Shams A. weiß nicht genau, an welcher Straßenecke er gerade ist. Schon wieder dröhnt es in seinem Kopf. So sehr, dass er seinen Schädel gegen die nächste Wand schlagen will, wie er sagt. Krankheit schützt eigentlich vor Abschiebung. Und doch ist Shams wieder in Kabul und hat keine Ahnung, wie er an den Ort gekommen ist, wo er jetzt an sein Handy geht. Auf Nachfrage am Telefon sagt er nur: "Ich bin in Sicherheit", und schiebt nach: "vorerst". Denn was heißt schon sicher in Afghanistan, in einem Land, in dem 2016 laut Vereinten Nationen über 11.000 Zivilisten getötet oder verletzt wurden? Shams schläft außerdem auf der Straße, weil er keine Wohnung hat.

Trotzdem will die Bundesregierung Tausende ausreisepflichtige Afghanen abschieben, deren Asylanträge abgelehnt wurden. Anfang Februar startete vom Münchner Flughafen eine Maschine mit 18 Afghanen. Kurz zuvor, Ende Januar, saß Shams an Bord eines Fluges von Frankfurt nach Kabul. Viele Heimkehrer landen so in einem Land, das ihnen fremd geworden ist, in dem sie nichts zu erwarten haben. Und wo sie mit dem Schlimmsten rechnen müssen: Vor wenigen Wochen wurde ein Abgeschobener in Kabul bei einem Selbstmordanschlag verletzt.

"Unter der Oberfläche brodelt es"

Der evangelische Pfarrer Klaus Peter Metzger erinnert sich gut, wie das war, als Shams nach mehreren Jahren auf der Flucht vor etwas mehr als einem Jahr zum ersten Mal neben ihm saß. Freiwillige hatten Flüchtlinge in Passau zum  sogenannten Erzähl-Café eingeladen. "Shams hat nicht viel gesprochen, er war ein stiller junger Mann", sagt Metzger. "Doch man hat gleich gemerkt: Unter der Oberfläche brodelt es." In Einzelgesprächen erzählte Shams dem "guten Mann", wie er Metzger heute nennt, schließlich doch von seinen Kopfschmerzen, der Schlaflosigkeit und den Erinnerungslücken. Metzger erkannte, dass der Afghane schwer traumatisiert ist. Shams, der sich im Deutschunterricht redlich bemühte und ein Praktikum als Kfz-Mechaniker absolvierte, musste für sechs Wochen in die Klinik.

Die Medikamente, die ihm die Ärzte verschrieben, und die Therapie wirkten und langsam ging es ihm besser. Als die Polizei eines Morgens um sieben Uhr vor seiner Tür stand, um ihn nach Frankfurt zu fahren, verstand er zunächst nicht, was mit ihm passiert. Shams medizinischer Zustand war offenbar für die Behörden kein Abschiebehindernis mehr.

An den Flug will er heute nicht mehr zurückdenken. 50 Dollar bekommt er wie alle anderen Abgeschobenen nach der Landung in die Hand gedrückt. Niemand wartet am Flughafen auf Shams. Seine Mutter und seine Brüder leben in Pakistan und im Iran. Dafür empfangen ihn die bösen Erinnerungen. Wie die an eine Bombe der Taliban, die ihm als jungem Polizeirekruten die Hand zerfetzte. Oder wie die Taliban später seinen Vater ermordeten.

Traumata brechen wieder auf

Telefongespräche mit Shams werden immer wieder unterbrochen von heftigen Hustenanfällen. In Kabul sind die Winter lang und hart. In den Nächte kauert er auf den Pritschen von Lastwägen. Tagsüber irrt er orientierungslos durch die Stadt. Hin und wieder darf er sich bei einem Freund waschen. Einen Job hat er nicht und die Hoffnung, bald einen zu finden, vergeht ihm auch langsam: "Ich weiß, dass vieles nicht funktioniert in meinem Kopf", sagt er. Die Erinnerungslücken sind wieder da: "Nach dem Essen habe ich vergessen, was ich gegessen habe." Auch Pfarrer Metzger, der oft mit Shams telefoniert oder chattet, merkt: Dem jungen Mann geht es schlechter als vorher. "Das Trauma ist am Ort der Traumatisierung wieder aufgebrochen", glaubt der Seelsorger.

Die Medikamente, die Shams von den deutschen Ärzten verschrieben bekam, kann er sich nur leisten, weil Helfer Spenden für ihn sammeln. Neben dem Geld ist Aufmerksamkeit eine wichtige Währung für Shams. Er hofft, irgendwie doch noch nach Deutschland zurückkehren zu können.