Die Terroristen haben den Islam nicht verstanden. Mehr noch: Sie haben durch ihre rigide ultraorthodoxe Auslegung seine Bedeutung entfremdet. Der Kampf gegen den Fundamentalismus kann nur gewonnen werden, wenn man diese falsch verstandene Ideologie durch eine Annäherung an den wahren Islam ersetzt.

Muslime sollten sich auf die friedliche und tolerante Auslegung des Islams konzentrieren, zum Beispiel, indem sie sich auf den Sufismus besinnen. Bisher findet das vielfältige Repertoire des Sufimus, seine Rituale und künstlerischen Werke in den Debatten über die richtige Reaktion auf den extremistischen Islamismus zu wenig Beachtung.

Die aufgeklärtesten Jahrhunderte der muslimischen Zivilisation waren vom Sufismus gekennzeichnet. Daher sollte man heute die Verbreitung seiner Lehren in Schulen und Moscheen global fördern. Denn der Sufismus verkörpert einige wichtige Grundwerte der islamischen Lehre: Humanismus, Mitmenschlichkeit und Philanthropie. Mit der stärkeren Förderung der Ideen des islamischen Sufimus könnten wir nicht nur ein Gegengewicht zum Extremismus schaffen, sondern auch zur zunehmenden Islamfeindlichkeit

Syed Qamar Afzal Rizvian ist ein pakistanischer Politikwissenschaftler, Analyst und Kolumnist. Er beschäftigt sich mit Friedens- und Konfliktforschung, Konfliktvermeidung und Internationalem Recht mit Blick auf Südasien, den Mittleren Osten, die EU und die Vereinten Nationen. © privat

Die Lehre des Islam ist von zwei Denkschulen geprägt: Die erste beruht auf dem Schariat, jenen Vorgaben und Mustern, die von orthodoxen Denkern des Islam übernommen wurden und strikt verpflichtend sind. Die zweite beruht aufdem Tariqat, einer spirituellen Methodologie, die der Sufismus, der als Vorläufer einer liberalen Auslegung des Islams gilt, für sich übernimmt. 

Dschihadistische Terrorgruppen berufen sich auf die erste, also die politische Auslegung des Islam. Viele Muslime wissen um die kulturellen Auswirkungen der Globalisierung. Sie fürchten, dass aus dem Westen Vorstellungen und Lebensweisen in die eigenen Gesellschaften eindringen könnten, die vor allem die jungen Leute negativ beeinflussen könnten. Sie empfinden einige Einflüsse aus Musik oder Film als bedrohlich für die eigenen Traditionen, die eigene Identität.

Die sufistische Auslegung des Islam gilt dagegen als moderat. Sie konzentriert sich nicht auf den Staat, sondern auf die inneren Dimensionen des Islam und die Reinigung der Seele. Das Tariqat vertritt liberale Werte, die sich in Begriffen wie Bruderschaft und Gemeinschaft widerspiegeln. 

Die Vereinigung mit Gott als höchstes Ziel

Weltweit gibt es heute rund 15 Millionen Sufis, die Umayyaden-Moschee in Damaskus gilt als ein wichtiges Zentrum dieser Richtung. Historisch ist Bagdad die Wiege des Sufi-Islams. Der persische Gelehrte Abdul Qadir Jilani (1088–1166) gründete dort die Qadri-Schule, einen Orden, der sich in der islamischen Welt weit verbreitete. Seine Anhängerschaft findet sich noch heute von Westafrika bis nach Indien.

Der intellektuelle Sufismus wurde von den großen Mystikern Ibn al-Arabi (1165-1240) und Celaleddin Rumi (1207-1273) geprägt. Rumi, der bedeutendste persische Dichter des Mittelalters und Gründer des Ordens der tanzenden Derwische, ist der populärste Vertreter. Rumi fungierte als Brücke zwischen der westlichen Ethik und einem islamischen Verständnis von Moral. Dichter und Denker des Islams haben Rumis Poesie immer wieder aufgegriffen, um religiöse Differenzen zu beleuchten oder um mit Hilfe seiner Verse Zugang zu Fragestellungen der Moderne zu bekommen. Im Westen ist Rumis Botschaft zum Synonym für die spirituelle Vereinigung mit dem Geliebten, mit Gott, geworden.

Für Rumi war Allah der Schöpfer und der Gott aller Menschen und aller Religionen. Trotz seiner äußerst toleranten Haltung gegenüber anderen Religionen bezog er sein Gottesbild allein aus dem Koran.

Im Sufismus ist der Islam seit 1.500 Jahren eine gelebte Erfahrung mit vielen kulturellen und intellektuellen Variationen. Seine Praxis umfasst viel mehr als die Wörter eines heiligen Textes.