Thomas Fischer ist Bundesrichter in Karlsruhe und schreibt für ZEIT und ZEIT ONLINE über Rechtsfragen. Weitere Artikel seiner Kolumne Fischer im Recht finden Sie hier – und auf seiner Website.

Vorwort: über komplizierte und einfache Sprache

Liebe Leserinnen und Leser, erscheint Ihnen die Sprache des (Straf-)Rechts gelegentlich verschraubt, umständlich, unpersönlich? Haben Sie den Eindruck, in Gesetzen, Urteilen und Verfügungen würde eine Herrschaftssprache gepflegt, hinter der sich weniger plausibler Inhalt als symbolische Distanz verbirgt? Damit sind Sie nicht allein!

"Der Verurteilte versteht sehr wohl, was das Urteil ihm auferlegt, doch über die Gründe kann ihm auch sein Anwalt allenfalls eine Ahnung verschaffen",

lautete der bittere Befund, den Autor Andreas Zielcke (ein gelernter Rechtsanwalt) in der Süddeutschen Zeitung vom 28. Januar (Seite 17) erhob. Der Leser versucht sich vorzustellen, wie der wegen Raubs verurteilte Angeklagte oder der zur Zahlung verurteilte Schuldner erschüttert und verständnislos auf die Urteilsformel starren, derweil ihre Rechtsanwälte mit den Schultern zucken und bekennen, es sei auch ihnen völlig unerklärlich geblieben, warum man wegen eines Tankstellenüberfalls vier Jahre Freiheitsstrafe verbüßen oder warum man ein Darlehen irgendwann zurückzahlen müsse.

Ja, die Rechtssprache ist ein Kreuz! Es kommt über die Menschen wie die Bedienungsanleitung chinesischer Radiowecker oder die 192-seitige Kurzanleitung zur App-gesteuerten Verlinkung sämtlicher Social Media mit dem heimischen Streaming-Client. Nehmen wir als abschreckendes Beispiel ein Zitat aus einem kürzlich ergangenen Urteil eines beliebigen Amtsgerichts: "Der Angeklagte hat sich dadurch, dass er mittels Aufhebeln der Terrassentür in das Wohnhaus der Geschädigten eindrang und dort Bargeld in Höhe von 5.000 € entwendete, des Wohnungseinbruchsdiebstahls (Paragraf 242, 244 Abs. 1 Nr. 3 StGB) schuldig gemacht." Wer soll so etwas verstehen?

Die Kunst feiner Sprachkritik und schonungsloser Analyse der unverständlichen Kunstsprache des Rechts ist weit verbreitet. Man findet sie in allen Schichten und Medien, sehr gern im Internet und am Stammtisch. Ihre höchste und zugleich eindringlichste Form erreicht sie in den Feuilletons. Wer etwa könnte das Vertrackte des allenfalls Ahnungen vermittelnden Kauderwelschs besser auf einen allgemeinverständlichen populären Sound herunterbrechen als Herr Zielcke:

"Schon aus sprachlogischen und hermeneutischen Gründen enthalten Urteile ein gerüttelt Maß an Kontingenz und Subjektivität. So verbreitet diese Erkenntnis inzwischen ist, so unbeirrt werden ihre Implikationen im richterlichen Alltag ignoriert (…) Ohne beharrliche Selbstbezüglichkeit und ohne komplizierte Verflechtung ihrer Begriffe kann die Sprache des Rechts nicht leisten, was sie leisten soll, zumal in Zeiten komplexer gesellschaftlicher Steuerungsprobleme."

Das Komplizierte kommt aus dem Komplexen, die Implikation aus der Explikation, die Kontingenz aus der Hermeneutik, so spricht der Rechtsanwalt. Oder umgekehrt. Ja, wenn das so ist, denkt der Mandant, sieht die Sache anders aus, und fährt zufrieden zur Hölle.

Die SZ ist nicht das einzige Leitmedium, das sich am vergangenen Wochenende um die Rechtssprache verdient gemacht hat. Ein hammermäßig cooles Zusammenschrumpfen von Komplexität auf Plausibilität ist der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS) am 29. Januar gelungen. Im Leitartikel des Wirtschaftsteils vertrat dort die Autorin Jenni Thier die Ansicht, die Justiz solle Unterhaltspflichtverletzer (eine Straftat nach Paragraf 170 StGB) strenger verfolgen, insbesondere die allfälligen Rückstände konsequenter eintreiben. Von diesem Bekenntnis aus ist der argumentative Weg zur metaphorischen Vergleichsanalyse mit dem Steuerrecht natürlich zwanglos vorgezeichnet, sodass die Autorin fortfährt: "Um Steuerhinterziehern auf die Schliche zu kommen, investiert die Politik (?) gerne (?) mal (?) ein paar Millionen in den fragwürdigen (!) Kauf einer Daten-CD mit mutmaßlichen Drückebergern."