auf der Polizeistation sei er ausgezogen und fotografiert worden. "Als ich mich wehrte, fingen sie an, mich zu schlagen." 

Für Polizeisprecher Wenzel sind die Angaben nicht nachvollziehbar. Die Darstellung sei falsch, dass es bei der Vernehmung sprachliche Schwierigkeiten gegeben habe, sagte Wenzel der Tagesschau. Nach Angaben der Polizei sei Naveed B. am gestrigen Freitag zu den von ihm erhobenen Vorwürfen erneut befragt worden – im Beisein eines Übersetzers. Es gebe auch keine Zweifel, dass B. dem Gespräch folgen konnte, heißt es in einer Mitteilung der Polizei. Demnach habe B. eindeutig versichert, er sei "im Zusammenhang mit seiner Festnahme und der anschließenden Zeit im Gewahrsam nicht geschlagen, verletzt oder misshandelt worden". Dafür habe es zu keiner Zeit Anhaltspunkte wie sichtbare äußerliche Verletzungen gegeben. 

Die Polizei habe dem Pakistaner nach der irrtümlichen Festnahme laut eigener Darstellung umfangreich geholfen. B. sei nach seiner Entlassung eine neue Unterkunft zugewiesen worden. Es habe keinerlei Probleme gegeben, und er könne dort als "freier Mann uneingeschränkt leben". Außerdem sei das Opferschutzprogramm der Polizei für ihn jederzeit erreichbar.

Die Polizei erhebt in ihrer Stellungnahme zudem Zweifel an der Vorgehensweise der Guardian-Journalisten. Naveed B. habe ausgesagt, dass das Interview mit der britischen Zeitung in einer Berliner Pizzeria stattgefunden habe. Als "Sprachmittler" habe ein Bekannter geholfen, der ebenfalls aus Pakistan stammen würde. Ein kompetenter Übersetzer sei folglich nicht anwesend gewesen.

B. galt kurzzeitig als Hauptverdächtiger, der Verdacht gegen ihn hatte sich aber schnell als falsch herausgestellt. Da war der Name des 24-Jährigen allerdings bereits öffentlich bekannt.

Seit dem Zwischenfall habe er Angst um sein Leben und das seiner Familie, hatte B. dem Guardian gesagt. Er fühle sich nicht mehr sicher in Deutschland, wo er Zuflucht suchte, weil er in seinem Herkunftsland Pakistan politisch verfolgt gewesen sei. In seiner Heimatregion Belutschistan im Südwesten von Pakistan sei er Mitglied einer säkularen, separatistischen Bewegung gewesen. Mehrere seiner Verwandten seien bereits von Geheimdiensten festgenommen oder getötet worden, er selbst habe Morddrohungen erhalten. Belutschistan ist eine der unruhigsten und ärmsten Regionen Pakistans. Mehrere Extremistengruppen wie die Taliban sind dort aktiv.

Bei dem Anschlag am 19. Dezember auf den Weihnachtsmarkt an der Berliner Gedächtniskirche waren zwölf Menschen getötet und mehr als 50 verletzt worden. Nach Überzeugung der Ermittler ist der in der Nähe von Mailand von der Polizei erschossene Tunesier Anis Amri der Täter.

Die Guardian-Journalistin Kate Connolly äußerte sich inzwischen über Twitter. Das mithilfe eines Dolmetschers geführte dreistündige Gespräch mit dem Pakistaner sei aufgenommen worden, sagte sie. Der Guardian bleibe bei seiner Darstellungen der Geschehnisse.