Der prominente türkische Journalist und Buchautor Ahmet Şık ist von der türkischen Polizei festgenommen worden. Nach Angaben der Justizbehörden und der türkischen Polizei soll er zu einer Serie von Meinungsäußerungen auf Twitter befragt werden. Demnach steht Şık unter Verdacht, den Staat, seine Streitkräfte und die Polizei beleidigt sowie terroristische Propaganda über Twitter verbreitet zu haben.

Laut einem Bericht der Nachrichtenagentur Anadolu wird dem türkischen Journalisten zudem vorgeworfen, in Beiträgen für die oppositionelle Tageszeitung Cumhuriyet türkische Geheimdienste kritisiert und Twitter-Kurzbotschaften über die verbotene Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) verbreitet zu haben. In seinem letzten Tweet schreibt er über seine Festnahme: "Ich werde wegen eines Tweets zur Staatsanwaltschaft gebracht".

Barış Yarkadaş, Abgeordneter der Oppositionspartei CHP, sagte, Şık sei für die ersten fünf Tage in Polizeigewahrsam der Kontakt zu einem Anwalt untersagt worden. Yarkadaş hatte zuvor nach eigenen Angaben mit Şık gesprochen. Nach den derzeit geltenden Notstandsdekreten sei dies möglich. Häftlinge können bis zu 30 Tage lang festgehalten werden, bevor sie einem Haftrichter vorgeführt werden müssen.

Şık ist einer der bekanntesten türkischen Journalisten und gehört zu den prominentesten Kritikern der Bewegung des Predigers Fetullah Gülen, der in den USA lebt. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğanwar lange mit dem Prediger befreundet, bis sie sich 2013 zerstritten und Erdoğan den Prediger für den Putschversuch im Juli verantwortlich gemacht hat. Gülen bestreitet die Vorwürfe.

"Gülen und Erdoğan sollten vor Gericht"

Şık schreibt in seinem Buch Die Armee des Imam über die mutmaßliche Unterwanderung des türkischen Staats durch Anhänger der Gülen-Bewegung und kritisiert darin auch deren jahrelange Förderung durch die Regierungspartei AKP und Parteichef Erdoğan. Noch vor der Veröffentlichung im Jahr 2011 wurde das Buch verboten, Şık selbst saß deshalb ein Jahr in Untersuchungshaft. 2012 dann wurde er erneut für längere Zeit inhaftiert. 

International wurde er für seine journalistische und dokumentarische Arbeit gelobt. 2014 etwa erhielt er den Preis für Pressefreiheit der Unesco; die Jury würdigte ihn als "glühenden Verteidiger der Menschenrechte", als Kritiker von "Korruption und Gewalt gegen Meinungsfreiheit". Im Gespräch mit der ZEIT hatte er über sein Leben als kritischer Journalist berichtet, in einem Interview mit der Deutschen Presse-Agentur hatte er dann Mitte August gefordert: "Fethullah Gülen und Recep Tayyip Erdoğan müssen wegen Bildung und Leitung einer Organisation zusammen vor Gericht gestellt werden."

Inzwischen gilt in der Türkei der Ausnahmezustand, die Regierung in Ankara verhängte sie als Reaktion auf den vereitelten Putsch von Mitte Juli. Seither wurden nach einer Zählung der Plattform für unabhängigen Journalismus P24 bereits 118 Journalisten festgenommen. Gegen 80 von ihnen wird ermittelt, weil sie den Umsturzversuch unterstützt haben sollen. Insgesamt wurden in der Türkei seitdem 1.656 Personen unter dem Vorwurf festgenommen, terroristische Organisationen unterstützt oder Regierungsvertreter in den sozialen Medien beleidigt zu haben. Nach amtlichen Angaben wird gegen weitere 10.000 Personen ermittelt.