Wer an Bernd und seinen Nachbarn vorbeigeht oder vorbeiradelt, der hat es in diesen Tagen eilig. Ziemlich eilig sogar, denn sobald es dunkel wird, zeigt das Thermometer in München zweistellige Minusgrade an, auf dem Weg entlang der Isar liegt eine dicke Schneedecke. Eigentlich viel zu kalt, um lange im Freien zu bleiben. Aber Bernd hält es hier aus, Tag und Nacht. Der Platz unter den Bögen der Wittelsbacherbrücke ist sein Zuhause. Es besteht aus nicht viel mehr als einem Matratzenlager, das er sich mit anderen Obdachlosen teilt. Wirklichen Schutz gegen die Kälte bieten auch ihre Decken und Schlafsäcke nicht.

Wie viele Menschen es insgesamt gibt, die in München versuchen, den Winter irgendwie im Freien zu überstehen, weiß niemand. Die Stadtverwaltung kann es nur schätzen, sie geht von 550 bis 600 Obdachlosen aus. "Wir befürchten aber, dass die tatsächliche Zahl viel höher liegt", sagen mehrere Vereine, freiwillige Helfer und soziale Einrichtungen, die sich um Obdachlose kümmern.

Wer nachts durch München streift, glaubt das sofort. Dort liegen neuerdings in vielen Ecken Menschen in aufgeplusterten Schlafsäcken. Manchmal sogar in Geschäftseingängen abgelegener Einkaufsstraßen. Früher hat man höchstens mal auf den Lüftungsschlitzen vorm Bahnhofskaufhaus einen von ihnen übernachten sehen. Die Innenstadt mit der Fußgängerzone und den Haupteinkaufsstraßen ist für Obdachlose tabu, niemand soll das Elend sehen. Aber schon ein paar Straßen weiter schlafen sie in der Kälte.

Die Stadt hat schon seit Jahren nicht mehr genau nachgezählt, wie hoch die Zahl der Obdachlosen ist, so wie viele andere deutsche Großstädte auch nicht. München will immerhin im laufenden Jahr eine Erhebung durchführen. Dringend nötig wäre so eine Statistik, denn die jüngsten Zahlen des Sozialreferats lassen Schlimmes befürchten: Rund 6.000 Wohnungslose gibt es demnach aktuell in der bayerischen Hauptstadt, also Menschen ohne festen Wohnsitz. Vor vier Jahren waren es erst 3800. Einige von ihnen haben zwar ein Dach über dem Kopf: Viele kommen zeitweise bei Verwandten oder Freunden unter, leben in Gartenlauben oder Heimen oder sind in städtischen Wohnungen untergebracht. Immerhin jeder Zehnte von ihnen lebt aber wohl tatsächlich auf der Straße.

Auch in den anderen Großstädten sind die Obdachlosenzahlen sprunghaft gestiegen, vor allem in Berlin. Eine Schätzung der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe schätzte die Zahl der Wohnsitzlosen hierzulande für 2015 auf 335.000. Für 2016 prognostizierte sie bereits rund 400.000 Wohnungslose bundesweit. Das wären gut 60 Prozent mehr als noch 2010.

Von diesen Wohnsitzlosen sind nach Schätzungen des Verbandes etwa 40.000 Menschen obdachlos, leben also auf der Straße. 2010 waren es 22.000 Menschen, also etwa die Hälfte. Rund 2.000 Obdachlose gibt es derzeit vermutlich in Hamburg, etwa 4.000 in Berlin. Und die Zahlen steigen weiter, sagt die Wohnungslosenhilfe: Bis 2018 erwartet sie bereits über eine halbe Million Menschen ohne Wohnung. Das würde rund 50.000 Obdachlose bedeuten.

Fragt man bei den Einrichtungen, die sich um die Betroffenen kümmern, nach den Gründen für den rasanten Anstieg, bekommt man zumeist die gleiche Antwort: "Es ist der Mangel an bezahlbarem Wohnraum, weswegen heute doppelt so viele Menschen in Notunterkünften leben wie noch vor fünf Jahren", sagt Christof Lochner vom evangelischen Hilfswerk München. "Es gibt viel zu wenige günstige Wohnungen und schon jetzt kommt der Neubau nicht wirklich hinterher. Das Problem wird sich daher weiter verschärfen." Das Sozialreferat bestätigt das: "Die Wohnungskapazität wächst langsamer, als die Wohnungslosigkeit zunimmt." Und das gilt nicht nur für die bayerische Landeshauptstadt, die allerdings als härtester Wohnungsmarkt hierzulande gilt.

2014 verloren 86.000 Bundesbürger laut Statistik ihre Wohnung und damit ihren Wohnsitz. Viele, weil sie die Miete nicht mehr bezahlen konnten. Oder weil sie sich von ihren Partnern trennten, die Miete allein aber nicht mehr tragen konnten.