ZEIT ONLINE: Herr Kaschuba: Jede dritte Frau fühlt sich in Deutschland laut einer Umfrage unsicherer, seit so viele Flüchtlinge im Land sind. Wovor haben eigentlich die Flüchtlinge Angst?

Wolfgang Kaschuba: Es gibt zwei Sorten von Ängsten. Unsere Angst beruht meistens auf Gefühlen und Projektionen. Wir fürchten uns etwa vor Flüchtlingen oder Muslimen, obwohl wir sie nicht persönlich kennen. Die Angst, die die Flüchtlinge empfinden, hat eine ganz andere, existenzielle Qualität. Denn sie beruht auf Erfahrung. Eine solche Existenzangst kennen die meisten von uns nicht. Die Flucht selbst bedeutet, ständig Angst zu haben. Viele Flüchtlinge sind traumatisiert. Hinzu kommen die Ängste in der neuen Umgebung: davor, angefeindet zu werden und davor, alles verloren zu haben, was sie einmal hatten und waren. Und schließlich die Angst vor der Zukunft: Werde ich wieder etwas Sinnvolles tun, meine Familie um mich haben?

ZEIT ONLINE: Woher wissen Sie von den Ängsten? Repräsentative Umfragen gibt es noch nicht.

Kaschuba: Ängste lassen sich generell schwer erfassen – die von Flüchtlingen noch schwerer. Sie erzählen ihre Geschichten immer wieder neu: Dem Schleuser müssen sie etwas anderes sagen als dem griechischen Grenzbeamten oder den deutschen Behörden. Flüchtlinge beteuern hier oft: "Jetzt muss ich endlich keine Angst mehr haben", weil sie ausdrücken wollen, wie dankbar sie sind. Deshalb würden uns Umfragen keine Erkenntnisse liefern. Die gewinnen wir, indem wir lange Interviews führen und die Menschen im Alltag begleiten. Dann sind wir 24 Stunden bei ihnen, in der Behörde, in der Bürgerinitiative, im Hallenbad, im Flüchtlingsheim. Und sehen, dass sie unterschiedliche Rollen einnehmen und jeweils auch mit einem anderen Selbstbewusstsein auftreten.

ZEIT ONLINE: Die Angst vor Rassismus und Ausweisung ist wahrscheinlich am größten. Wie äußert sie sich?

Kaschuba:  Flüchtlinge haben natürlich viel Angst, wenn der Mob vor dem Flüchtlingsheim brüllt oder davor, wieder weggeschickt zu werden. Diese Angst ist teilweise unmittelbar auf Erlebnisse zurückzuführen. Manche Ängste entstehen aber nicht anders als bei den deutschen Frauen, die sich nachts nicht mehr in den Park trauen. Viele Flüchtlinge glauben, in Dresden nicht einmal mehr am helllichten Tag auf die Straße gehen zu können. Hier spielen also auch Emotionen jenseits der Fakten eine Rolle, weil Flüchtlinge untereinander so viele Geschichten über rassistische Übergriffe oder Abschiebungen verbreiten.

ZEIT ONLINE: Wie sieht es mit Zukunftsängsten aus? Etwa keine Arbeit zu finden?

Kaschuba: Vor allem für diejenigen, die aus guten Verhältnissen kommen, kann es ein weiteres Trauma werden, wenn sie verstehen, dass sie nie mehr den Status erreichen, den sie einmal hatten. Sie ahnen, dass die Frauenärztin höchstens Krankenschwester wird. Ich kenne einen Architekten, der nun schon seit Jahren Taxi fährt. Er hat sich inzwischen arrangiert, weil er seine Ambitionen auf die Töchter projizieren kann, die es aufs Gymnasium geschafft haben.

Viele Flüchtlinge haben große Angst, dass sie es nicht einmal mehr schaffen werden, sich selbst zu ernähren. Wenn sie lange niemandem erzählen können, wer sie einmal waren, verlieren sie ihr Selbstwertgefühl und fühlen sich nicht respektiert. Diese Angst kann auch in Trotz münden, selten sogar in Aggression.

ZEIT ONLINE: Haben junge Flüchtlinge auch Angst vor deutschen Frauen, beziehungsweise vor dem offeneren Umgang der Geschlechter miteinander?

Kaschuba: Die Gefühle sind ambivalent. Natürlich wünschen sich die jungen Männer Beziehungen zum anderen Geschlecht und es gefällt ihnen, dass es hier unbefangener zugeht als zu Hause, wo oft noch die Familie über die Kontakte wacht. Andererseits haben sie Angst, dass sie die Zeichen nicht richtig lesen können und etwas falsch machen. Manche trauen sich deshalb etwa gar nicht ins Freibad, andere gehen möglicherweise extra hin, um Frauen auch anzustarren.

Allerdings ist das nicht die Mehrheit. Viele syrische Flüchtlinge zum Beispiel kommen aus großen Städten, wo sie in Clubs gehen, die nicht viel anders sind als die in Berlin. Sie können mehr oder weniger souverän mit dem Lebensstil hier umgehen. Die anderen aus den ländlichen Regionen werden in ihren Netzwerken vorgewarnt, worauf sie aufpassen müssen.

Flüchtlinge - Syrisches Baklava für Berlin Vor vier Jahren ist der Syrer Tamem al-Sakka aus Homs geflüchtet, seine Konditorei ließ er zurück. Heute verkauft er Baklava und andere Süßigkeiten in seinem Laden in Berlin-Neukölln. © Foto: Screenshot/AFP