Seit ich in Neukölln wohne, erzählen mir viele Menschen, dass ich eigentlich in einer No-go-Area für Juden lebe. Vergangene Woche musste ich aus der ZEIT erfahren, dass ich, der Jude, sogar direkt "an der Front" wohne: Sonnenallee. 

Dennoch werde ich mir kein Gewehr besorgen. In einer Gegend, in der angeblich nicht mal Polizisten auf Streife fahren wollen, ist für genug Sicherheit gesorgt, finde ich. Mitten im Kiez befindet sich ein Polizeirevier. In einem Kiez, der angeblich für Schwule gefährlich sein soll, ist seit Jahren das SchwuZ, einer der größten queeren Clubs der Stadt beheimatet. Es lässt sich hier ganz gut leben. In den Lokalen in den Nebenstraßen entlang "der Front" gibt es regelmäßig israelisch-syrisch-kurdisch-deutsche Travestieshows zu sehen. Ich finde es schon komisch, wie man bei einem Spaziergang so etwas übersehen kann. 

Die ZEIT-Politikredakteurin Mariam Lau war neulich mit Rabbiner Jehuda Teichtal und einem Fotografen in Neukölln unterwegs. Es passiert eigentlich nichts Spektakuläres, dennoch bleibt nach der Lektüre ein Bild in den Köpfen hängen: Ein Jude hat sich zu den bösen Arabern gewagt. In ihrem Artikel erwähnt die Autorin en passant, dass in keinem Berliner Viertel so wenig antisemitische Straftaten begangen werden wie in Neukölln. 95 Prozent der antisemitischen Straf- und Gewalttaten gehen laut Angaben der Bundespolizei in Deutschland auf das Konto von Rechten. Das Experiment findet trotzdem in Neukölln statt und nicht in Marzahn oder auf dem Brandenburger Land.

Warum wollen also so viele Journalisten so gerne mit einem von uns Juden durch Neukölln spazieren? Auch ich wurde in der Vergangenheit gefragt, ob ich etwa mit einer Kippa beim "Pali um die Ecke" Hummus kaufen gehen will.

Natürlich gibt es in meinem Kiez Antisemitismus, den wir auch thematisieren sollten. Mariam Lau hätte jedoch statt des Charlottenburger Importrabbiners auch mit einem der Neuköllner Juden über die Sonnenallee schlendern können. Wir sind täglich "an der Front", einige von uns tragen dabei ihre Kippot, sprechen Hebräisch oder geben sich im Gespräch als Juden zu erkennen. Wir machen täglich gute und auch schlechte Erfahrungen – in ganz Berlin, nicht nur in Neukölln.

Die jüdische Gemeinde in der Nähe wurde nicht gefragt

Die Journalistin hätte auch mit den Betenden der Fraenkelufer-Synagoge sprechen können, deren Gebetshaus sich direkt an der Grenze zwischen Neukölln und Kreuzberg am Kottbusser Tor befindet. Laut Süddeutscher Zeitung soll es dort sehr gefährlich sein. Die Gemeinde hat aber niemand gefragt. Ist ja auch nicht so wichtig, was die betroffenen Juden vor Ort denken. Vielleicht würde es auch stören, wenn meine Freunde aus der Synagoge lieber über ihr Engagement mit Geflüchteten und die Nachbarschaftsprojekte erzählen wollen?

Im deutschen Diskurs wird der Jude häufig als schwacher, bedrohter Mensch wahrgenommen, der vom potenten, gefährlichen Moslem bedroht und vom starken, zivilisierten Deutschen beschützt werden muss. So kann der Deutsche beweisen, dass er gewiss nicht antisemitisch ist, dass er die Lektion gelernt hat. Über jüdisches Leben, über religiöse und kulturelle Merkmale des Judentums wird weniger berichtet – vielleicht weil eine Mehrheit so etwas auch nicht lesen möchte. Berichte, in denen ein Jude eine proaktive Rolle einnimmt, eine emanzipierte Haltung zeigt, eine selbstbewusste Meinung vertritt, passen nicht ins Bild. Ich finde das außerordentlich schade, vor allem, wenn ich diesen Diskurs mit unserem echten Leben in Neukölln vergleiche.