In der nordafghanischen Provinz Dschausdschan sind sechs afghanische Mitarbeiter des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) getötet worden. Zwei weitere Mitarbeiter würden vermisst, bestätigte IKRK-Sprecher Thomas Glass. In einer Stellungnahme der Organisation hieß es, das Team habe aus drei Fahrern und fünf Programm-Mitarbeitern bestanden. Sie seien in einer Gegend südlich der Provinzhauptstadt Scheberghan unterwegs gewesen, "um dringend benötigtes Material für Viehbauern zu liefern".

Ein Reporter des afghanischen Senders Tolo TV hatte zuvor per Twitter berichtet, Bewaffnete hätten die sechs IKRK-Mitarbeiter von einem oder mehreren Motorrädern aus im Bezirk Kosch Tepa erschossen.

Nach Angaben des Gouverneurs von Dschausdschan, Maulawi Lotfullah Asisi, soll die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) hinter dem Angriff stehen. Der IS hat außerhalb der ostafghanischen Provinzen Nangarhar und Kunar sowie einer Zelle in Kabul eigentlich keine Präsenz im Land. IS-Kämpfer in Dschausdschan wären eine Neuheit. Ehemalige Taliban oder auch Kriminelle haben sich aber auch in anderen Provinzen punktuell schon IS genannt. Oder Kriminelle wurden von Regierungsbeamten aus unterschiedlichen Gründen fälschlicherweise als IS bezeichnet. Einen solchen viel beachteten Fall gab es im Oktober in der Provinz Ghor nach einem Massaker an 30 Menschen.

"Eine riesige Tragödie"

Bislang hatte das Rote Kreuz bei Taliban und anderen Kriegsparteien in Afghanistan einen besonderen Schutzstatus inne. "Möglicherweise haben sich die Zeiten geändert", sagte ein IKRK-Mitarbeiter. "Das sind schwere Monate für uns."  Auch der Präsident des Roten Kreuzes, Peter Maurer, vermutet Absicht hinter dem Angriff. Er sei eine riesige Tragödie.

Erst im Dezember war ein spanischer Mitarbeiter des IKRK in der nordafghanischen Provinz Kundus aus einem Auto heraus entführt worden. Er war im Januar freigekommen. Zur Identität der Entführer hatte die Organisation damals keine Angaben machen wollen. Entlang der Straße und anderenorts hatten radikalislamische Taliban seit Monaten Hunderte Autos und Busse angehalten und nach Angestellten von Nichtregierungsorganisationen, der Regierung oder Sicherheitskräften durchsucht. Hunderte wurden entführt, viele von ihnen getötet.