Ein Foto aus dem Apostolischen Palast. Über der Szenerie prangt ein Ölgemälde mit Jesus Christus flankiert von den Erzengeln. Darunter Papst Franziskus in weißer Soutane in Orthopädie-Schuhen, mit Plastikarmbanduhr und Brustkreuz aus Blech. Rechts und links neben ihm haben sich je sechs ältere Ritter eindrucksvoller Gestalt aufgestellt. Es ist die fast komplett ergraute oder teilweise schon haarlose Führungsriege des Souveränen Malteserordens. Ihre schwarzen Hosen werden von goldenen Borten geziert, die Herren tragen weiße Handschuhe, rote Jacken, goldene Epauletten, Schärpen, allerlei Orden und sogar Säbel, also Dinge, die andere Menschen eher aus dem Karneval kennen.

Gibt es nicht Stimmen, die behaupten, Jorge Bergoglio habe gleich nach seiner Wahl im März 2013 in der Tränenkammer neben der Sixtinischen Kapelle angekündigt, es sei nun Schluss mit dem Fasching in der katholischen Kirche? Ganz ohne Zweifel besteht schon ein optischer Kontrast zwischen dem inzwischen 80-jährigen Papst aus Argentinien und den auf Tradition und blaublütiger Abstammung beharrenden Wohltätern aus aller Welt.

Die Skepsis ist nun in Aktion umgeschlagen. So könnte die simple Erklärung für den Rauswurf des neben Franziskus auf dem Foto posierenden Großmeisters Matthew Festing lauten. In einer Privataudienz am vergangenen Dienstag forderte der Papst den Chef des Malteserordens zum Rücktritt auf. Festing kam der Aufforderung nach, der Papst nahm den Rücktritt an, am 28. Januar muss ein Gremium des Ordens die Demission bestätigen. So kompliziert geht es zu, wenn Vatikan und katholischer Hochadel aufeinander stoßen.

Die ausführlichere Begründung für den jüngsten Paukenschlag in der Affäre um die 900 Jahre alte Organisation ist hingegen eine andere. Im Souveränen Malteserorden wird ein Kampf der Kulturen ausgetragen, wie er in vergleichbaren Zügen in der gesamten katholischen Kirche zu beobachten ist. Ein Armdrücken um die Wahrheit, das nun in einer päpstlichen Blutgrätsche im Namen der Barmherzigkeit sein vorläufiges Ende findet. Müssen sich Katholiken in aller Welt auf Verhältnisse wie im Malteserorden gefasst machen nach der Devise: Wer nicht spurt, fliegt raus? Der letztendlich mit dem Recht des Stärkeren ausgetragene Streit im Orden geht ums Ganze, um die richtige Balance und das rechte Verständnis von Katholizität, Tradition, Dogma und Pastoral. Mit besonderer Teilnahme des deutschen Katholizismus.

Auf den Fotos mit Franziskus im Vatikan sticht ein im Vergleich zu seinen Ordensbrüdern noch jung wirkender, aber inzwischen auch schon 67 Jahre alter Mann heraus. Es handelt sich um den ehemaligen Großkanzler Albrecht von Boeselager, einen Rechtsanwalt und Forstbesitzer. Alles begann damit, dass der Rheinländer, eine Art Chefdiplomat des katholischen Ordens, am 6. Dezember von Großmeister Matthew Festing aus seinem Amt entlassen wurde. Im Orden beharrt man darauf, dass Boeselager in Gegenwart des Kardinalspatrons Raymond Leo Burke von Festing zum Rücktritt aufgefordert worden sei. Wenn der Chef ein Machtwort spricht, muss ein Malteserritter gehorchen. So lief es bislang in der im 11. Jahrhundert in Jerusalem von ehemaligen Kreuzrittern als Hospiz für Pilger gegründeten uralten Vereinigung.

Der Orden zählt heute etwa 13.500 Mitglieder auf der ganzen Welt. Von Boeselager, dessen Vater im Widerstand des 20. Juli 1944 gegen Hitler aktiv war und nach dem Krieg den Malteser-Hilfsdienst in Deutschland mitgründete, gehorchte nicht. Die Folge war seine Entlassung. Wie es heißt, habe Festing seinen Rücktritt gefordert, weil er als Verantwortlicher für den Internationalen Hilfsdienst der Malteser bis 2014 unter anderem die Ausgabe von Kondomen und anderen Verhütungsmitteln im Rahmen eines Hilfsprojekts in Myanmar nicht unterbunden habe. In einem katholischen Orden ist die katholische Lehre bedingungslos zu befolgen, und nach dieser sind künstliche Verhütungsmittel verboten. So stellen sich die Puristen das vor.

Von Boeselager verteidigt sich, er habe die Verteilung von Kondomen sofort beendet, als er von den Fakten erfuhr. Doch die Kondom-Affäre und ihre Folgen wirken wie ein mühsam recherchierter Vorwand für ganz andere Konflikte. Man muss dafür ein paar Jahre zurückblicken in das Jahr 2014. Damals, Franziskus war gerade ein Jahr lang Papst, änderten sich viele Dinge in der katholischen Kirche und im Malteserorden. Zum einen errang der deutschsprachige Zweig des Ordens bei den Wahlen im Hauptorden mehrere wichtige Ämter, von Boeselager etwa wurde Großkanzler, auch die Ämter des Großhospitaliers, des Zuständigen für die Hilfsdienste, sowie des Großkomturs, einer Art Glaubenshüter, wurden von deutschen oder österreichischen Adeligen besetzt.

Zudem begann Franziskus mit seiner Gewichtsverlagerung in der Kirche, weg vom kalt erscheinenden Dogma, hin zu mehr pastoraler Nachsicht mit den Sündern. Den deutschen Kardinal Walter Kasper ließ er beim Kardinalstreffen im Februar deshalb einen höchst umstrittenen Vortrag halten, in dem dieser die Zulassung von wiederverheirateten Geschiedenen zur Kommunion guthieß. Einer der schärfsten Kritiker dieser Idee war der nordamerikanische Vorsitzende des höchsten Vatikangerichts, Raymond Leo Kardinal Burke. Franziskus zog ihn im November von der Apostolischen Signatur ab und ernannte ihn zum Kardinalspatron des Malteserordens. Der Kardinalspatron ist eine Art spiritueller Botschafter des Heiligen Stuhls bei den souveränen Rittern. Eine Rolle, die man aktiv oder passiv ausfüllen kann. Burke entschied sich für die hyperaktive Variante.

Der Kirchenrechtler war bereits seit drei Jahren Mitglied im Orden, er kannte die Verhältnisse. Und er schätzte die in seinen Augen mehrheitlich lauen Katholiken aus Deutschland und Österreich nicht besonders. Seine Versetzung wurde allgemein als Entmachtung bewertet. Für Franziskus war die Rochade schlüssig. Der traditionalistische Prälat, der sich gerne mit Spitzenrochett und Roben aus dem 19. Jahrhundert zeigt, passte nach Vorstellung des Argentiniers bestens zu den bunt gekleideten Adeligen mit ihren Säbeln.

Zwei Faktoren unterschätzte Franziskus damals. Zum einen, dass der katholische Orden mit sozialen Hilfsdiensten in der ganzen Welt aktiv ist. 100.000 Hilfskräfte und Freiwillige kümmern sich im Namen der Malteser auf der ganzen Welt um Arme und Kranke. Die Herren sind zwar selbst nicht besonders arm, ihr Gefolge kam aber auf beispielhafte Weise der Forderung des Papstes nach einer "Kirche für die Armen" nach. Dass Franziskus den Wohltätern den Hardliner Burke vor die Nase setzte, sollte sich rächen. Der Papst unterschätzte außerdem, dass viele im Orden mit der Nominierung Burkes nicht glücklich waren, unter ihnen auch von Boeselager. Manche erkennen im Rauswurf Festings deshalb eine Art Wiedergutmachung für den entlassenen Großkanzler aus Deutschland.

Die Traditionalisten haben das Sagen

Vor allem die deutsche Malteser-Seilschaft fürchtete die ultrakonservative Linie des US-Kardinals, der einer der vier Unterzeichner eines vor Wochen veröffentlichten Briefes mit Zweifeln, sogenannten Dubia, am Lehramt von Franziskus ist. Während es unter Papst Franziskus in der Weltkirche langsam zu menscheln begann, versuchte der geschasste Kardinal der Doktrin zu dem ihr gemäßen Ansehen zu verhelfen, wo auch immer ihm Gelegenheit dazu gegeben wurde.

Die Ereignisse begannen sich miteinander zu vermischen. Burke arbeitete sich weiterhin am Papst und an den Vorschlägen des deutschen Kardinals Walter Kasper ab, der 20 Jahre nach seinem letzten, gescheiterten Versuch in einem Hirtenbrief der oberrheinischen Bischöfe eine zweite Chance erkannte, die wiederverheirateten Geschiedenen auch ganz offiziell zu den Sakramenten zuzulassen. Parallel zur ideologischen Schlacht in der Weltkirche spitzte sich der Machtkampf auch im Malteserorden zu. Insbesondere der neue Großkanzler von Boeselager soll über die Nominierung Burkes sehr ungehalten gewesen sein, weil er ahnte, dass der Kardinal versuchen würde, den Orden fortan auf Linie zu bringen.

Seit der Amerikaner im Ordenshauptquartier in der Via Condotti in Rom verkehrte, musste sich Boeselager immer stärker für seine Vergangenheit als Koordinator der internationalen Sozialdienste des Ordens verantworten. Es gab interne Ermittlungen. In den Worten des Präsidenten der deutschen Ordens-Assoziation, des auf Schloss Maxlrain in Oberbayern residierenden Prinzen Erich-Georg von Lobkowicz, begann bei den Maltesern eine Art Showdown im Kleinen. Lobkowicz spricht von einer "Schlacht zwischen all dem, wofür Papst Franziskus steht, und einer kleinen Clique ultrakonservativer, rüschentragender Hardliner in der Kirche, die den Zug in jeder Hinsicht verpasst haben". So zitiert ihn der National Catholic Register.

Im Orden ging es um die Gewichtsverteilung in der Grundfrage, die schon im Wahlspruch der Malteser anklingt, der wie ein Motto der Auseinandersetzungen unter Franziskus wirkt: "Bezeugung des Glaubens und Hilfe den Bedürftigen". "Glauben und Helfen", sagen die Malteser selbst. Dieser Tage klingt der Spruch eher nach "Glauben oder Helfen". Während der ultrakonservative Flügel um Burke und Festing verhindern wollte, dass der zwar souveräne, aber eben katholische Orden zu einer wohltätigen Nichtregierungsorganisation mutiert, fürchteten die liberaleren Malteser den Umbau zum traditionalistischen Flaggschiff. So ähnlich verlaufen auch die Fronten im Zerren um die Wahrheit in der katholischen Kirche. Nur, dass die Traditionalisten im Malteserorden das Sagen haben und in der Kirche in der Minderheit sind.

Fest steht: Die Deutschen, zu denen aus römischer Perspektive etwa auch Österreicher zählen, zerrten kräftig mit. Kardinal Kasper sei vom Papst vorgeschickt worden, um mit seiner Forderung der Zulassung von wiederverheirateten Geschiedenen eine "deutsche Agenda" voranzutreiben, beklagen die Traditionalisten. Dann, bei der Synode 2015, setzt die deutsche Sprachgruppe Maßstäbe bei der umstrittenen Frage des Umgangs mit wiederverheirateten Geschiedenen. Ihre theologische Wunderwaffe ist der Rückgriff auf Thomas von Aquin und die Idee, solche Fragen dem Forum Internum, einer Art persönlichem Fegefeuer zur Gewissensbildung, anzuvertrauen.

Im April 2016 durfte der Moderator dieser Sprachgruppe, der Wiener Erzbischof Christoph Kardinal Schönborn, das päpstliche Schreiben über Ehe und Familie, Amoris laetitia, im Namen von Franziskus vorstellen.

Schönborn ist Österreicher, er hat sich mit seinem Loblied auf Amoris laetitia trotz seiner früheren Ratzinger-Gefolgschaft bei den Konservativen sehr unbeliebt gemacht. In dieselbe Ecke manövrierte sich jüngst auch Gerhard Ludwig Müller, der deutsche Präfekt der Glaubenskongregation. In einem Fernsehinterview kritisierte er die Veröffentlichung der "Dubia" der vier Kardinäle, unter ihnen Burke und Joachim Meisner, der ehemalige Erzbischof von Köln. Als Müller auch noch behauptete, es bestehe "keine Gefahr für den Glauben" und Amoris laetitia sei in ihrer Doktrin "sehr klar", verstanden viele stramme Katholiken die Welt nicht mehr. Sie dachten bislang, Müller sei einer von ihnen.

In der Phalanx der germanischen Wegbereiter des Reformkatholizismus darf man auch den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz nicht vergessen. Seine Gegner warfen Reinhard Kardinal Marx unter anderem die Organisation einer "Schattensynode" vor, Marx hatte eine völlig legitime, den Bischofsberatungen in Rom vorgezogene Tagung zum Thema Ehe und Familie veranstaltet. Auch er ist für die Kasper-Linie. Weil die in die Enge getriebenen deutschen Malteserritter und insbesondere ihr Vorsitzender Lobkowicz einen guten Draht ins Münchner Erzbistum haben, wird gemunkelt, Marx habe in Rom seine Stimme für von Boeselager erhoben. Am 21. September verfügte Papst Franziskus die Einrichtung einer Untersuchungskommission, deren Bericht ihm vor Tagen vorgelegt wurde. Anschließend forderte Franziskus den Großmeister zum Rücktritt auf.

Ob das wirklich eine gute Idee war, wird sich zeigen. Der Malteserorden ist ein souveränes Völkerrechtssubjekt, das Pässe ausstellt, Briefmarken druckt, eigene Kfz-Kennzeichen, eine Hymne, das Münzrecht hat und Beziehungen zu über 100 Staaten pflegt. Die Einrichtung einer Untersuchungskommission zum Fall Boeselager hatte Großmeister Festing als "rechtlich bedeutungslos" charakterisiert und die Mitglieder des Ordens angewiesen, nicht mit den Kommissaren zu kooperieren. Dafür musste er nun büßen. Die Folge ist ein institutioneller Konflikt als Konsequenz des ausgeuferten Machtkampfes. Wer offen gegen ihn zu rebellieren versucht – so lautet die Botschaft des Papstes an seine Widersacher - für den gelten auch anerkannte Grundsätze des friedlichen Zusammenlebens nicht mehr. Im Fall des Malteserordens hebelte Franziskus das Völkerrecht aus.

Der liberale Flügel im Orden erkennt im Papst hingegen einen entschlossenen Wegbereiter für eine zeitgemäßere Organisation der Malteser. Seine Gegner hoffen, dass das Bauchgefühl von Franziskus, demzufolge er nicht länger als fünf Jahre im Amt sein wird, so schnell wie möglich Wirklichkeit wird. Gerne auch per Rücktritt, so wie bei seinem vor bald vier Jahren zurückgetretenen Vorgänger Benedikt XVI. Der war in den Augen der katholischen Traditionalisten einst ein unbeirrbarer Fels in der Brandung des Zeitgeistes. Aber eben auch ein Deutscher, der dann schwach wurde, vom Kreuz stieg und mit seinem Amtsverzicht den Schlamassel überhaupt erst möglich machte.

Dieser Artikel ist eine aktualisierte Version des Artikels "Die Krise mit Tradition" aus Christ&Welt Nr. 5 vom 26.01.2017.