"Es sollten sich alle freuen, dass sich die Ereignisse aus dem letzten Jahr nicht wiederholt haben", sagt Thomas Wüppesahl von der Bundesarbeitsgemeinschaft Kritischer Polizistinnen und Polizisten. Auch er hält das Vorgehen der Polizei für gut und richtig. "Noch unverhältnismäßiger wäre es gewesen, wenn die Polizisten alle Menschen kontrolliert hätten." Der Sprecher der Kritischen Polizisten sagt aber auch: "Natürlich findet racial profiling in Deutschland statt, aber man muss den Einzelfall betrachten."

Solche Fälle beschäftigten deutsche Gerichte immer wieder, vor allem im Zusammenhang mit dem Vorgehen der Bundespolizei gegen illegale Einreise. Das Oberverwaltungsgericht Koblenz entschied 2012, dass Kontrollen der Bundespolizei aufgrund der Hautfarbe gegen das Diskriminierungsverbot verstoßen. Geklagt hatte ein schwarzer deutscher Student, den Bundespolizisten im Zug von Kassel nach Frankfurt am Main nach seinen Papieren fragten. Ein ähnliches Urteil fällte das Oberverwaltungsgericht Rheinland-Pfalz im April dieses Jahres, nachdem eine schwarze deutsche Familie in einem Zug kontrolliert wurde und geklagt hatte.

Verlässliche Zahlen zum racial profiling sind schwer zu ermitteln. Laut der Antidiskriminierungsstelle des Bundes wurden zwischen 2006 und 2015 rund 50 Fälle registriert, in denen sich Bürger beschwerten, wegen ihres ausländischen Aussehens kontrolliert worden zu sein. Einer Umfrage der Europäischen Grundrechteagentur FRA aus dem Jahr 2010 zufolge wurden befragte Türken und Deutsche mit türkischem Migrationshintergrund sowie Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien mehr als doppelt so häufig von der Polizei angehalten und nach ihrem Ausweis gefragt wie Personen der Mehrheitsbevölkerung.

In der Silvesternacht in Köln sei die Polizei nicht repressiv vorgegangen, habe also nicht im Nachhinein nach Tätern mit bestimmten äußerlichen Merkmalen gefahndet, sondern präventiv, gibt Polizeiwissenschaftler Behr zu Bedenken. "Es ging darum, eine Gefahr zu verhindern, und da gibt das Gesetz der Polizei etwas mehr Entscheidungsspielraum." Undurchsichtig werde es allerdings, so Behr, wenn es darum gehe, Verhaltensabsichten einzuschätzen. "Welches konkrete Verhalten hat den Polizisten vor Ort gezeigt, dass es sich um potenzielle Straftäter handelt?", fragt Behr.

Bundespolizei meldet Anreise aggressiver Gruppen

Laut der Kölner Polizei hatte die Bundespolizei schon aus den Zügen gemeldet, dass "hochaggressive" Gruppen nach Köln unterwegs seien. Die Beamten hätten dann im Bahnhof das Gruppenverhalten und auch das Verhalten einzelner Personen beobachtet und davon ausgehend kontrolliert. Das Verhalten der Männer habe darauf schließen lassen, dass mit Straftaten zu rechnen gewesen sei.

"Die Polizei muss ihre Kriterien klarer kommunizieren", fordert der Sprecher der Kritischen Polizisten, Wüppesahl. Die Schwierigkeit dabei: Trotzdem müssten Interna wie die Polizeitaktik vertraulich bleiben. Die Polizeiexperten sind nicht glücklich, dass das interne bürokratische Kürzel Nafri seit einem Jahr nach außen dringt. Für die Beamten ist es die Bezeichnung für ein Tatverdächtigenprofil, das vor allem in Köln und Düsseldorf seit einigen Jahren für Kleinkriminelle aus nordafrikanischen Ländern benutzt wird, die zudem oft keine Aufenthaltserlaubnis haben. Für Kritiker ein Anlass, racial profiling zu vermuten.

"In dem Moment, wenn die Leute aus dem Zug kommen, muss der Einsatzleiter etwas anordnen", sagt der Kriminologe Behr. Die Alternative wäre gewesen, die Männer unkontrolliert zu lassen und sie zu beobachten. "Dann hätte man aber möglicherweise Schlimmeres riskiert." Die Polizei habe unter erheblichem Druck gestanden, dass sich die Übergriffe von vor einem Jahr nicht wiederholen, so Behr. "Ob das in Zukunft die Lösung ist, wage ich zu bezweifeln, denn mit hohem Polizeiaufkommen feiern wir ja auch nicht automatisch fröhliche Feste, auf denen nichts mehr passiert."