Vier Betten, ein Tisch, ein Schrank, eine Kochplatte, eine kleine Nasszelle – viel ist es nicht, was sich Latif mit seiner Frau, seinen zwei kleinen Kindern und seinen Eltern teilt. Ein elektrischer Heizstrahler sorgt für etwas Wärme. Der Großvater hält eines der Babys, Latifs Mutter bietet ein Glas dampfenden Tee an. An der Wand des Wohncontainers hängt ein Gemälde. Es zeigt grasende Pferde auf einer sattgrünen Wiese, dahinter Tannenwälder und steil aufragende Berge. Latif, ein 28-jähriger Afghane, findet das Bild schön, aber ins Hochgebirge möchte er nicht mit seiner Familie. "Ich will nach Deutschland", sagt er, lacht verlegen, als müsse er sich dafür entschuldigen. "Alle wollen doch nach Deutschland."

Draußen treibt ein kalter Nordwind dunkle Wolken über das Lager. Es nieselt. Fast 2.000 Flüchtlinge und Migranten leben in den Containern in Elaionas, einem Stadtteil im Westen von Athen. In der Antike standen hier Olivenbäume. Mit deren Zweigen ehrten die Athener ihre Olympiasieger. Heute ist das Viertel ein unansehnliches Ensemble aus Fabrikruinen, Müllhalden, Lagerhäusern und schäbigen Klitschen. Bewohner gibt es dieser Gegend fast keine – außer den Flüchtlingen. "Hier wollten wir nie hin, und hier wollen wir auch nicht bleiben", sagt Latif.

Zwei Monate dauerte die Flucht der Familie aus Afghanistan über den Iran und die Türkei. In einem Schlauchboot kamen sie vor fast einem Jahr von einer Bucht beim türkischen Ayvalik auf die griechische Insel Lesbos. Mehr als 10.000 Dollar haben sie den Schleusern bezahlt, ihre gesamten Ersparnisse. Aber als sie Griechenland erreichten, war die Balkanroute, über die sie weiter nach Deutschland wollten, schon dicht. "Jetzt sitzen wir hier in der Falle", sagt Latif.

"Die meisten wollen weg", berichtet Konstantinos Tsigeridis, der in der Lagerleitung arbeitet, "nach Schweden, Holland, aber vor allem nach Deutschland." Menschen aus zehn Nationen leben in dem Lager, bis zu zehn Personen teilen sich die 15 Quadratmeter in den Wohncontainern. Konflikte aber seien selten, trotz der Enge, sagt Tsigeridis: "Das größte Problem für die Menschen ist die Langeweile."

Abwechslung haben immerhin die 350 schulpflichtigen Kinder, die jeden Morgen mit Bussen abgeholt und zum Unterricht in Schulen der umliegenden Stadtteile gefahren werden. Im Lager künden große Pfützen vom Dauerregen der vergangenen Tage. Ein großes Zelt soll als Kinderspielplatz dienen. Aber hier spielt niemand. Womit auch: Es gibt keine Spielgeräte. Alles macht einen vernachlässigten, heruntergekommenen Eindruck. Mitarbeiter einer Cateringfirma laden Container mit Mahlzeiten aus einem Lkw. Das Unternehmen liefert täglich 6.000 Essen. Es gibt eine Krankenstation und eine Zahnarztpraxis. "Ich mache hier sogar komplizierte Wurzelbehandlungen", berichtet der Zahnarzt Nasa Nashashibi. Der 60-jährige ist selbst Flüchtling, er kam vor 30 Jahren aus Palästina nach Griechenland.

Für das Nötigste ist gesorgt im Lager Elaionas. Aber auch nur für das.

62.500 Flüchtlinge und Migranten sind in Griechenland gestrandet, seit die Balkanstaaten vor einem Jahr ihre Grenzen dichtmachten. Das ist keine überwältigend große Zahl, gemessen an knapp elf Millionen Einwohnern. Griechenland sei in der Lage, eine solche Zahl von Menschen aufzunehmen und zu versorgen, hatte der für die Migrationspolitik zuständige Minister Giannis Mouzalas vergangenes Jahr deshalb versichert. Dennoch sind Regierung und Behörden hoffnungslos mit den Flüchtlingen überfordert.

Balkanroute - So viele Flüchtlinge sitzen in Südeuropa fest Seit fast einem Jahr ist die Balkanroute für Flüchtlinge faktisch geschlossen. Entlang der Strecke leben noch immer Geflüchtete unter schwierigen Bedingungen.

Minister unter Druck

Das zeigt sich in zum Beispiel in Ellinikon, am früheren Athener Flughafen. Im September 2015 wurden die ersten Flüchtlinge im ehemaligen Terminal des vor 15 Jahren geschlossenen Flughafens untergebracht – "vorübergehend, für einige Wochen", wie die Regierung damals beteuerte. Die Menschen schlugen in der früheren Abflughalle ihre kleinen Campingzelte auf und breiteten Decken auf dem Betonfußboden aus. Wieder und wieder kündigte Minister Mouzalas an, die Menschen in geeignete Unterkünfte zu bringen und das provisorische Lager aufzulösen.

Gehalten hat er die Versprechen nicht. Immer noch leben rund 1.600 Menschen in Ellinikon. Hilfsorganisationen kritisieren die menschenunwürdigen Zustände. Giannis Konstantatos, der Bürgermeister des Stadtteils, bezeichnet die Lage als "unerträglich" und mahnte jetzt in einem Brandbrief den Minister, endlich "seiner Verantwortung gerecht zu werden".

Dabei weiß der 62-jährige Mouzalas, was Krieg und Flucht bedeuten. Der Gynäkologe gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Hilfsorganisation Ärzte der Welt und war an 25 Auslandseinsätzen beteiligt, bevor Premierminister Alexis Tsipras ihn als Migrationsminister ins Kabinett berief. Inzwischen steht Mouzalas zunehmend in der Kritik. Die konservative Opposition wirft ihm "völliges Versagen" vor.