Die Geschenke liegen unverpackt im Schrank, am Weihnachtsmenü muss noch gefeilt werden. Stress, aber netter. Dann diese Nachricht: Ein Lkw fährt in einen Weihnachtsmarkt, Menschen sterben – mitten in Berlin. Erst ein Toter, bald neun, dann zwölf, mindestens 48 Verletzte. Verwackelte Bilder von einem schwarzen Lastwagen, inmitten von zerquetschten Weihnachtsmarktbuden.   

Obwohl noch wenig bekannt ist, spricht der Experte im ZDF schnell von einem möglichen islamistischen Anschlag. Der Gedanke liegt natürlich nicht fern. Haben wir uns 2016 doch fast schon daran gewöhnt: an tödliche Attacken und Anschläge auf unschuldige Menschen mitten in Europa. Ebenso wie an Informationen über Attentäterbiografien und Hintermänner. Und an die vielen Eilmeldungen und Liveblogs. 

Oft hatten die Attentate in diesem Jahr tatsächlich einen islamistischen Hintergrund. Wie in Brüssel und Nizza, wo ebenfalls ein Lkw als Tatwaffe genutzt wurde; und auch in Würzburg oder Ansbach. Manchmal aber auch nicht, wie in München. Was aber gewiss immer folgte, waren viele hässliche Tweets und Facebook-Debatten. 

Sollte es sich in Berlin tatsächlich um eine Tat mit islamistischem Hintergrund handeln, wäre es der bisher größte Anschlag dieser Art in Deutschland. Obwohl wir also eine gewisse Routine entwickelt haben, wird diese Tat dann länger in der Erinnerung haften bleiben als die bisherigen Attacken auf Zugreisende oder missglückte Sprengstoffattentate. 

Hinzu kommt die Symbolik. Ort und Zeitpunkt sind besonders perfide gewählt. Weihnachtsmärkte sind als potenzielle Angriffsziele bekannt und gefürchtet. Voll und unübersichtlich, schwer zu überwachen und zu schützen. Skurrile Nationalisten versuchen schon länger diesen Ort zum bedrohten Kulturraum zu deklarieren, der vor einer vermeintlichen Islamisierung geschützt werden müsse. Womöglich erscheinen solche Thesen manchen beim nächsten Glühwein schon nicht mehr ganz so skurril.

Und dann das Datum. Fünf Tage vor Heiligabend. Eine besinnliche Vorweihnachtswoche hätte diesem hitzigen, anstrengenden Jahr 2016 sicher nicht geschadet. Statt nun aber unbekümmert O du fröhliche zu singen, wachsen Furcht und Bekümmertheit. Aus Mitleid mit den Opfern, aus Angst vor ähnlichen Taten – und aus Sorge um das gesellschaftliche Klima. Kein schöner Gedanke, dass halb Deutschland sich am kommenden Wochenende unter dem Tannenbaum vor Islamisten fürchtet. 

Dieser Vorfall ist eine Steilvorlage für Extremisten. Rechtspopulisten werden ihn ausschlachten. Genau das wollen die Islamisten – sie setzen auf Polarisierung, neue Rekruten, den Glaubenskrieg. 

Umso wichtiger ist es, sich dieser Spaltung zu widersetzen. Nicht zu pauschalisieren und zu diffamieren, sich auszutauschen und zuzuhören. Nicht zu dramatisieren, aber auch nicht zu bagatellisieren. Das, was am Berliner Breitscheidplatz passiert ist, ist schrecklich. Trotzdem sollten wir unsere Geschenke einpacken und das Menü kochen. Sonst haben wir schon verloren.

Berlin - "Wir brauchen jetzt akribische Tatortarbeit" Nach der Fahrt eines Lkw über einen Berliner Weihnachtsmarkt hat sich die Zahl der Toten auf zwölf erhöht. Zur Ermittlungsarbeit äußerte sich ein Polizeipressesprecher.