Montag, der Montag

In dieser Woche vor Weihnachten erschien mir die Lage auf allen Ebenen sehr instabil: Die Weltpolitik, Regionalnachrichten, die Menschen in meiner Umgebung und ihre Probleme, mein Deutschkurs und meine unmöglichen Zukunftspläne. Es war Montag, der 19. Dezember. Zuerst musste ich zum Jobcenter. Trotz aller Übersetzungsversuche hatte ich den letzten Brief nicht verstanden. Dann musste ich schnell zu einem Freund, um eine mögliche Arbeitsgelegenheit zu besprechen. Bis 13 Uhr musste ich das erledigt haben. Da fand das wöchentliche Treffen unserer Projektgruppe "Amal, Berlin" mit den anderen geflüchteten Journalisten statt. Auf dem Weg dorthin kreisten meine Gedanken um einen Artikel, den ich bis zum Abend fertig haben musste. Über Aleppo und das Massaker, das dort gerade stattfindet.

Samer Masouh (37) aus Homs in Syrien hat in Damaskus Jura studiert. Als die Revolution in Syrien begann, hat er als Reporter für Reuters und für das Syrien-Büro der Friedrich-Ebert-Stiftung gearbeitet. Seit einem Jahr ist er in Berlin. © Samer Masouh

Endlich kam ich in unserem Redaktionsraum an. Ein bisschen zu spät, aber kein Problem. Wir hatten viel zu tun und die Zeit verging zu schnell. Es ging um Begriffe: Welche Worte wollen wir in unseren Artikeln verwenden? Wie nennen wir das, was gerade in Syrien geschieht? Revolution? Bürgerkrieg? Was hat Frau Merkel letzte Woche gesagt? Was hat die AfD diese Woche vor? Die Sorgen der Flüchtlinge, die Entscheidungen der Behörden... 

Ach, Mensch! Ich krieg die Krise. Ich konnte kaum erwarten, dass wir fertig waren. Ich wollte mit einem Kollegen noch zum Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche. Ein bisschen feierliche Stimmung genießen. Es wurde langsam dunkel, schon wieder. Das Zeitgefühl hatte mich verlassen. Es war schon halb sechs. Mein Telefon klingelte. Es war Kinan, ein Kollege. Kaum hatte ich abgenommen, fing er an zu schreien: "Hast nicht gehört? Der russischen Botschafter in Ankara wurde erschossen, der Täter..." Ich musste ihn stoppen: "Mach mal langsam! Was ist los?" Kurz darauf legte ich auf und fing an, im Internet die Nachrichtenseiten zu durchzugucken. Was sagen die Türken, wie reagieren die Russen, die Deutschen, die Amerikaner? Ich sollte etwas schreiben.

Plötzlich klingelte es wieder. Wieder Kinan. Ich nahm ab, er schrie wieder: "Hast du gehört? Schießerei nahe dem Islamischem Zentrum in Zürich, drei Verletzte, bis jetzt." Ich musste ihn wieder stoppen: "Ich kann nicht mehr folgen! Ich muss zwei Artikel schreiben, lass mich in Ruhe wir sprechen morgen drüber!" Ich legte auf und macht mich wieder an die Arbeit.

Es war schon acht Uhr. Der erste Artikel war fertig, aber ich konnte noch nicht zum Weihnachtsmarkt gehen. Ich musste ja noch den zweiten Artikel abschließen. Oh, nein, es ist wieder Kinan. Ich nehme nicht ab. Er ruft ein zweites und drittes Mal an. Dann eine SMS von ihm. Ich habe aber keine Lust mehr. Ich schalte mein Telefon aus. Es ist schon neun Uhr. Jetzt reicht es, ich gehe jetzt endlich. Glühwein, Bratwurst und gebrannte Mandeln warten auf mich. Ich freue mich auf die Atmosphäre am Ku‘damm, auf die lachenden Gesichter und die netten Passanten. Man kann in Berlin sehr einfach mit den Passanten ins Gespräch kommen. Ach, wie stressig der Tag heute war!

Ich laufe runter zum Ku‘damm, schalte mein Handy wieder ein. Was ist hier los? So viel Polizei, so viele Rettungswagen, panische Gesichter. Der Weg ist gesperrt!

Mit meinem gebrochenen Deutsch frage ich einen Polizisten: "Entschuldigen Sie! Alles gut?" Er guckt mich von oben bis unten an: "Anschlag auf Weihnachtsmarkt! Verdacht auf einen Terroranschlag! Viele Tote! Sie gehen am besten sofort nach Hause!" Er geht weiter. Ich bleibe ruhig und stumm, mit weit offenen Augen starrte ich die Lichter an. "Oh nein, mein Berlin!"

Mein Telefon klingelt wieder, ich kann aber diesmal nicht sehen, wer es ist, meine Augen sind voller Tränen. Dabei weine ich normalerweise nicht. Es ist bestimmt Kinan. "Wir sprechen später", mehr kann ich mit heiserer Stimme nicht sagen. Von Samer Masouh

Der Lkw, der über unsere Herzen fuhr

Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass der Lkw, der Unschuldige auf dem Weihnachtsmarkt von Berlin tötete, auch mein Herz und das Herz vieler anderer in Deutschland überfahren hat.

Abdol Rahman Omaren (37) ist Journalist aus Syrien. 2005 hat er sein Examen an der Universität von Damaskus gemacht. Er hat für syrische Zeitungen und Magazine gearbeitet und war Nachrichten-Redakteur bei "Alaan-TV". Er schreibt Kurzgeschichten und Erzählungen für Kinder. Mit seinem Begegnungschor hat er am Breitscheidplatz für die Opfer des Anschlags gesungen. © Abdol Rahman Omaren

Mich hat die Nachricht so erschüttert, als sei ein naher Verwandter getötet worden. Dabei habe ich anfangs gar nicht daran gedacht, welche Auswirkungen dieser Anschlag auf mich und die anderen Flüchtlinge haben könnte. Ich dachte nur an die Brutalität und an die Opfer. An sie ganz besonders: Wie sie kurz vor ihrem Tod über den Weihnachtsmarkt gingen, die Stände anschauten, Süßigkeiten und Glühwein kosteten. Andere waren vielleicht nur zufällig auf dem Markt, weil sie auf dem Weg nach Hause waren, oder sie arbeiteten dort. Die Terroristen kümmern sich nicht um die Träume ihrer Opfer und was sie den Menschen bedeuten, die sie lieben.

Nach dem Anschlag stießen manche Flüchtlinge auf Hass und Ablehnung. Doch ich finde es nicht richtig, das Leben der einen mit dem Hass auf andere zu verrechnen. Im Gegenteil: Wir müssen den Terrorismus und Extremismus besiegen. Wir müssen zusammenstehen, eine Rose und eine Kerze im Gedenken an die unschuldigen Opfer hier in Berlin und überall auf der Welt niederlegen. Berlin ist es wert. Die Stadt zieht ihre Schönheit und ihre Magie aus den Herzen und aus dem Lächeln ihrer Bewohner. Von Abdol Rahman Omaren

Ich liebe Dich, Berlin!

Die dunklen Kräfte des Terrors wollen den Menschen in Berlin Angst machen. Entfesselt wurden sie von Menschen, die es lieben, zu töten, Gesellschaften zu zerstören und Freundschaften zu vernichten. Aber diese Kräfte wissen nicht, dass Berlin stärker ist als sie und ihr Terror. Denn Berlin öffnet seine Arme für alle!

Uns, die hergekommen sind, um Schutz zu finden und sich in die Gesellschaft einzufügen, hat die kalte Angst gepackt, als wir von dem Anschlag am Montag hörten: Was geschieht nun mit uns? Was machen diese Verbrecher hier? Wieso müssen wir nun die Konsequenzen tragen? Gerade die, die ihr neues Leben in Berlin in jedem Detail lieben, leiden unter diesem Schmerz.

Hatten doch die Deutschen sich solche Mühe gegeben, die Neuen aufzunehmen. Sie halfen den Flüchtlingen und gaben ihnen einen Platz mitten in ihrer Gesellschaft. Ausgerechnet sie wurden nun Ziel von gleich mehreren Angriffen und kriminellen Taten, die von Flüchtlingen begangen werden. Da erschien es absehbar, dass dies das Bild der Flüchtlinge in Deutschland insgesamt verschlechtern würde. So wie das Sprichwort: Eine faule Tomate verdirbt die ganze Schüssel Tomatensalat. 

Muhamad Abdi (24) hat an der Universität von Damaskus Medienwissenschaften studiert und anschließend als Redakteur für verschiedene Online-Nachrichtenportale in Syrien und in der Türkei gearbeitet. Seit April 2015 ist er in Deutschland. © Muhamad Abdi

Doch die Deutschen überraschen uns schon wieder. Ganz offensichtlich verstehen sie sehr wohl den Unterschied zwischen denen, die hierher kommen, um in Frieden zu leben, und den Kriminellen, die es darauf abgesehen haben, mit Hass die Menschen und die Religionen auseinanderzutreiben. Das Ziel der Terroristen ist es, das Ansehen der Geflüchteten hier zu zerstören, so dass keiner mehr den Unterschied erkennen soll zwischen friedlich und gewalttätig, zwischen gut und kriminell. Das ist, was sie wollen.

Doch bald schon werden sie feststellen müssen, dass ihr Plan nicht aufgeht. Die wunderbaren Berliner lassen sich nicht anstecken von diesem Hass. Das mag an der Geschichte von Berlin liegen. Zwei Weltkriege, Zerstörung, die Mauer: Berlin hat das alles überstanden und das hat den Charakter der Stadt geprägt.

Dafür lieben wir dich, Berlin! Wir wollen helfen, dich zu beschützen. Von Muhamad Abdi