In der Debatte über islamistisch motivierte Terroranschläge in Europa wird immer wieder die Frage aufgeworfen, welche Rolle der Islam bei der Radikalisierung von jungen Menschen spielt. Islamfeinde sehen Terrorgruppen wie den selbst ernannten "Islamischen Staat" (IS) als Ausdruck einer ihrer Meinung nach gewaltbereiten Natur des Islams. Auf der anderen Seite hört man jene, die jeden Bezug zur Religion reflexartig abstreiten. Beide Sichtweisen erklären nicht, woher die Gewaltbereitschaft von islamistischen Terroristen rührt. Um das zu verstehen, sollte man religiöse und nichtreligiöse Komponenten gleichermaßen berücksichtigen.

Gemeinhin schreibt man militanten Gruppen wie Al-Kaida und dem IS ein salafistisches Islamverständnis zu. Doch wofür steht das eigentlich? Dem wollen wir hier nachgehen.

Was hat der Salafismus mit dem Islam zu tun?

Theologisch gesehen lassen sich einzelne Elemente des salafistischen Islamverständnisses auf einzelne Personen und Entwicklungen in der Geschichte des Islams zurückführen. Da wäre zum einen eine wortwörtliche Auslegung der heiligen Quellen des Islams, des Koran und der Überlieferungen der Aussagen und Taten des Propheten (Hadithe). Diese Lesart wurde so allerdings nicht von Mohammed selbst gepredigt, sondern entwickelte sich erst im 9. Jahrhundert. Grund war der zunehmende Einfluss von Gelehrten, die durch die altgriechische Philosophie inspiriert waren und versuchten, die Texte rational zu deuten.

Hazim Fouad ist Islamwissenschaftler und arbeitet beim Senator für Inneres der Freien Hansestadt Bremen. 2014 erschien im Herder-Verlag der von ihm und Behnam T. Said herausgegebene Sammelband "Salafismus. Auf der Suche nach dem wahren Islam". Nebenberuflich promoviert Fouad zum Thema "Zeitgenössische muslimische Kritik am Salafismus" an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. © Christiane Mester

Die Anhänger der Gegenbewegung zu den Rationalisten um den Gelehrten Ahmad ibn Hanbal nannten sich ahl al-hadith, also Anhänger der Überlieferung, und gaben vor, über ihren buchstabengetreuen Ansatz dem Islamverständnis der ersten Muslime, den salaf, zu folgen. Mehrheitsfähig wurden diese Positionen nie. Die aus dem Wirken Ibn Hanbals hervorgegangene Rechtsschule milderte ihre Positionen im Laufe der Zeit deutlich ab. Die meisten heutigen Muslime folgen anderen theologischen Schulen, die den Gebrauch des Verstandes für die Exegese klar befürworten. 

Aufgegriffen und verfeinert wurde Ibn Hanbals theologisches Erbe erst mehr als 400 Jahre später durch den Gelehrten Ahmad ibn Taymiyya. Der Kontext für seine Überlegungen war jedoch ein völlig anderer. Als Zeitzeuge der letzten Nachwirkungen der Kreuzzüge und des Mongolensturms sah er die islamische Welt von Feinden umgeben und außerstande, sich derer effektiv zu erwehren. Den Grund dafür sah er in der Nachlässigkeit seiner Zeitgenossen bei der korrekten Ausübung ihrer Religion sowie im Einfluss der mystischen Orden und ihrer vermeintlich unislamischen Praktiken.

Heutige Salafisten versuchen gern, eine nahtlose ideologische Linie vom Propheten Mohammed zu sich selbst zu ziehen. Allerdings gibt es außer Ibn Hanbal und Ibn Taymiyya nur wenige Gelehrte, auf die sie sich beziehen können. Der Salafismus hat also insofern mit dem Islam zu tun, als dass es sich um eine von Dutzenden Strömungen innerhalb der Religion handelt. Bis heute machen Salafisten aber nur einen Bruchteil der Muslime aus.

Wie entstand der Salafismus als Bewegung?

Vorläufer des modernen Salafismus war die nach ihrem Gründer Mohammed ibn Abdel Wahhab benannte wahhabitische Bewegung. Sie kam im 18. Jahrhundert auf der Arabischen Halbinsel auf und wurde zu einer Massenbewegung. Ein Grund für die weite Verbreitung der theologischen Positionen Wahhabs war sein Bündnis mit dem einflussreichen Stamm der Al-Saud, das dem Vorhaben Wahhabs den militärischen Rückhalt sicherte. Nach der Gründung des Königreichs Saudi-Arabien 1932 wurde der Wahhabismus dort zur Staatsdoktrin. Auf diese wahhabitische Bewegung bezieht sich der Salafismus, der aber ein Produkt des 20. Jahrhunderts ist.

Wahhabs radikales Islamverständnis war gekennzeichnet von einem rigorosen Freund-Feind-Schema, dessen Zielscheibe in erster Linie andere Muslime waren. Seine streng konservative Lesart des Islams vertrat eine wortwörtliche Auslegung des Koran und der Sunna, also der Überlieferungen über das Leben, die Taten und Aussagen des Propheten. Wer ein anderes Verständnis vom Islam hatte als die Wahhabiten, galt ihnen als Ungläubiger, der bekämpft werden musste. Es sollte daher nicht verwundern, dass sich die Wahhabiten heftiger innermuslimischer Kritik ausgesetzt sahen. Vermutlich wäre die wahhabitische Bewegung alsbald in der Versenkung verschwunden, hätten nicht politische Entwicklungen ihr Fortbestehen gesichert.

Während zu Anfang des 20. Jahrhunderts europäische Kolonialmächte nahezu die gesamte arabische Welt besetzten, gelang es dem jungen saudischen Königreich über Bündnispolitik mit westlichen Partnern, seine Unabhängigkeit zu wahren. Die Entdeckung von gigantischen Erdölreserven und die dadurch generierte Finanzkraft waren ein weiterer Baustein, der Saudi-Arabien half, zur Regionalmacht aufzusteigen und sein Islamverständnis weltweit zu propagieren.