In Deutschland herrscht Pflegenotstand: Es gibt immer mehr Alte, Demente und Pflegebedürftige, aber nicht genug Pflegekräfte. Dazu kommt, dass die Träger von Kliniken und Pflegeheimen oft sparen, weil die Pflegesätze nicht reichen oder sie Gewinn machen wollen. Die Folge: Immer weniger Pfleger und Schwestern müssen sich um immer mehr alte Patienten kümmern und fühlen sich oft überfordert. Berichte über Vernachlässigungen, Misshandlungen, sogar Tötungen von alten und kranken Menschen in Kliniken und Heimen häufen sich.

Der Fall des wegen vielfachen Mordes 2015 in Oldenburg zu lebenslanger Haft verurteilten Krankenpflegers Niels H. ist noch nicht abgeschlossen; weitere Verdachtsfälle in anderen Kliniken, in denen er vorher gearbeitet hatte, werden untersucht. Da hört man schon von einem neuen Skandal: Gegen drei verhaftete Mitarbeiter des Pflegedienstes eines Seniorenheims im pfälzischen Lambrecht ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen Mordes und Körperverletzung  an dementen Patienten. Die beiden 23- und 47-jährige Pfleger und eine 26-jährigen Pflegerin sollen einer 85-Jährigen zunächst eine Überdosis Insulin verabreicht haben. Weil das nicht schnell genug wirkte, sollen sie sie mit einem Kissen erstickt haben. 

Problemlos gab es einen ärztlichen Totenschein. Die Misshandlungen an anderen Bewohnern sollen die Pfleger mit ihrem Smartphone gefilmt haben.

Dieser Vorfall weist in mancher Beziehung neue Züge auf: Von den Videoaufzeichnungen hatte eine Kollegin Wind bekommen und die Heimleitung informiert. Diese hatte ohne Rücksicht auf den Ruf des Heims oder Trägerverbands die Polizei gerufen. Auch das ist nicht selbstverständlich. Über die Auswertung der beschlagnahmten Smartphones wurden der Mord und die Misshandlungen aufgedeckt, überdies wurden Hinweise auf mögliche weitere Morde gewonnen. Bis zu 40 Todesfälle werden geprüft.

Ungewöhnlich sind auch die Tathintergründe: Meist spielt bei Misshandlungen und Tötungen in Alten- und Pflegeheimen Überforderung mit: mangelnde Ausbildung und Arbeitsüberlastung bei personell schwacher Ausstattung sowie schwierigen Patienten. Manchmal sind es Unmut über verwirrte, uneinsichtige, aggressive Patienten; öfter Mitleid, die Unfähigkeit, das viele Leid seelisch zu verkraften, das Erleben eigener Hilflosigkeit, Unverständnis gegenüber ärztlichen Entscheidungen für lebens- und leidensverlängernde Behandlung. Dies alles führt dann zu falsch verstandener Sterbehilfe.

Gelegentlich maßen sich Pflegekräfte medizinische Kompetenz an. Sie vermittelt ihnen das Gefühl, Macht über Leben und Tod auszuüben. Niels H. sollen Ehrgeiz und Langeweile bewegt haben. Er wollte als Fachmann für Reanimation wahrgenommen werden und spritze deshalb Patienten ein Medikament, das tödlich wirkte, wenn er selbst nicht rechtzeitig einschritt.

Im Lambrechter Fall scheint es dagegen um bloße Demonstration von Macht, Stärke und Überlegenheit angesichts eines sonst zu wenig wertgeschätzten beruflichen Alltags gegangen zu sein.