Am Tag nach dem Anschlag in Berlin ist der Platz um die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche ein Ort der Anteilnahme geworden. Immer wieder kommen Menschen hierher, legen Blumen am Eingang der Kirche ab, sie beten, weinen. Zu Hunderten stehen sie an, um sich in eines der beiden Kondolenzbücher einzutragen. Sie suchen Stille – hier, wo das schreckliche Ereignis vom Montagabend so gegenwärtig ist wie die Menschen selbst. 

Am Nachmittag schicken Polizisten die Leute plötzlich weg. "Zu unübersichtlich, zu gefährlich, wir müssen sie jetzt bitten, auf die andere Seite der Absperrung zu gehen", heißt es. Die Situation wirkt skurril: Polizisten bemühen sich um einen pietätvollen Ton und tragen zugleich Maschinenpistolen um den Hals. 

Die Kirche und ihr Eingangsbereich wurden geräumt, damit die Bundeskanzlerin stellvertretend für ganz Deutschland ihre Trauer zeigen kann. Für all jene, die nicht selbst zur Gedächtniskirche kommen können. An ihrer Seite sind der Regierende Bürgermeister von Berlin, Michael Müller, sowie der Außen- und der Innenminister, Frank-Walter Steinmeier und Thomas de Maizière.

Übersichtskarte des Anschlages auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz in Berlin

Als die Prominenz den Tatort verlässt, dürfen die anderen Menschen wieder in die Kirche. Mit ihnen kommen Techniker und Fernsehteams hinein. Sie bereiten die Fernsehübertragung des Gedenkgottesdienstes vor, der für den Abend angekündigt ist.

Irmgard Schwaetzer betritt schon eine Dreiviertelstunde vor Beginn die Kirche. Die Staatsministerin a. D. und Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland geht noch einmal ihren Text durch, während sich der Kirchenraum füllt. Sie sei zuvor noch über den geschlossenen Weihnachtsmarkt gegangen, sagt sie und beschreibt ihre Gefühle als eine Mischung aus Betroffenheit und Neugier. Die Stille tue gut, die große Anteilnahme der anderen Menschen.

Die Religionen finden zusammen

Die ersten fünf Reihen der Kirche sind reserviert für die religiöse, politische und kulturelle Prominenz. Die anderen Plätze sind schnell besetzt, 800 Menschen kommen. Kurz vor 18 Uhr trifft Kanzlerin Merkel ein. Mehrere Muslime schütteln ihr die Hand, darunter einige Berliner Imame, die der Einladung der Kirche gefolgt sind. Gemeinsam mit der jüdischen Gemeinde gestalten sie den Gottesdienst mit. Die Besucher sprechen das Vater Unser, der Bischof den Segen – obwohl das Gedenken christlich geprägt ist, sitzt hier in der Gedächtniskirche das interreligiöse Berlin zusammen. Gemeinsam gedenken die Religionen der Opfer und ihrer Angehörigen.
Die Botschaft, die von diesem Abend ausgehen soll, ist eindeutig: Ihr werdet uns mit eurem Terror nicht überwältigen. Das klingt aus den Worten des katholischen Erzbischofs von Berlin, Heiner Koch, als er seine Worte von der Mittagsandacht in der katholischen St.-Hedwigs-Kathedrale wiederholt: "Die Weihnacht ist Nacht! Doch wir können einander Weihnachtssterne sein".

Der Trotz klingt auch aus der Ansprache seines evangelischen Kollegen, Bischof Markus Dröge, der von der "Wunde Gedächtniskirche" spricht – er meint diese Kirche als Mahnmal gegen Krieg und Terror. "Wir werden unbeirrt bezeugen, dass die Kraft der Versöhnung stärker ist", sagt er. Dafür stehe auch eines der zentralen Exponate der Kirche: das Nagelkreuz von Coventry – jene Stadt, die deutsches Militär im Zweiten Weltkrieg so barbarisch zerstörte. Das Kreuz sei ein Zeichen der Versöhnung, sagt Dröge. "Mit dieser Botschaft werden wir die Gewalt überwinden."

Die Ansprachen bringen den vom Fernsehen mitbestimmten Zeitplan außer Takt, die Schweigeminute gerät nur einige Sekunden lang. Und dann ergreift unerwartet auch noch der Regierende Bürgermeister Michael Müller das Wort. Das Ziel der Täter sei klar. Sie wollten Angst und Hass verbreiten. "Hass darf und kann nicht unsere Antwort auf Hass sein", sagt Müller.

Nach dem Schlusslied lichten sich die Reihen zügig, die Scheinwerfer erlöschen, Akkuschrauber surren, die Techniker bauen ab. Wieder kommen Menschen  herein, streben zum Kondolenzbuch, um sich einzutragen.

Wenig zu tun

Thomas Franken, der Vikar der Gemeinde, ist seit dem Morgen hier. Er war auf großen Seelsorgebedarf eingestellt, doch vielen Leuten sei nicht nach reden zumute gewesen. "Die Menschen wollten heute offenbar eher ihre Ruhe oder eine Kerze anzünden", sagt er. Lediglich ein Gespräch habe er geführt.

Auch darüber hinaus war wenig zu tun. "Uns wurde schnell alles aus der Hand genommen – freundlich, aber bestimmt", sagt der Vikar. Den Gottesdienst habe Bischof Dröges Büro vorbereitet, die Sicherheit habe die Polizei übernommen, die vor dem Gedenkgottesdienst kein Risiko eingehen wollte. 

Dem Schrecken zum Trotz

Am Tag nach dem Anschlag ist die Gedächtniskirche kein erleuchteter Ort. Das Dunkel des Raumes nimmt die Menschen auf, die hier einen Ort für ihre Trauer und ihre Wut gefunden haben. 

"Beglänzt von seinem Lichte, hält euch kein Dunkel mehr", wurde am Ende im Gottesdienst gesungen. Mit diesem Lied von Jochen Klepper, dem Berliner Dichter und NS-Widerstandskämpfer, sind die Besucher hinausgegangen. Und mit der Hoffnung und dem Trost, die, der Unruhe und dem Schrecken zum Trotz, heute von diesem Ort ausgegangen sind.