Zum ersten Mal wäre ich heute, ein halbes Jahr, nachdem ich nach Jordanien gezogen bin, gerne wieder in Berlin. Bei meinen Freunden, meinen Kollegen und Nachbarn, um über das zu sprechen, was gestern Abend geschehen ist. Ich weiß, wie sich die Tage nach Terroranschlägen anfühlen: traurig, unsicher, wuterfüllt. Jetzt ist es in der Stadt passiert, in der ich eigentlich lebe.

Gestern war ich in Kerak, in Südjordanien, wo einen Tag zuvor Terroristen zehn Menschen getötet haben. Es ist natürlich nicht auf Deutschland übertragbar, wie Jordanier mit solchen Ereignissen umgehen. "Bei Gott, wenn ich nur eine Waffe tragen dürfte, ich hätte meine Stadt verteidigt", sagte mir ein alter Mann, der früher einmal Armeeoffizier war und den Anschlag miterlebt hat. Im Radio erklärte die Moderatorin heute morgen: "Wir sind nur so stark, wie wir einig sind, und nur so schwach, wie wir uneinig sind. Wir denken an unsere Märtyrer, die den Tod aus Liebe für ihr Land akzeptierten." Die meisten der Toten von Kerak waren Polizisten, da tröstet so ein Gedanke vielleicht. Auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz hat niemand, der sterben musste, seinen Tod in Kauf genommen.

Dann jedoch schlug die Moderatorin einen Bogen nach Berlin: "Was für eine Welt, in der Terroristen Muslime und Christen angreifen … Hass ist ansteckend, aber Liebe auch. Passt alle auf euch auf!" Das half, irgendwie.

An einem Tag wie diesem ist jeder überfordert. Man will verstehen, was unverständlich bleibt. Will wissen, was noch nicht bekannt ist. Und wieso ist es noch nicht bekannt? Müsste es nicht längst bekannt sein? Wer ist der Täter?

Ich war gestern ein paar Minuten lang in der heruntergekommenen, dreckigen Wohnung, in der drei der Terroristen von Kerak einen Monat lang gehaust haben. Hier hatten sie Sprengstoff und Waffen gehortet. Auf dem Fußboden verstreut lagen bunte Winterdecken und blaue Mundschutzmasken aus Zellstoff mit Gummiband. Und in einer Ecke stand ein blau-weißer Milchkarton. "Skimmed Milk", stand darauf. Magermilch. Auf den Treppenstufen vor dem Apartment klebte noch das Blut von dem Polizisten, den die Terroristen erschossen hatten. Aber es ist das Bild von dem Milchkarton, an das ich ständig denken muss: ein Terrorist, der sich Magermilch kauft.

Auch der Fahrer des Lkw, der gestern in Berlin in den Weihnachtsmarkt raste, wird bald identifiziert sein. Auch er hat in irgendeinem Zimmer gelebt, auch in diesem Zimmer wird es jede Menge Details zu besichtigen geben. Aber vermutlich werden sie ebenso wenig erklären wie der Magermilchkarton.

An einem Tag wie diesem heißt es geduldig sein. Vielleicht wird es sich bestätigen, dass es sich bei dem Fahrer um einen Afghanen oder Pakistaner handelt, der als Flüchtling nach Deutschland einreiste. Vielleicht auch nicht. Aber die Antworten werden kommen, die meisten jedenfalls, die wichtigsten. Nur eben nicht heute. Wir werden erfahren, ob es ein Anschlag war. Es wird sich herausstellen, ob der Fahrer aus dschihadistischer Motivation gehandelt hat. Der IS wird sich bekennen oder nicht. Und dieses Bekenntnis wird glaubwürdig sein oder nicht.

Andere Fragen werden vielleicht nie beantwortet. Den Täter als Person werden wir womöglich nie verstehen. Damit müssen wir dann leben.

An einem Tag wie diesem ist es das Sinnvollste, nach dem zu suchen, auf das wir uns alle verständigen können. Die Trauer. Die Wut. Darauf, was für ein Scheißgefühl es ist, sich überlegen zu müssen, ob man mit seinen Kindern auf den Weihnachtsmarkt gehen soll.

Es wird Streit geben. Das ist sicher. Davor darf man auch keine Angst haben. Als Bürger nicht. Als Politiker nicht. Aber an einem Tag wie diesem, am Tag danach, wenn man noch kaum etwas weiß, muss man damit noch nicht anfangen.