Eine 91-jährige Frau ist vor wenigen Tagen vom Landgericht Aurich zu einer zweijährigen Bewährungsstrafe verurteilt worden – wegen Beihilfe zu erpresserischem Menschenraub. Ihr 67-jähriger Sohn gilt als Drahtzieher. Er hatte sich mit seinem Geschäftspartner gestritten und ihn mithilfe von mehreren Männern, die ebenfalls verurteilt wurden, fast zwei Tage festgehalten. Unter Gewaltandrohungen zwang er ihn zur Überweisung von einer Million Euro Lösegeld auf das Konto seiner Mutter. Doch die Auszahlung scheiterte, die Sache flog auf.

Kriminologisch wirft der Fall Fragen zu zwei ungewöhnlichen Straftätergruppen auf: Alte und Frauen. Was wissen wir über sie? Sind Warnungen vor Gefahren zunehmender Alten- und Frauenkriminalität berechtigt? Und wie sollen vor allem die Alten bestraft werden?

Es gilt zunächst, vor Verallgemeinerungen zu warnen. Wie bei den Flüchtlingen werden oft Vorurteile und pauschale Zuschreibungen verbreitet: Zuwanderer erhöhten die Kriminalität, sie seien eine Gefahr für die Gesellschaft. Man sei einer "Greisenkriminalität in einer vergreisenden Gesellschaft" ausgesetzt. Mit fortschreitender Emanzipation glichen sich Frauen den Männern auch bei Kriminalität und Gewalt an. 

Man muss die Entwicklungen aber jeweils im Gesamtgefüge der Gesellschaft sehen. So steigt zwar mit wachsender Zuwanderung auch die Kriminalität, insbesondere wenn vorwiegend junge Männer kommen, also Angehörige der auch bei Einheimischen besonders kriminalitätsbelasteten Bevölkerungsgruppe. Das Risiko erhöht sich noch bei Zuwanderern aus Armutsgebieten und ohne Perspektive auf Bleiberecht und Integration.  

Dennoch gibt es keine Hinweise darauf, dass Zuwanderer insgesamt stärker zu Straftaten neigen. Im Gegenteil: Von wenigen besonderen Gruppen abgesehen, verhalten sich die meisten Zugewanderten wegen ihrer hohen Motivation, hier Schutz und Eingliederung zu finden, gesetzestreuer als Einheimische.

Bei den Alten gilt ganz banal: Je größer ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung wird und je älter Menschen werden, umso mehr werden wir es auch mit alten Straftätern und greisen Strafgefangenen zu tun haben. Der Anteil der Menschen in Deutschland im Rentenalter hat sich in den vergangenen vier Jahrzehnten verdoppelt. Dem entsprechend verzeichnen die Kriminalstatistiken entsprechende Steigerungsraten bei Straftätern über 60.

Doch schon der vergleichende Blick auf die Kriminalitätsbelastungen Jüngerer und Älterer entzieht jedweder Sorge um Gefahren durch Seniorenverbrecher den Boden: Der Anteil über 60-Jähriger macht gut ein Viertel der deutschen Bevölkerung aus, aber sie stellen nur gut sieben Prozent aller Tatverdächtigen. Bezogen auf die jeweilige Altersgruppe begehen junge Männer um die 20 zwölfmal so viele Straftaten wie Männer im Seniorenalter und junge Frauen 20-mal so viele wie Frauen über 60.

In noch höheren Altersgruppen tendieren die Zahlen gen Null. Und die häufigsten Delikte von Senioren sind vergleichsweise harmloser: Straßenverkehrsdelikte, Ladendiebstahl, leichte Körperverletzung, Betrug und Beleidigung. Die 91-jährige Erpresserin ist ein Ausnahmefall.