Mal sind es die liberalen Eliten, die verhindern, dass sich der Frust der Bevölkerungen über Einwanderer ausdrücken kann. Mal ist es die soziale Spaltung, die es rechten Parteien und Bewegungen einfach macht, über die sozialen Medien und rechtsradikale Internetseiten ihre ultranationalistischen Hassparolen in die Mitte der Gesellschaft zu verbreiten. Die Versuche der Medien, den Aufschwung des Rechtspopulismus in Ländern wie den USA, England, Deutschland oder Frankreich zu erklären, setzen unterschiedlich an.

Dies alles sind berechtigte Ansätze. Nur vergessen die Medien eine wichtige Ursache der aktuellen Misere: sich selbst nämlich.

Presse, Fernsehen und Rundfunk haben über Jahre eine einseitig negative Islamwahrnehmung in die Öffentlichkeit getragen, die jetzt in Form der Rechtspopulisten zu einer politischen Bewegung geworden ist. Zwar ist ein Rückgang ethnisch-religiöser Stereotype in Medienbeiträgen zu verzeichnen. Araber zum Beispiel bezeichnet man nicht mehr, wie noch während der Erdölkrise 1973, offen als Sadisten oder Masochisten. Studien belegen allerdings, dass 60 bis 80 Prozent der Beiträge in der deutschen überregionalen Presse und in öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern den Islam im Kontext körperlicher Gewalt oder anderer negativer Themen wie Terrorismus, Frauenunterdrückung, Fanatismus, Fundamentalismus und Rückständigkeit thematisieren. Das sind zwar reale Probleme und nicht nur Vorurteile.  

Kai Hafez ist seit 2003 Professor für internationale und vergleichende Kommunikation an der Universität Erfurt. Er hat an internationalen Universitäten gelehrt und geforscht und verschiedene deutsche Regierungen beraten. Er war Mitglied der Deutschen Islamkonferenz. © privat

Dennoch entspricht die Medienagenda einer extrem verengten Sicht auf die islamische Welt. Seit Jahrzehnten nehmen deutsche Medien nahezu ausschließlich die abstoßenden Aspekte der muslimischen Gegenwart wahr. In großer Regelmäßigkeit werden Randthemen der Einwanderergesellschaft zu Drohszenarien aufgebläht, etwa die vollverschleiernde Burka, die es in Deutschland kaum gibt, die extremistischen Salafisten, von denen es ein paar Hundert gibt, oder angebliche massenhafte Vergewaltigungen durch Flüchtlinge, die nie nachgewiesen wurden. 

Auch die Bildsprache der Titelgeschichten großer deutscher Nachrichtenmagazine und Illustrierten zeichnet oft ein düsteres Bild des Islam. Der Koran wurde schon auf Titelseiten vor schwarzem Hintergrund als "mächtigstes Buch der Welt" dargestellt, der Papst kämpfte gegen Mohammed oder es wurde die Frage gestellt, ob der Islam "böse" sei. In der selektiven Wahrnehmung der Medien ist die islamische Welt ein permanentes und furchteinflößendes Chaos. 

Nahezu ausgeblendet wird hingegen, dass die Lebensrealität von mehr als 1,5 Milliarden Muslimen weltweit trotz aller Kriege und Probleme differenziert zu beurteilen ist.

Der Islam ist auch Besinnung, Kontemplation und soziales Handeln. Islamische Gesellschaften sind faszinierend vielfältig und muslimische Staaten wie Indonesien, Libanon, Tunesien und bis vor Kurzem die Türkei sind auf dem Weg der Demokratie. Das unausgewogene Medienbild des Islam aber, das kaum positive Aspekte kennt, macht aus der islamischen Sphäre eine Gegenwelt zur westlichen Gesellschaft. Statt Aufklärung, Humanität und Demokratie gibt es dort scheinbar allein religiösen Wahn, Brutalität und Tyrannei. 

Das alte Denkschema vom Gegensatz zwischen "Morgenland" und "Abendland" und vom angeblichen "Kampf der Kulturen" wird im modernen Medienzeitalter konstant erneuert. Der Islam hat in Europa seit 1.400 Jahren eine "schlechte Presse". Die Kreuzzüge, die Kriege mit Mauren und Türken, die antiislamische Apologetik der Reformation und das chauvinistische Feindbild der Kolonialära haben sich in unsere kollektive Erinnerung gegraben. 

In der aufgeklärten Islamophobie der Medien werden zwar verbale Beleidigungen gegenüber Muslimen politisch korrekt vermieden. Uralte Vorurteile gegenüber dem grausamen und despotischen Orient werden aber durch visuelle Stereotype und die einseitige Themenagenda Tag für Tag erneuert.

Etwa die Hälfte der europäischen Bevölkerung hält den Islam für gewalttätiger als andere Religionen und glaubt, er vertrage sich nicht mit der westlichen Kultur. In einzelnen Regionen Europas steigen die Raten der Islamfeindlichkeit auf 70 bis 80 Prozent. Zwar sind jüngere Menschen weniger islamophob und es gibt Unterschiede zwischen Stadt und Land. Dennoch ist aus Sicht der modernen Soziopsychologie klar, dass die pauschale Verurteilung des Islam Konjunktur hat und dass das unsere toleranten Gesellschaften bedroht. Der Islam spaltet unsere Gesellschaften in Rassisten und Kosmopoliten, in Intolerante und Liberale.