Eigentlich sollten an diesem Mittwochmorgen um kurz nach acht Uhr Viertklässler in der Bibliothek dieser New Yorker Grundschule nach Lesestoff suchen. Doch es sind Erwachsene, die hier an den Tischen sitzen. Die Schulleiterin hat das Treffen einberufen. Es geht nicht um Schlägereien auf dem Schulhof, auch nicht um Mobbing oder schlechte Noten. Der Grund ist eine neuartige Bedrohung für viele Schüler und deren Eltern: Donald Trump.

Gleich nach seiner Amtseinführung hat er die Anweisung gegeben, illegale Einwanderer aufzugreifen und abzuschieben. Dann verhängte er einen Einreisestopp für legale Immigranten aus sieben überwiegend muslimischen Ländern. Der wurde zwar von den Gerichten zunächst aufgehoben, doch Trumps Vorstöße haben Schockwellen durchs Land geschickt. 42 Millionen Einwanderer leben in den USA, elf Millionen von ihnen haben keine Aufenthaltsgenehmigung. Wie an vielen Schulen im Land sind auch an dieser öffentlichen Schule in Brooklyn viele Kinder oder deren Eltern illegal aliens, wie es in der Amtssprache heißt. Die New Yorker Schulbehörden fürchten, dass die Eltern ihre Kinder nicht mehr zum Unterricht schicken, aus Angst, von den Einsatzkräften der Heimatbehörde, des Immigration and Customs Enforcement (ICE), entdeckt und aufgegriffen zu werden. "Ihre Kinder sind hier sicher", sagt die schwarze Schulleiterin, selbst Tochter von Immigranten. Sollten ICE-Agenten in die Schule kommen, werde sie die Anwälte der Stadtverwaltung informieren.

An diesem Morgen hat sie zwei Juristinnen eingeladen. Die sollen die drängendsten Fragen der Eltern beantworten. Einige Frauen in der Runde tragen Kopftuch, sie sind aus dem Jemen und dem Sudan, andere Teilnehmer kommen aus Osteuropa. Ein asiatisches Paar ist dabei, sowie einige Latinos. "Meine Freundin traut sich nicht mal mehr aus dem Haus, um Milch zu kaufen", sagt eine Latina. Sie fürchte die Razzien. Alle nicken. Ja, es gebe Razzien des ICE, bestätigen die Anwältinnen. Niemand wisse jedoch, wer aufgegriffen wird und um wie viele Personen es sich handle. Im gesamten Land wurden am Wochenende zuvor mehr als 600 Illegale aufgegriffen.

"Machen Sie niemandem die Tür auf, den Sie nicht kennen"

Einer der Teilnehmer hat gehört, dass ICE-Mitarbeiter dunkelhäutige Passagiere aus der U-Bahn-Linie 7 zögen. Die Sieben verbindet den Stadtteil Queens mit Manhattan und wird in Reiseführern gerne als die "multikulturellste Linie" New Yorks beschrieben, jeder Stopp eine andere Ethnie. Bisher erfolge der Zugriff nur zu Hause oder am Arbeitsplatz, beruhigen die Juristinnen. "Machen Sie einfach niemandem die Tür auf, den Sie nicht kennen", raten sie. Dann will jemand wissen, ob die Stadtverwaltung die Adressen von Illegalen an das ICE weiterreiche.

Vor zwei Jahren hat New York einen Stadtausweis eingeführt, den auch Bürger ohne Aufenthaltsgenehmigung beantragen können. Er sollte das Leben für Bewohner wie Behörden leichter machen. Jetzt haben viele Illegale Angst, dass die Datenbank mit ihren Namen und Adressen verwendet wird, um sie zu verhaften und zu deportieren. Die Stadt habe angekündigt, die Daten nicht an die Heimatschutzbehörde herauszurücken, sagen die Expertinnen. Doch das beruhigt hier niemanden.

Einschnitte wären schwer zu verkraften für New York

Es sind Maßnahmen wie der New Yorker Stadtausweis, die Trump und seine Anhänger aufbringen. New York, mit über 500.000 illegalen Einwanderern, ist eine sogenannte Sanctuary City. Das sind Kommunen, die den Illegalen einen gewissen Schutz gewähren. So fragen New Yorker Schulen, Krankenhäuser und Polizei nicht nach dem Einwanderungsstatus. Vielerorts weigert sich die lokale Polizei, den ICE-Kräften bei den Verhaftungen zu helfen. Selbst wenn ein illegaler Einwanderer ein Verbrechen begeht, liefern ihn die lokalen Strafverfolger nur in besonders schweren Fällen an die Heimatschutzbehörde aus. Laut dem Immigrant Legal Resource Center, einem unabhängigen Institut für Migrationsfragen, gibt es 39 Sanctuary Cities in den USA, darunter New York, Chicago, Los Angeles und Austin (Texas); mehr als 300 lokale Gemeindebezirke haben entsprechende Maßgaben.

In seinem Wahlkampf hatte Trump bereits angekündigt, diese Städte und Gemeinden abzustrafen, sollten sie weiterhin die Zusammenarbeit mit den Heimatschutzbehörden verweigern. In einer seiner ersten Anordnungen nach der Amtseinführung drohte er, den Kommunen bundesstaatliche Mittel zu streichen. New York erhält knapp neun Milliarden Dollar aus Washington, unter anderem für Bildung und Transport. Das gesamte jährliche Haushaltsbudget beträgt 85 Milliarden. Einschnitte wären schwer zu verkraften.

Miami in Florida ist angesichts von Trumps Drohung bereits eingeknickt und hat den Status als Schutzzone aufgegeben. New Yorks Bürgermeister Bill de Blasio hat dagegen Widerstand angekündigt. "Wir werden unsere Bürger verteidigen, egal woher sie kommen, egal welchen Einwanderungsstatus sie haben", sagte er bei einer Pressekonferenz. Verwaltungsrechtsexperten verweisen darauf, dass Bundesmittel nur dann gekürzt werden dürfen, wenn sie in direktem Zusammenhang mit der Anweisung der Bundesbehörde stehen. Für New York würde das bedeuten, dass der Etat des Anti-Terror-Budgets beschnitten würde – selbst für Trump dürfte das ein Tabu sein.