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Anschlag in Berlin - So gelangte der Lkw zum Weihnachtsmarkt Bei dem Anschlag am Montagabend wurden 12 Menschen getötet, es gibt viele Verletzte. Unsere Video-Grafik zeigt die Route des Lkw, mit dem der Täter auf den Weihnachtsmarkt fuhr.

Dieser Artikel gibt den Stand der Fakten wieder, die bis zum 29. Dezember als gesichert gelten können.

Was wir sicher wissen

Über den Täter

  • Anis Amri wurde am 22. Dezember in Tunesien geboren. Er wuchs in der Siedlung Farhat Hached in Oueslatia in der Provinz Kairouan auf. Als Jugendlicher fiel er wegen kleiner krimineller Delikte auf.
  • 2011 verließ Amri Tunesien über die zentrale Mittelmeer-Flüchtlingsroute. In Tunesien wurde er zu jener Zeit von der Polizei gesucht. Ihm wurde vorgeworfen, einen Lastwagen gestohlen zu haben.
  • Amri erreichte mit einem Flüchtlingsboot die italienische Insel Lampedusa. Dort gab er während der Registrierung an, minderjährig zu sein. Er wurde in einer Flüchtlingsunterkunft auf Sizilien untergebracht.
  • Am 24. Oktober 2011 wurde Amri wegen versuchter Brandstiftung von einem italienischen Gericht zu vier Jahren Gefängnis verurteilt. Während seiner Haftzeit wurde der italienische Geheimdienst auf ihn aufmerksam. Dieser fürchtete, dass sich Amri in der Haft radikalisiert haben könnte. Die letzten 90 Tage seiner Gefängnisstrafe saß er in Einzelhaft ab.
  • Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis im Mai 2015 sollte Amri aus Italien abgeschoben werden. Die tunesischen Behörden weigerten sich jedoch, ihn als Staatsbürger anzuerkennen und ihm Ersatzpapiere auszustellen. Amri wurde aus der Abschiebehaft entlassen und erhielt einen Ausweisungsbescheid.
  • Im Juli 2015 reiste Amri nach Deutschland ein. Seitdem sind seine Fingerabdrücke auch hierzulande registriert. Er hielt sich erst in Freiburg auf, später in Nordrhein-Westfalen und Berlin. Gemeldet war er in einem Flüchtlingsheim in Emmerich am Niederrhein. Von Februar 2016 an lebte er die meiste Zeit in Berlin.
  • Die Fingerabdrücke Amris lassen sich mehr als fünf verschiedenen Identitäten beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) zuordnen, ein "relativ umfangreiches Paket", wie Beamte sagen.
  • Amri beantragte im April 2016 Asyl. Im Juli 2016 wurde sein Asylantrag abgelehnt. Die zuständige Behörde in Kleve bereitete seine Abschiebung vor. Sie scheiterte jedoch vorerst daran, dass Amri keine gültigen Papiere aus Tunesien vorweisen konnte und die Behörden in Tunesien die Rücknahme verweigerten. Deshalb wurde ihm eine Duldung erteilt. 
  • Amri bewegte sich in Deutschland sehr schnell in salafistischen Kreisen, heißt es vom Verfassungsschutz Nordrhein-Westfalen. Dort geht man davon aus, dass er schon eine entsprechende Prägung besaß, als er nach Deutschland kam. So trieb sich Amri im Umfeld eines dschihadistischen Predigers herum, genannt Abu Walaa, der inzwischen im Gefängnis sitzt.
  • Im März 2016 wurde Amri von den Behörden das erste Mal als sogenannter Gefährder eingestuft. Amri hatte mit einer Vertrauensperson des Landeskriminalamts Nordrhein-Westfalen darüber gesprochen, dass er Anschläge begehen wolle. Im Februar 2016 wurde Amri zu Kontrollen ausgeschrieben "soweit nach Polizeirecht zulässig". Die nordrhein-westfälischen Behörden eröffneten ein Verfahren gegen Amri, der Vorwurf lautete auf Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat.
  • Im März 2016 gaben die nordrhein-westfälischen Behörden das Verfahren an den Generalbundesanwalt ab. Er ermittelte wegen des Verdachts der Unterstützung einer terroristischen Vereinigung. Weil Amri inzwischen meistens in Berlin lebte, übernahmen die Staatsanwaltschaft Berlin und das dortige Landeskriminalamt den Fall. Die Berliner Staatsanwaltschaft ließ Amri monatelang observieren und sein Telefon abhören. Am 21. September 2016 wurde die Observation jedoch wegen mangelnden Terrorverdachts eingestellt.
  • Mehrfach war Amri Thema bei Besprechungen des Gemeinsamen Terrorabwehrzentrums (GTAZ) in Berlin.
  • Der marokkanische Geheimdienst warnte den Bundesnachrichtendienst zweimal, Amri sei als "inbrünstiger Unterstützer des IS identifiziert" worden. Diese Warnung wurde im September 2016 an alle Sicherheitsbehörden des Bundes weitergegeben.
  • Am 23. Dezember 2016 wurde Amri von zwei Polizisten nahe der Bahnstation von Sesto San Giovanni in Mailand kontrolliert. Es kam zu einem Schusswechsel. Ein Polizist wurde verletzt. Amri wurde getötet. Er wurde anhand seiner Fingerabdrücke identifiziert. Amri war mit dem Zug über die Niederlande und Frankreich nach Italien gereist.
  • Mehr zum Lebenslauf von Anis Amri lesen Sie hier.
Übersichtskarte des Anschlages auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz in Berlin


Über die Tat


  • Ein Sattelschlepper mit Auflieger fuhr am Montag, den 19. Dezember 2016, um 20.02 Uhr in den Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz an der Berliner Gedächtniskirche nahe dem Bahnhof Zoo.
  • Der Lkw vom Typ Scania mit polnischem Kennzeichen war mit Stahlträgern beladen. Er fuhr von der Hardenbergstraße kommend in die Einfahrt des Weihnachtsmarkts und dann 60 bis 80 Meter quer durch eine Gasse zwischen den Marktbuden hindurch. Schließlich durchbrach er die Budenreihe, warf eine Bude vollständig um und kam auf der Budapester Straße am Fuße der Gedächtniskirche zum Stehen. Das automatische Bremssystem verhinderte, dass der Wagen nach dem Aufprall noch weitergesteuert werden konnte. Der Fahrer entfernte sich anschließend vom Tatort.
  • Der Lkw tötete elf Menschen, 45 Menschen wurden verletzt, 30 von ihnen schwer.
  • Eine zwölfte Person wurde tot auf dem Beifahrersitz gefunden. Es handelte sich um einen polnischen Staatsbürger. Der 37-Jährige war der ursprüngliche Fahrer des Sattelschleppers und transportierte damit Stahl von Turin nach Berlin. Der Lastwagen parkte noch am Montagnachmittag im Berliner Stadtteil Moabit. Mehr zur Route des Lkw lesen Sie hier. Der polnische Fahrer war kurz vor der Tat erschossen worden. Eine Tatwaffe wurde im Lkw nicht gefunden.
  • Die Polizei nahm kurz nach der Tat, um 20.56 Uhr, zunächst einen Mann an der Siegessäule am Großen Stern fest. Der Mann stritt die Tat ab. Am 20. Dezember wurde er wieder auf freien Fuß gesetzt, weil sich kein dringender Tatverdacht ergeben hatte.
  • In der Führerkabine des Lkw fand die Polizei ein Ausweispapier von Amri. Außerdem wurden seine Fingerabdrücke gefunden.
  • Ein Krisenstab wurde eingerichtet, der Generalbundesanwalt leitete ein Strafverfahren ein, das Bundeskriminalamt ermittelt. Ermittelt wird wegen Mordes und versuchten Mordes.


Über den Hintergrund der Tat

  • Bereits am 20. Dezember sagte Bundesinnenminister Thomas de Maizière, es gebe keinen Zweifel mehr, dass es sich um einen Anschlag gehandelt habe. "Der Lastwagen wurde bewusst in die Menschen gesteuert."
  • Auch Gerneralbundesanwalt Peter Frank ging wenig später davon aus, dass es sich bei dem Ereignis offenbar um einen Anschlag mit terroristischen Hintergrund handele.
  • Die Terrorgruppe "Islamischer Staat" reklamierte den Anschlag am 20. Dezember nach einem Bericht ihres Propagandasprachrohrs Amak für sich. Die Mitteilung entsprach den Standards der IS-Propaganda.  In der Mitteilung hieß es, eine "Sicherheitsquelle" habe Amak mitgeteilt: "Der Ausführer der Attacke (…) in der Stadt Berlin in Deutschland ist ein Soldat des 'Islamischen Staates' und führte die Operation aus als Antwort auf Aufrufe, (…) die Staaten der Koalition anzugreifen". Täterwissen enthielt die Mitteilung jedoch nicht, weshalb zunächst nicht sicher davon auszugehen war, dass der Täter tatsächlich dem IS anhing.
  • Am 23. Dezember wurde ein Video bekannt, in dem sich Anis Amri zu dem Anschlag bekennt und dem IS Gefolgschaft schwört.


Angela Merkel - "Wir müssen von terroristischem Anschlag ausgehen" Bundeskanzlerin Angela Merkel hat den Anschlag auf einen Weihnachtsmarkt in Berlin als grausame und unbegreifliche Tat bezeichnet. Die Tat werde bestraft werden, sagte Merkel. © Foto: Hannibal Hanschke / Reuters

English Version:

The scene where a truck ploughed through a crowd at a Christmas market on Breitscheidplatz square © Fabrizio Bensch/Reuters

This article presents the facts considered to be certain as they stood on Dec. 29.

What we know for sure

About the perpetrator

  • Anis Amri was born an Dec. 22, 1992, in Tunisia. He grew up in the Farhat Hached residential area in the city of Oueslatia in the province of Kairouan. He attracted the attention of the authorities during his youth as a petty criminal.
  • In 2011, Amri left Tunisia via the central Mediterranean refugee route. He had been sought at the time by the police in Tunisia. He had been accused of stealing a truck.
  • Amri arrived on the Italian island of Lampedusa in a refugee boat. At the time of his registration there, he claimed to be a minor. He was placed in refugee accommodations in Sicily.
  • On Oct. 24, 2011, an Italian court sentenced Amri to four years in prison for attempted arson. During his time in the penitentiary, he attracted the attention of the Italian intelligence service. Officials there feared Amri might have radicalized during his time in jail. He spent the last 90 days of his sentence in solitary confinement.
  • After his release from prison in May 2015, Amri was to be deported from Italy, but the Tunisian authorities refused to recognized him as a citizen or issue replacement documents. Amri was released from pre-deportation detainment and issued with an order to leave Italy.
  • In July 2015, Amri entered Germany. Since then his fingerprints have been registered here. He first spent time in Freiburg and later in North Rhine-Westphalia (NRW) and Berlin. His official registered residence was a refugee hostel in Emmerich in the Lower-Rhine region. From February 2016 on, he lived mostly in Berlin.
  • Amri’s fingerprints can be linked to more than five different identities at the Federal Office for Migration and Refugees (Bamf), a "relatively comprehensive package," as officials there put it.
  • Amri applied for asylum in April 2016, but officials rejected his application in July. The responsible authority in the city of Kleve began preparations for his deportation. These efforts initially failed because Amri had no Tunisian identity papers and the authorities in Tunisia refused to repatriate him. The authorities then issued him with paperwork permitting him to temporarily stay in Germany.
  • Sources within the NRW state-level branch of the Office for the Protection of the Constitution, the domestic intelligence agency responsible for monitoring extremism, say Amri quickly began moving in Salafist circles. Officials there assume he already had these leanings when he came to Germany. They say he began hanging out with people close to a jihadi preacher called Abu Walaa, who is now in jail.
  • In March 2016, German authorities classified Amri for the first time as a so-called Gefährder, or potential threat. Amri had discussed with a man who was an informant to the State Office of Criminal Investigation in NRW how he wanted to conduct attacks. In February 2016, police were ordered to conduct checks on Amri "to the extent possible under police law." Authorities in NRW opened a case against Amri based on suspicions he was planning a "serious act of violent subversion."
  • In March 2016, authorities in NRW turned the case over to the Federal Prosecutor’s Office. The authorities in Karlsruhe then began investigating based on the suspicion he was providing support to a terrorist group. Because Amri was living primarily in Berlin at this point, the Public Prosecutor’s Office there and the State Office of Criminal Investigation in the city-state assumed responsibility for the case. The Berlin Public Prosecutor’s Office ordered Amri’s surveillance and the wiretapping of his phone calls for months. But they closed the case on Sept. 21, 2016, due to a lack of evidence backing suspicions he could be a terrorist.
  • The subject of Amri had been discussed several times at GTAZ, the German authorities’ joint counterterrorism center in Berlin.
  • Officials with the Moroccan intelligence service warned their German counterparts at the BND foreign intelligence agency two times that Amri had been "identified as a fervent supporter of IS (Islamic State)." The warning was then passed on to all federal security agencies in September 2016.
  • On Dec. 23, 2016, Amri was the subject of a check conducted by two police officers near the train station in Milan’s Sesto San Giovanni district. A shootout ensued, leaving one police officer injured and Amri dead. He was identified through his fingerprints.
Übersichtskarte des Anschlages auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz in Berlin

About the attack

  • At 8:02 p.m. on Monday, Dec. 19, 2016, a semi-truck with a trailer plowed through the Christmas market on Breitscheidplatz at the Kaiser Wilhelm Memorial Church near the Zoologischer Garten train station.
  • The Scania truck had a Polish license plate and had been loaded with steel beams. It was driven from Kant Street into the entrance of the Christmas market and then 60 to 80 meters across a path between the market stalls. It then broke through a row of stalls, completely knocked over one of them, and came to a stop on Budapester Street at the base of the Kaiser Wilhelm Memorial Church. The truck’s automatic braking system prevented it from being driven any further after it detected the impact. The driver then fled the crime scene.
  • The truck killed 11 people and injured 45, 30 of them seriously.
  • A twelfth person was found dead in the passenger’s seat. The man was a Polish citizen. The 37-year-old had been the semi-truck’s original driver and had been using it to transport steel from Turin to Berlin. On Monday afternoon, the truck had still been parked in Berlin’s Moabit district. The Polish driver was shot shortly before the attack. The gun used to commit the crime was not found in the truck.
  • Shortly after the attack, at 8:56 p.m., police initially arrested a man at Berlin’s Siegessäule, or Victory Column. The man denied any involvement in the crime. Citing a lack of evidence, the authorities released him on Dec. 20.
  • Police found an identity document belonging to Amri in the cab of the truck. They also discovered his fingerprints.
  • Officials convened a crisis team, the Federal Prosecutor’s Office initiated criminal proceedings and the Federal Office of Criminal Investigating is leading the probe. Murder and attempted murder are the subjects of the investigation.

About the background of the attack

  • On Dec. 20, German Interior Minister Thomas de Maizière confirmed there was no longer any doubt that this had been an attack. "The truck was deliberately driven into the people," he said.
  • A short time later, German Federal Prosecutor Peter Frank said his office assumed the events in question clearly had a terrorism background.
  • The terrorist group Islamic State (IS) claimed responsibility for the Dec. 20 attack according to a report issued by its propaganda arm Amaq. The report followed Islamic State’s usual standards. The statement claimed a "security source" had informed Amaq that, "A soldier of the Islamic State carried out the Berlin operation in response to appeals to target citizens of coalition countries." But the report did not include any information about the attacker’s identity, meaning officials initially couldn’t be certain the perpetrator had actual links to IS.
  • A video was circulated an Dec. 23 in which Anis Amri claimed responsibility for the attack and swore his allegiance to IS.

Übersetzung: Charles Hawley, Daryl Lindsey