Thomas Fischer ist Bundesrichter in Karlsruhe und schreibt für ZEIT und ZEIT ONLINE über Rechtsfragen. Weitere Artikel seiner Kolumne "Fischer im Recht" finden Sie hier – und auf seiner Website.

Diesmal, liebe Leser, besteht die Kolumne aus Schnipseln. Ob sich daraus ein Gesamtbild ergibt, müssen Sie selbst entscheiden. Denn es handelt sich – viele haben es bereits erkannt, andere halten es weiterhin für skandalös – beim Projekt Fischer im Recht um ein Puzzle, das nicht immer aufgeht.

Erstens: Zwei Dichter

Etwas Aktuelles in eigener Sache muss zu Beginn sein. Wie jedermann weiß, befindet sich ein Knotenpunkt des investigativen Journalismus in der Redaktion des Spiegel. Das Nachrichtenmagazin weiß seit je, wer in welcher geheimen Besprechung möglicherweise was gesagt haben oder was gemeint haben könnte. Aber auch übersinnliche Kräfte werden mitunter mobilisiert: Spiegel-Autoren wissen etwa, welche Bücher jemand möglicherweise heimlich liest – zum Beispiel der Kolumnist.

Nach Recherchen des Rechercheurs Thomas Darnstädt (geb. 1949) liest der "Fischer im Recht" heimlich Texte von Charles Bukowski (1920–1994), eines amerikanischen Schriftstellers mit – auch dies hat Darnstädt ermittelt – "naturalistischer, oft obszöner Sprache". Nicht selten benutzte Bukowski vor 50 Jahren zum Zweck der Naturalistik ganz schreckliche F-Wörter und metaphorischen Schmuddelkram. Er sagte beispielsweise Sauereien wie diese: 

"Wir werden alle sterben, jeder von uns, was für ein Zirkus! Das alleine sollte uns dazu bringen, uns zu lieben, aber das tut es nicht. Wir werden terrorisiert von Kleinigkeiten, zerfressen von gar nichts."

Der Kolumnist seinerseits hatte jüngst (Kolumne vom 25. Oktober 2016) eine einzige Zeile aus einem Bukowski-Gedicht zitiert. Darnstädt wiederum hat, so steht zu befürchten, weder die Literatur der Beat-Generation gelesen, noch deren gequälten Abgesang durch Bukowski verstanden, als er sich anschickte, das ultimative Spiegel-Porträt ("Der Rocker", Spiegel Nr. 06/2017) über das geheime Wesen des Kolumnisten zu schreiben. Daher war er von der Begegnung mit den schlimmen Wörtern so fasziniert, dass es ihn drängte, sein Opus mit einem großen Foto des Dichters Bukowski zu illustrieren. Merke: Hat die Spiegel-Spürnase erst einmal eine These, dann hat sie sie, da ist sie wie der Bloodhound. Also dichtete Darnstädt die "Fäkalsprache" demjenigen an, der sie zitiert. Spiegel Online, auf der Suche nach dem Content am Puls des Zeitgeists, verdichtete die Sache am 6. Februar noch einmal zur exkrementellen Schlagzeile: "Was treibt den Bundesrichter zu obszönen Tiraden?"

Mantrailer Darnstädt auf der Spur des Kolumnisten: Dieser jobbte vor 40 Jahren einmal als Paketzusteller (kein Interview ohne proletarischen Schauer!); Bukowski arbeitete nach dem Studium von 1952 bis 1954 als Briefzusteller – wenn das mal kein Zufall ist! Da hilft es auch nichts, wenn der Kolumnist auf den fünften "Vorhalt" nur versichern kann, er habe Bukowski zum letzten Mal kurz vor seinem 23. Geburtstag gelesen – der Redakteur weiß es besser: Fischer liest Bukowski auch 41 Jahre später "heimlich", während er "herumpöbelnde" Texte schreibt. Dann springt er (Fischer) in einen schnellen schwarzen Mercedes und rast zur Talkshow. In Wahrheit sprang Darnstädt in einen grünen Mercedes und wurde pünktlich zum Bahnhof gefahren. Aber wir wollen hier nicht kleinlich sein. 

So wird eine kleine, schräge Idee zum teleologischen Konzept für einen dreiseitigen Spiegel-Artikel. Selbst das Böhmermann-Zitat "Ich will Deutschland nach vorne f***en" (hier die jugendfreie Schreibweise für die höhere Tochter), das der Kolumnist in einem Beitrag einst ironisch zitierte, verwandelte sich unter Darnstädts Händen in einen Ausfluss der Kolumnistenseele. Vor lauter Begeisterung über all die obszönen Tiraden blieb im Porträt am Ende gänzlich ungesagt, was der Spiegel über den Kolumnisten und seine Arbeit eigentlich sagen wollte. 

So steht am Ende wie am Anfang der Reporter klein und fremd neben dem Mann mit der Ledertasche. Aber lassen wir uns nicht täuschen, blicken wir tiefer: Darnstädt trinkt, wie Bukowski, gern Apfelsaft. Sein Geburtsort (Goslar) liegt von Hannover so weit entfernt wie Bukowskis Geburtsort (Andernach) von Bonn. Und während der an Kurzsichtigkeit leidende Spiegel-Reporter aus Goslar 1949 geboren ist, ist der an Weitsichtigkeit leidende Dichter aus Andernach 1994 verstorben. Spiegel-theoretisch ergibt dies einen glasklaren Kehrreim. Es kann sich daher unmöglich um Zufälle handeln.