Die Kölner Polizei hat ihre Angaben zur Nationalität der an Silvester am Hauptbahnhof kontrollierten jungen Männer relativiert. So habe man noch ekine endgültigen Erkenntnisse über die Nationalität der rund 650 überprüften Personen. "Viele dieser Personen haben sich mit Dokumenten und Bescheinigungen ausgewiesen, die nicht als sichere Dokumente im Sinne einer zweifelsfreien Bestimmung der Staatsangehörigkeit gelten", hieß es in einer Mitteilung der Polizei.

Zuvor hatte die von der Polizei eingerichtete Arbeitsgruppe erste Zwischenergebnisse zu den Abläufen und Zusammenhänge der Ereignisse vom Jahreswechsel bekanntgegeben. Demnach stammen die überprüften Migranten nicht wie bislang angenommen vor allem aus Nordafrika, sondern zu einem großen Teil aus dem Irak, aus Syrien und Afghanistan.

In früheren Äußerungen zu ihrem diesjährigen Silvestereinsatz hatten Vertreter der Kölner Polizei davon gesprochen, dass sie größere Gruppen von aggressiv auftretenden Männern aus Nordafrika gestoppt hätten, um etwaige Übergriffe wie in der Silvesternacht des vorigen Jahres zu verhindern. Wegen des Einsatzes und der Verwendung des Begriffs "Nafri" für Nordafrikaner in einer einsatzbegleitenden Twitter-Botschaft hatte es tagelang Diskussionen gegeben. Einige Beobachter kritisierten die Polizei und warfen den Beamten "Racial Profiling" vor. Darunter wird eine Methode verstanden, sich bei Kontrollen und Ermittlungen von der Hautfarbe oder anderen äußeren Merkmalen leiten zu lassen. Dies ist aber verboten.

Nationalitäten erst "vorläufig" zugewiesen

Insgesamt überprüften die Beamten dabei die Personalien von 674 Menschen. Die Berichte darüber bezeichnete die Polizei indes als "zum Teil irreführend". So hätte die die "Arbeitsgruppe Silvester 2016" inzwischen lediglich 425 kontrollierten Männern "vorläufig" Nationalitäten zuordnen können. Es sei aber aus aktuellen Ermittlungsverfahren bekannt, dass sich "insbesondere junge Männer" als "Kriegsflüchtlinge aus Syrien" ausgäben, um als Asylsuchende anerkannt zu werden. "Es ist daher nicht auszuschließen, dass sich unter den 425 Personen noch eine größere Anzahl nordafrikanischer Männer befindet", erklärten die Ermittler weiter. Genauere Aussagen dazu ließen sich aber erst nach weiteren polizeilichen Ermittlungen treffen.

Nach Angaben des Kölner Polizeipräsidenten Jürgen Mathies hat die Bundespolizei in der Silvesternacht etwa 2.000 "nordafrikanisch beziehungsweise arabisch aussehende junge Männern" im Bereich des Hauptbahnhofs und des Deutzer Bahnhofs registriert. Diese Zahl habe sich dabei auch mit den eigenen Feststellungen der Kölner Polizei gedeckt.

Mathies zufolge befand sich nach bisherigen Auswertungen unter den in diesem Jahr Kontrollierten kein Verdächtiger aus dem vergangenen Jahr und keiner derjenigen, denen vorab ein Besuch des Bereichs verboten worden war. Dabei handelte es sich um 75 Männer. Silvester 2015 hatte es dort zahlreiche sexuelle Übergriffe, Diebstähle und andere Delikte gegeben. Diese waren aus einer größeren Menge heraus verübt worden. Die Ermittler der Arbeitsgruppe prüfen derzeit die "Reisewege" der in diesem Jahr kontrollierten Menschen bis in andere Bundesländer und das europäische Ausland. Dafür hätten sie auch das Bundeskriminalamt um Hilfe gebeten.

"Aggressive Grundstimmung"

Die Kölnische Rundschau hatte einen Ermittler zitiert, wonach es derzeit am wahrscheinlichsten sei, dass sich viele Männer schlicht aus verschiedenen Flüchtlingsunterkünften im Bund oder im Land kannten und sich verabredet hatten, das diesjährige Silvester gemeinsam in der nächstgelegenen Großstadt zu feiern. Ein Verhalten, das der Sozialwissenschaftler Mimoun Berrissoun kennt. Er leitet in Köln die Organisation 180-Grad-Wende, die jungen Nordafrikanern Wege aus Kriminalität und sozialer Isolation weisen will. Die jungen Männer seien oft über soziale Netzwerke und Messengerdienste verbunden, ihre Handlungen folgten einer Schwarmintelligenz. "Wenn einer sagt, lass uns mal nach Köln fahren, verbreitet sich das und andere folgen." Auch an Silvester seien so viele kleine Grüppchen aus dem Umland angereist.

Die Bundespolizei hatte auf Anfrage von ZEIT ONLINE schon am 5. Januar berichtet, dass in der Silvesternacht Personen vieler verschiedener Nationalitäten Richtung Köln unterwegs gewesen seien. Zivile Beamte hatten in Zügen Gruppen von Männern im Alter zwischen 18 und 35 Jahren beobachtet, die aus verschiedenen Städten des Ruhrgebiets und vom Niederrhein kamen. Viele von ihnen wollten nach Köln, doch 800 weitere junge Männer stiegen auch am Düsseldorfer Hauptbahnhof aus. Die Passagiere hätten eine "aggressive Grundstimmung" gehabt und seien alkoholisiert gewesen. Schon damals sprach die Bundespolizei von Männern aus Maghreb-Staaten, aber auch von Syrern, Afghanen, Pakistanern und Deutschen.

Insgesamt hatte die Bundespolizei damals 170 Personen wegen festgestellter oder schon registrierte Straftaten oder gefahrenabwehrender Maßnahmen erfasst. Diese Menschen hatten 23 verschiedene Staatsangehörigkeiten, unter ihnen waren 56 Deutsche, 23 Syrer, 22 Algerier und 17 Marokkaner.