Die junge Frau redet hektisch in ihr Mobiltelefon, sie weint, hat die Orientierung verloren. "Ich weiß nicht, wo ich bin, Mama", sagt sie und blickt zu einem Straßenschild: Hardenbergstraße. Ein Sicherheitsbeamter spricht sie an, fordert sie freundlich auf, den Ort zu verlassen: "Am besten zunächst zu Fuß und dann mit den öffentlichen Verkehrsmitteln." Die Polizei sperrt den Bereich rund um die Gedächtniskirche in Berlin-Charlottenburg weiträumig und informiert alle Neuankommenden, dass es heute Abend keinen Besuch auf dem Weihnachtsmarkt mehr geben wird. Erst langsam begreifen die Berliner und Berlinbesucher im Zentrum der City-West, was an diesem Montagabend überhaupt passiert ist.

Kurz vor 20 Uhr fuhr ein dunkelgrauer Lkw in einen der größten und beliebtesten Weihnachtsmärkte der Hauptstadt. Zwölf Menschen sind tot. Viele weitere sind verletzt, davon mehrere schwer. Zwei Stunden später wiederholen die Schaulustigen, die sich vor dem nahegelegenen S-Bahnhof Zoologischer Garten an der Absperrung drängeln, immer wieder einen Satz: Ich war erst heute, erst gestern, erst vor drei Tagen, erst letzte Woche auf diesem Weihnachtsmarkt.

Die deutschen und internationalen Journalisten, die vor Ort sind, dürfen bis auf wenige Meter an den Tatort heran. Der dunkelgraue Lkw mit dem polnischen Kennzeichen steht schräg vor einem der vielen Büdchen, die sich an der Budapester Straße entlang und rund um die Gedächtniskirche reihen. Auf einer Strecke von 80 Metern hat der Sattelschlepper Besucher des Marktes erfasst, mitgeschliffen, überfahren. Der Beifahrer starb noch an der Unfallstelle, der mutmaßliche Fahrer des Lkw flüchtete. Kurze Zeit später fasste die Polizei einen Verdächtigen.

Die Sirenen sind verstummt und über dem großen Platz liegt eine auffällige, unangenehme Stille – dort, wo an jedem anderen Feierabend Berliner und Touristen flanieren, sich mit Kakao und Glühwein aufwärmen, Süßigkeiten essen, liegen tote Menschen. Einige Rettungssanitäter kümmern sich um die reglosen Körper, die hinter einem Sichtschutz liegen. In einen Rettungswagen schieben Notärzte einen in einen weißen Leichensack gehüllten Körper.

Auf der anderen Seite des Tatortes, hinter dem Hotel Waldorf-Astoria, sollen sich erste Angehörige eingefunden haben. Dort sind sie geschützt vor der Neugier der Schaulustigen und den Fragen der vielen Journalisten. 

Hundert Meter entfernt steht Anselm Lange und blickt auf den großen Lastwagen, der direkt vor der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in die Buden fuhr. Anselm Lange ist der Vorsitzende der Kirchengemeinde. Noch gestern Abend hat in der Kirche ein großes Konzert stattgefunden, Bach, fast 600 Leute waren da. In der Adventszeit finden fast täglich Veranstaltungen in der Kirche statt, nur an diesem Abend nichts.

Eine halbe Stunde nach dem Unglück ist Anselm Lange aus dem Gemeindehaus hierher rüber an den Breitscheidplatz gekommen, an den zerstörten Buden vorbei, er hat die Verletzten gesehen und die verstörten Weihnachtsmarktbesucher. Lange kennt viele der Markttreibenden persönlich, seine Kirchengemeinde ist der Vermieter der Weihnachtsmarktbuden. "Diese Kirche und dieser Platz sind ein Mahnmal für Frieden und Versöhnung", sagt Lange. "Menschen aus dem ganzen Bundesgebiet kommen hierher, um friedlich beieinander zu sein." Er hat sich nie vorstellen können, dass ausgerechnet hier etwas so Schreckliches geschehen könne.

Aber was ist an diesem Abend geschehen? Ein Anschlag? Oder ein tragischer Unfall? Die Polizei wiederholt geduldig in jede Kamera die immer gleichen Sätze: "Bewahren Sie Ruhe", "Es besteht nach jetzigen Erkenntnissen keine Gefahr mehr für die Berliner Bevölkerung", "Wir sollen und werden nicht spekulieren". Der neue Berliner Innensenator Andreas Geisel (SPD) wird konkreter: "Wir können zur Zeit nicht sagen, ob es ein Terroranschlag oder ein Unfall war. Wir schließen nichts aus." Berlins regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) war nur wenige Minuten nach der ersten Eilmeldung persönlich vor Ort: "Es ist schwierig, die ganzen Opfer und die Verletzten zu sehen. Berlin trauert heute."

Egal was an diesem Abend passiert ist, es wird Berlin für lange Zeit nicht loslassen.