Eines hatte sich die Polizei vor der Silvesternacht von Köln fest vorgenommen: Die Vorfälle vom vergangenen Jahr durften sich nicht wiederholen. Tatsächlich blieben Vergewaltigungen und vielfache Sexualdelikte diesmal aus. Was die Beamten indes nicht verhindern konnten, ist, dass über die Ereignisse der Nacht wieder gestritten wird. Wie vor einem Jahr wird spekuliert und angeklagt. Zugleich bleiben viele Fragen offen. Eine lautet: Warum kamen wieder Hunderte Nordafrikaner zu Silvester nach Köln?

Was man bisher sicher weiß, ist so wenig, dass man sich über manches rasche Urteil nur wundern kann. Schnell war in den Medien die Rede davon, rund 2.000 nordafrikanische Männer seien von der Polizei davon abgehalten worden, am Kölner Hauptbahnhof Straftaten zu begehen. Ganze Gruppen hätten sich dazu in der Domstadt verabredet. Im Westdeutschen Rundfunk sprach ein Kommentator kurz nach der Silvesternacht von "gewaltgeilen Männerhorden", die unterwegs gewesen sein sollen. Der CDU-Abgeordnete und Innenpolitiker Armin Schuster vermutete sogar, die jungen Nordafrikaner hätten eine Machtprobe mit der Polizei gesucht.

Dabei ist sich die Polizei da selbst nicht so sicher. Polizeipräsident Jürgen Mathies setzte am Mittwoch eine Arbeitsgruppe ein, die feststellen soll, "warum so viele junge Nordafrikaner auch zu Silvester 2016 nach Köln gekommen sind und warum sie nahezu zeitgleich aus dem Bundesgebiet am Hauptbahnhof eintrafen". Die Polizei will auch herausfinden, ob sich Gruppen dieser Männer verabredet hatten.

"Fahndungsrelevantes Klientel"

Denn bislang ist nur belegt, dass sich am Silvesterabend eine größere Zahl Nordafrikaner rund um den Hauptbahnhof in Köln aufhielt. Die Kölner Polizei hatte noch in der Nacht von 1.000 Personen gesprochen, die "polizeilichen Maßnahmen zugeführt" worden seien.

Die Zahl 2.000 stammt von der Bundespolizei. Sie bezieht sich, so ergaben Nachfragen von ZEIT ONLINE, jedoch nicht alleine auf Nordafrikaner, sondern auch auf Syrer, Afghanen, Pakistaner und deutsche Männer. Denn Bundespolizisten hielten nicht nur wegen der Erfahrungen von Silvester 2015 in Zügen und Bahnhöfen Ausschau. Sondern auch, weil sowohl politisch rechte wie linke Gruppen Versammlungen angekündigt hatten. Zudem hatten die Beamten Sorge wegen der "aktuellen terroristischen Gefährdungslage".

Gemein war allen von der Bundespolizei beobachteten jungen Männern, dass sie in größeren Gruppen unterwegs waren. Manche hätten getrunken. Sie seien im Alter zwischen 18 und 35 Jahren gewesen und "mit einer gewissen Grundaggressivität" aufgetreten. Einige hätten Pyrotechnik dabei gehabt.

Reiseziel Düsseldorf

Die Gruppen, so beobachteten es zivile Bundespolizisten, die in den Zügen mitfuhren, kamen aus verschiedenen Städten des Ruhrgebiets und vom Niederrhein. Nicht alle von ihnen erreichten den Hauptbahnhof. Die Bundespolizei stoppte einen Zug mit 300 Personen am Bahnhof Deutz. Die Passagiere hätten eine "aggressive Grundstimmung" gehabt und seien alkoholisiert gewesen, berichteten die Beamten später. Andere wollten gar nicht nach Köln. So stiegen 800 weitere junge Männer am Düsseldorfer Hauptbahnhof aus.

Am Kölner Hauptbahnhof selbst sprach die Bundespolizei in der Silvesternacht 900 Platzverweise aus. Dazu kommen 300 Personenkontrollen oder Gefährderansprachen, wie die Polizei sie auch gegen aggressive Fußballfans anwendet.

Zwischen 22 und 24 Uhr seien zunehmend alkoholisierte Männer in den beiden Passagen des Bahnhofs aufgetaucht. Bundespolizisten hätten sie des Platzes verwiesen; viele von ihnen hätten den Bahnhof daraufhin Richtung Innenstadt verlassen. Dort nahm die Kölner Polizei einen Teil von ihnen in Empfang. Kurzzeitig, so gab Polizeipräsident Mathies später zu Protokoll, sei der Eindruck entstanden, der Einsatz könne "kippen". Deswegen seien weitere Hundertschaften angerückt. Am Ende behielt die Polizei die Kontrolle, die Straftaten hielten sich in üblichen Grenzen.

Unklares Bild

Seither versuchen auch Journalisten und Politiker zu verstehen, wer die Männergruppen waren, von denen in der Nacht Gefahr ausgegangen sein soll. Doch die Zahlen, die bisher öffentlich sind, machen das nicht gerade leichter. Die Kölner Polizei prüfte in der Nacht bei 650 Personen die Identität. Sechs Personen wurden festgenommen, 29 in Gewahrsam genommen. Doch um welchen Personenkreis es sich dabei genau handelte, kann Mathies bisher nicht sagen.

Silvester - Großer Polizeieinsatz zu Silvester in Köln 1.500 Polizisten in der Innenstadt, außerdem Absperrgitter und Einlasskontrollen: Nach Aussagen der Kölner Polizei verlief die Silvesternacht 2017 friedlich in Köln. Es kam zu 29 Gewahrsam- und sechs Festnahmen. © Foto: Henning Kaiser/dpa

Die Bundespolizei wiederum teilte mit, dass sie 170 Personen wegen festgestellter oder schon registrierte Straftaten oder gefahrenabwehrender Maßnahmen erfasst habe. Diese Menschen hatten jedoch 23 verschiedene Staatsangehörigkeiten, unter ihnen waren 56 Deutsche, 23 Syrer, 22 Algerier und 17 Marokkaner.

Zwar können die Zahlen dadurch verzerrt sein, dass viele Menschen nur des Platzes verwiesen wurden, ohne dass ihre Identität geprüft wurde. Allerdings belegen die Polizeiangaben bislang auch noch nicht, dass die größte Gefahr in der Nacht von nordafrikanischen Männern ausging.

Warum aber kamen Nordafrikaner überhaupt nach Köln? Wäre es nicht logischer gewesen, dass sie den Ort nach den Vorfällen des Vorjahres meiden?

"Ich fand die Atmosphäre gut"

Die Polizei hat dafür noch keine Erklärung. Hinweise findet jedoch, wer versucht, einige der jungen Männer selbst danach zu fragen, zum Beispiel Adil und Younus. Am Dienstagabend sitzen die beiden jungen Männer in den Köln Arcaden, einem Einkaufszentrum im Stadtteil Kalk, wo besonders viele Nordafrikaner leben. Beide sind 16 Jahre alt und in Marokko geboren. Im Einkaufszentrum sind sie oft, weil es dort freien WLAN-Zugang gibt. Hier schlagen sie meistens die Zeit tot.

Yunous kam vor einem Jahr nach Deutschland, Adil vor vier Jahren. Beide gehen nicht zur Schule, Adil hat sie vor einiger Zeit abgebrochen. Er sagt, dass er eine Ausbildung zum Fachinformatiker beginnen möchte, weiß aber noch nicht, wann und wie. Am Mittag war er bei einer Beratungsstelle für minderjährige Flüchtlinge, seither sitzt er auf der Bank und spielt mit seinem Smartphone. Auch als die Geschäfte irgendwann schließen, bleiben sie hocken.

"Einfach neugierig"

Adil sagt, er habe mit Yunous die Silvesternacht am Hauptbahnhof gefeiert: "Ich fand die Atmosphäre gut." Er war auch vergangenes Jahr über Silvester auf dem Bahnhofsvorplatz, doch damals war ihm die Stimmung zu aggressiv. Überall seien Taschendiebe gewesen und Leute, die ihm zu nahe gekommen seien.

Nachts um halb zwölf sei er mit Yunous und noch einem Freund aus dem Kölner Westen mit der S-Bahn zum Hauptbahnhof gefahren. "Wir waren einfach neugierig, wie es wird", sagt er. Angst, dass es so werden könnte wie im vergangenen Jahr, hätten sie keine gehabt. Als sie den Bahnhof verließen, habe die Polizei ihre Pässe kontrolliert und ihnen die Feuerwerkskörper abgenommen. "Die waren trotzdem freundlich zu uns", sagt Adil.

Neugier, sollte das alles sein? Mimoun Berrissoun überraschen solche Antworten nicht. Der Sozialwissenschaftler leitet in Köln die Organisation 180-Grad-Wende, die jungen Nordafrikanern Wege aus Kriminalität und sozialer Isolation weisen will. Berrissoun kennt eine Menge Nordafrikaner und er weiß, was sie umtreibt. Er sagt: "Es klingt vielleicht banal, aber der wichtigste Grund, warum so viele in Köln waren, ist ihre Unbekümmertheit." Viele hätten sicher über Bekannte mitbekommen, was in Köln los sein wird, dass die Polizei kontrollieren werde. Viele wüssten auch um die Ereignisse des vergangenen Jahres. Dennoch hätten sie sich gedacht: Lasst uns hinfahren. "Die denken: Ich bin über das Mittelmeer gekommen, da wirft mich eine Polizeikontrolle nicht um. Und ich will ja nichts Böses tun." Über die politische Tragweite ihres Handelns seien sie sich nicht bewusst.

Hinzu kommt eine schlichte Tatsache: In Nordrhein-Westfalen leben statistisch gesehen besonders viele Nordafrikaner. Der Grund dafür sei der Königssteiner Schlüssel, nach dem Asylbewerber über das Land verteilt werden, sagt Berrissoun.

In Deutschland gestrandet

Viele der jungen Nordafrikaner, sagt Berrissoun, seien in Deutschland gestrandete Flüchtlinge. Oft hätten sie schon in anderen Ländern Europas gelebt und seien auch dort auf keinen grünen Zweig gekommen. Ihr Asylantrag in Deutschland sei in den meisten Fällen chancenlos. Wird der Antrag abgelehnt, blieben sie mit einer Duldung im Land, weil sich das Abschiebeverfahren dahinschleppe. Dann hätten sie keine Aussicht auf ein legales Einkommen. Viele wohnten zudem in abgelegenen Unterkünften in Orten, in denen wenig los sei.

Diese jungen Männer finden selten Anschluss an eingesessene Maghrebiner im Land. Das erfährt, wer sich in der Kölner Taunusstraße mit Anwohnern und Geschäftsleuten unterhält. Die Straße im Stadtteil Kalk ist nur etwa 500 Meter lang. Auf engstem Raum gibt es hier eine arabische Moschee-Gemeinde, einen marokkanischen Kulturverein und mehrere arabische Lebensmittelhändler. Viele nordafrikanische Männer kommen aus anderen Kölner Vierteln auf einen Tee in einem der Cafés vorbei.

"Alle wollen an Silvester feiern, aber als Schwarzkopf ist das schwierig", sagt Ali, ein Lebensmittelhändler, der seinen vollen Namen nicht nennen möchte. Egal ob Silvester oder nicht, Menschen, die arabisch aussähen, würden am Hauptbahnhof immer kontrolliert. Aber von denen, die am Silvesterabend dort anreisten, will er nichts wissen. So wenig wie alle anderen, die man hier trifft.

Schwarmintelligenz

Der Sozialwissenschaftler Berrissoun sagt, die jungen neu angekommenen Männer seien unter den Einwanderern aus Marokko oder Tunesien eine ungeliebte Randgruppe. "Deshalb treffen sie sich dann draußen, an einem zentralen Platz in einer großen Stadt, um dort gemeinsam abzuhängen. Und die Domplatte und das Rheinufer in Köln sind solche Plätze." Die jungen Männer seien oft über soziale Netzwerke und Messengerdienste verbunden, ihre Handlungen folgten eher einer Schwarmintelligenz. "Wenn einer sagt, lass uns mal nach Köln fahren, verbreitet sich das und andere folgen." Auch an Silvester seien so viele junge Nordafrikaner in kleinen Grüppchen aus dem Umland angereist.

Der Wissenschaftler warnt zudem, die jungen Flüchtlinge über einen Kamm zu scheren. In Wahrheit gebe es zwei Gruppen. Da seien zum einen Berufskriminelle, junge Maghrebiner, die sich als Trickdiebe verdingen. Sie träten häufig in Gruppen auf, vermutlich gelenkt durch mächtige Leute im Hintergrund. Und da gebe es andererseits jene Gestrandeten. "Diese jungen Leute haben hierzulande keine Chance, etwas zu werden. Zugleich haben sie aber auch keine Möglichkeit, aus diesem aussichtslosen Leben auszusteigen", sagt Berrissoun. Deshalb sei die Gefahr groß, dass sie abrutschten und als Mitläufer bei den organisierten Kriminellen landeten.

Zurück bleibt der Eindruck, dass man es in Köln mindestens so sehr mit einem sozialen wie mit einem kriminellen Problem zu tun hat. Polizeipräsident Mathies jedenfalls erwartet, dass die Ursachenforschung noch geraume Zeit in Anspruch nehmen wird.