"Die vollkommenste Gotteserkenntnis vollzieht sich beim Geschlechtsakt", schrieb ein Gelehrter aus dem 13. Jahrhundert in Andalusien. Und im 17. Jahrhundert schrieb ein indischer Gelehrter: "Ich erblickte die Präsenz Gottes in den Körperteilen der Frau." Diese zwei Aussagen stammen von zwei einflussreichen muslimischen Theologen.

Man kann sich kaum vorstellen, so etwas von heutigen Gelehrten zu hören.

Nichts verdeutlicht den drastischen Wandel des muslimischen Denkens in den vergangenen 200 Jahren deutlicher als das Thema Sex und Erotik. Denn bis zum 19. Jahrhundert existierte in der muslimischen Welt eine lebendige erotische Kultur, die sich in der Dichtung, in Geschichten oder Ratgebern niederschlug.

Während es heute unvorstellbar ist, dass ein Korankommentator einen erotischen Roman à la Shades of Grey schreibt, finden wir in den muslimischen Traditionen der Vormoderne zahlreiche Gelehrte, die neben theologischen Werken auch erotische Texte verfassten. Heute wissen viele Muslime kaum etwas über dieses Erbe, das zum größten Teil in Form von Handschriften in Bibliotheken und Archiven verstreut liegt. 

Ali Ghandour wurde 1983 in Casablanca in Marokko geboren. Er hat in Leipzig Arabistik und Politikwissenschaft mit Schwerpunkt Islamwissenschaft studiert. Seit 2012 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter und Doktorand am Zentrum für Islamische Theologie an der Universität Münster. In seiner Dissertation untersucht er die Erkenntnistheorie von Ibn al-Arabi. Sein Buch "Lust und Gunst: Sex und Erotik bei den muslimischen Gelehrten" erschien 2015 in Hamburg. © privat

Die offene Haltung früherer Muslime zur Erotik kommt nicht von ungefähr. Selbst im Koran, der für die Muslime die göttliche Rede ist, wird über Sex gesprochen. Ja, im Koran werden die Erotik und das sexuelle Genießen als etwas Positives gesehen. Vom Propheten Muhammad gibt es zudem zahlreiche Überlieferungen, denen zufolge er seinen Anhängern Ratschläge gab, wie sie und ihre Frauen die sexuelle Beziehung genießen können. Er verwies etwa auf die Bedeutung des Vorspiels und gebot seinen Gefährten, den Geschlechtsakt erst zu beenden, wenn auch die Frau zum Höhepunkt gekommen ist. Ob sich seine Anhänger heute wohl an dieses prophetische Gebot halten?

In der muslimischen Tradition gibt es eine Fülle von Gedichten, die Liebe und Erotik thematisieren, die hemmungslos von der Lust erzählen. Die Liebe in all ihren Formen, sei es die Liebe zu einer Frau oder zu einem jungen Mann, wurde in zahllosen Gedichten besungen. Ja, Sie lesen richtig: Die Homoerotik war ein fester Bestandteil der klassischen Dichtung, sowohl der arabischen als auch der persischen.

Verse wie dieser des arabischen Dichters Ibn al-Rumi:

Verdorben wurde meine Reue
Von einem jungen Burschen
Zart wie ein Ast, glänzend wie der Mond

oder von Ibn al-Hadschadsch:

Härchen sprossen am Tor seiner Rosette
Weich wie zarte Blümchen
Jungfräulich wie ein Mädchen 

waren weit verbreitet.

Gegen diese Dichter wurden weder Todesfatwas verhängt, noch lebten sie versteckt. Vielmehr waren sie bekannte Literaten ihrer Zeit, die von den einen gefeiert und von anderen abgelehnt wurden.

Wenn heutige Muslime erfahren, dass einst bekannte Rechtsgelehrte homoerotische Gedichte schrieben, sind sie irritiert. Denn es passt weder zum richtigen Islam, wie sie ihn sich jetzt vorstellen, noch zu dem Bild, das sie von den muslimischen Gelehrten und Gesellschaften der Vormoderne haben. Das Erstaunen wird noch größer, wenn sie sich die explizit erotische Literatur vor Augen führen, die nicht weniger bedeutend war als die indische Erotik. Wir verdanken ihr Werke, die dem Kamasutra vergleichbar sind.

Nicht ohne Grund zählte der französische Philosoph Michel Foucault die muslimischen Zivilisationen zu jenen, die eine erotische Kunst kennen. Die Frage ist allerdings: Wo ist diese Kunst geblieben? Wo sind die muslimischen Gelehrten und Dichter heute, die über die Erotik frei schreiben, wie es ihre Vorgänger in der Vormoderne taten? Man sucht sie vergeblich.

Um diesen Wandel zu verstehen, muss man verstehen, was in der Zeit zwischen dem Ende des 18. Jahrhunderts und dem Anfang des 20. Jahrhunderts passierte. Für die meisten muslimischen Gesellschaften war das wichtigste Ereignis dieser Zeit das Entstehen der Kolonialmächte. Diese waren sowohl aktiv als auch passiv an radikalen Transformationen beteiligt. 

Eine dieser Transformationen ist die Industrialisierung. Sie war ein wichtiger Faktor bei der Umstrukturierung der damaligen Gesellschaften. Die Rationalisierung der Rohstoffgewinnung und Verarbeitung in den Kolonien schufen neue Arbeitsmärkte in den Metropolen. Unterstützt von den neuen Transportmitteln und auf einen sozialen Aufstieg hoffend kam die Landbevölkerung vermehrt in die Städte. Das zog eine allmähliche demographische Umstrukturierung nach sich: Die einstige Landbevölkerung stellte die Mehrheit in den Städten. Sie war, wie es auch heute noch der Fall ist, bildungsferner und konservativer als die urbane Klasse. Damit ist viel von der alten Offenheit gegenüber Erotik und Sexualität verloren gegangen.