Ralf S. schweigt. Doch die Ermittler sind sich sicher: Er hat vor mehr als 16 Jahren am S-Bahnhof Düsseldorf-Wehrhahn eine Rohrbombe ferngezündet – genau in dem Moment als eine Gruppe sogenannter Kontingentflüchtlinge vorbeilief. Endlich sind die Ermittler überzeugt, ihm die Tat auch nachweisen zu können. Am Dienstag wurde der Mann festgenommen.

Der ehemalige Militariahändler aus der rechten Szene geriet nach dem Anschlag am 27. Juli 2000 schon früh unter Verdacht. Ein rassistisches Motiv lag nahe, aber Polizei und Staatsanwaltschaft gingen auch ganz anderen Theorien nach.

Ein Jahr nach der Explosion an dem Bahnhof, der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder hatte schon seinen "Aufstand der Anständigen" gegen rechts ausgerufen, schrieb die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft einen internen Zwischenbericht über die Ermittlungen. Es herrsche "die Auffassung vor, wonach eine Begehung durch Neonazis als eher unwahrscheinlich anzusehen ist", heißt es da. Der Akte zufolge sind es drei Haupttheorien, die "mit gleicher Intensität" verfolgt würden: rechte Gewalt, ein "verrückter Einzeltäter" und die osteuropäische Mafia.

Anders als etwa nach dem Nagelbombenanschlag in der Kölner Keupstraße 2004, der heute dem Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) zugeschrieben wird, wurden Hinweise auf einen rechten Täter damals durchaus ernst genommen – auch in der Öffentlichkeit. Die zehn Opfer des Bombenanschlags stammten aus der ehemaligen Sowjetunion, sechs von ihnen gehörten zur jüdischen Gemeinde. Sie kamen von einem Deutschkurs. Durch die Splitter des in einer Plastiktüte an einem Geländer versteckten Sprengsatzes wurden sie teils schwer verletzt. Eine junge Frau verlor ihr ungeborenes Kind.

Aber auch Thesen zu einem islamistischen Hintergrund oder einem Bezug zu den Hells Angels wurden von der Polizei verfolgt, die schließlich allen Hinweisen nachgehen soll.

Doch scheint es so, als habe es damals Spuren in die rechte Szene gegeben, die nicht hartnäckig genug verfolgt wurden. 

Der Anschlag wurde ab 2014 von einer neuen Ermittlungskommission wieder aufgerollt. Deren Leiter, Udo Moll, berichtet nun von einem Vorfall, dem die Polizei erst heute Bedeutung beimisst: Etliche Monate vor dem Anschlag im Jahr 2000 bedrohten zwei Neonazis mehrfach Schüler einer Sprachschule. Sie besuchten eine Dependance der Schule, in der auch die späteren Opfer Deutsch lernten. Als die Bedrohten sich gemeinsam am Fenster zeigten, um die Rechten einzuschüchtern, seien die beiden Neonazis verschwunden – im Laden von S. schräg gegenüber. Es könnte für die Männer in Ledermänteln und Springerstiefeln eine Demütigung gewesen sein, glaubt die Polizei heute. Einen möglichen "Motivauslöser" nennt Moll die Geschehnisse inzwischen. Die beteiligten Neonazis wurden aber nie ermittelt.

Nazis propagierten Terrorkonzepte

In der rechten Szene Düsseldorfs war S. zu dieser Zeit kein Unbekannter. Er soll Kontakt zur örtlichen Kameradschaft gehabt haben und sein damaliger Militarialaden ganz in der Nähe des Tatorts galt als Treffpunkt von Neonazis.

Der Anschlag fiel in eine Zeit, in der Neonazis in Deutschland über rechte Terrorkonzepte diskutierten, in der sie einen "führerlosen Widerstand", Bewaffnung und Anschläge ohne Bekennerschreiben propagierten. So erschoss der Dortmunder Neonazi Michael Berger im Juni 2000 drei Polizisten. Im September des gleichen Jahres begann die Mordserie des NSU mit den Schüssen auf Enver Şimşek in Nürnberg.

Gegen eine Tat aus der Naziszene sprach zu jener Zeit, dass Vernehmungen von Aussteigern und Telefonüberwachungen keine Hinweise lieferten. So zumindest ist es in dem Zwischenbericht der Staatsanwaltschaft aus dem Jahr 2001 notiert. Hinweise auf S. hatten die Ermittler zwar, auch hatten sie den Mann verhört und seine Wohnung durchsucht. Aber es gelang eben nicht, dem ehemaligen Zeitsoldaten die Tat nachzuweisen.

War S. ein Einzeltäter?

Heute ist die Staatsanwaltschaft überzeugt, seine Täterschaft belegen zu können. Das neue Ermittlerteam konnte ab 2014 eine "Indizienkette" bilden, wie es die Polizei formuliert. Dank eines Häftlings der Justizvollzugsanstalt Castrop-Rauxel: Der Mann saß dort mit S. ein, denn S. hatte eine Geldstrafe nicht bezahlt. Der Polizei sagte der Häftling nun, S. habe im Knast mit dem Attentat geprahlt.

Die Polizei hielt den neuen Zeugen aus der Zelle für glaubwürdig und rollte den Fall neu auf. Eine operative Fallanalyse lieferte ein Täterprofil. Es passte genau auf S., der den Umgang mit Sprengstoff bei der Bundeswehr gelernt hatte. Auf seinem Facebookprofil sind Videos zu sehen: S. in Tarnfleck, S. mit Waffen, zwischendrin Weihnachtsgrüße. Und Fotos seiner Tätowierungen. Auch die Schwarze Sonne trägt er auf der Haut, ein unter Neonazis beliebtes Symbol.

Entscheidend sind aber wohl weitere Zeugen: Zwei sagten nun aus, S. habe eine Tat wie den Rohrbombenanschlag angekündigt. Eine dritte Zeugin berichtete, sie habe ihn in der Nähe des Tatorts gesehen. Die Ermittler glauben, S. habe damals eventuelle Zeugen bedroht.

Der Vorwurf gegen S. lautet inzwischen: Versuchter Mord in mehreren Fällen, Körperverletzung, Herbeiführung einer Sprengstoffexplosion – und das alles "mindestens" in "fremdenfeindlicher Absicht", wie Oberstaatsanwalt Ralf Herrenbrück sagt. Ob die Tat auch antisemitisch motiviert war, sei noch unklar. S. selbst habe die Vorwürfe bestritten und weitere Aussagen verweigert.

Hinweise, dass der Mann in Neonazistrukturen fest eingebunden gewesen sei, gäbe es nicht, sagt Herrenbrück. Auch Ermittlungsleiter Moll sagt, Mitwisser seien nicht auszuschließen, man sehe den Verdächtigen aber als Einzeltäter. Die Ermittlungen dauerten noch an.

"Militanz der Rechten unterschätzt"

"Es ist eine Verpflichtung gegenüber den Opfern, der Frage nachzugehen, ob der mutmaßliche Täter allein handelte oder Mitwisser hatte", sagt Alexander Häusler von der Düsseldorfer Fachhochschule, der die Szene in der Stadt schon lange im Blick hat. Aus seiner Sicht unterschätzten die Behörden in Düsseldorf damals die Militanz der extremen Rechten sträflich. Er fordert: "Das ganze Ausmaß des Neonaziterrors in Deutschland muss bekannt werden."

Ein lokales linkes Bündnis äußert Zweifel an der Einzeltätertheorie und will am Freitagabend vor dem S-Bahnhof Wehrhahn für "Licht im Dunkeln" demonstrieren.

Bereits der NSU-Untersuchungsausschuss des Landtages sollte den Fragen nachgehen, inwiefern Neonazis und ihre Strukturen zur Zeit des Anschlages von den Sicherheitsbehörden richtig eingeschätzt wurden, ob ausreichend in der Szene ermittelt wurde und ob der Verfassungsschutz Hinweise hatte. Um die laufenden Ermittlungen nicht zu gefährden, kam es bisher nicht in öffentlicher Sitzung dazu. Die Abgeordneten waren jedoch in die neuen Erkenntnisse eingeweiht, wie Ausschussvorsitzender Sven Wolf (SPD) bestätigte. Am Dienstag sollen die Ermittler nun öffentlich befragt werden.

Im Mai wird in Nordrhein-Westfalen gewählt. Mit der Legislaturperiode endet auch die Arbeit des Untersuchungsausschusses. Eine detaillierte Aufarbeitung der Geschehnisse wird bis dahin wohl kaum möglich sein. Die Gruppe NSU-Watch NRW fordert daher, dass nach der Wahl ein eigener Untersuchungsausschuss zum Rohrbombenanschlag eingesetzt wird.