Ist der Spuk vorbei? Der Onlineshop "Migrantenschreck" ist nicht mehr erreichbar. Mario Rönsch, Inhaber und Geschäftsführer der Betreiberfirma, die illegal Pistolen, Flinten und halbautomatischen Gewehren nachempfundene Schreckschusswaffen von Ungarn aus an deutsche Kunden versandte, muss die Website selbst gelöscht haben. Möglicherweise hat Rönsch Angst bekommen, die Behörden sind ihm auf den Fersen: Vor einer Woche durchsuchten Zollfahnder Wohnungen und Geschäftsräume von 29 seiner Kunden.

Die Zöllner fanden 42 illegale Waffen. 42 von mehr als 300. So viele Revolver und Flinten haben Kaufinteressenten bei dem Onlineshop seit Mai vergangenen Jahres bestellt. Die Waffen verschießen Hartgummigeschosse, gefährlich genug, um einen Menschen schwer zu verletzen oder sogar zu töten, wenn sie unglücklich treffen. Seit Monaten fahnden Staatsanwälte aus Berlin und Frankfurt nach dem Händler und den Kunden – mit unterschiedlichem Engagement und Erfolg.

Fast ein Jahr lang schürte "Migrantenschreck" Angst vor Ausländern und machte diese Angst zu Geld. Die letzte Bestellung aus Deutschland ging noch am 24. Januar ein, dem Tag der Durchsuchungen. Das zeigen detaillierte Kundendaten, die ZEIT ONLINE zugespielt wurden. Bis dahin konnte man bei dem Onlineshop beispielsweise das "Migrantenschreck HD130 Superior Komplettpaket" kaufen, ein Schreckschussgewehr mit Munition, das aussieht wie eine Kalaschnikow. Oder eine doppelläufige Flinte "DP 120 Bautzen Edition", "diskret" und "ohne lästigen Papierkram". Dazu verbreitete die Seite Gerüchte über angebliche Gewalttaten, die Flüchtlinge und andere Einwanderer begangen haben sollen, und warb, mit ihren Waffen könne man verhindern, "dass Ihre Stadt zum gesetzlosen Tummelplatz von Asylforderern wird".

Abgetaucht, doch nicht verschwunden

Die Daten, die ZEIT ONLINE vorliegen, zeigen den Umfang des menschenverachtenden Geschäfts. Ein vielfach verkaufter Revolver kostete beispielsweise 349 Euro, die falsche Kalaschnikow 749 Euro. Manche der Besteller gaben bis zu 4.000 Euro aus. Bis Ende Januar 2017, so belegen die Daten, sind bei dem Onlineshop Bestellungen für mehr als 150.000 Euro eingegangen.

In Ungarn sind die Schreckschusswaffen legal und dürfen an jeden verkauft werden, der älter als 18 Jahre ist. In Deutschland sind all diese Waffen jedoch nicht zugelassen. Hierzulande ist es verboten, durch den Lauf einer Schreckschusswaffe ein Geschoss zu treiben, zumal mit solcher Kraft. Schreckschusspistolen dürfen in Deutschland höchstens 7,5 Joule entwickeln, nicht 80 oder 120 wie die Modelle aus dem Onlineshop. Selbst in Österreich, wo die Waffengesetze liberaler sind als in Deutschland, gelten die Waffen als illegal; die dortigen Behörden ermitteln gegen Käufer.

Die Firma, die Migrantenschreck betrieb, heißt Német Magyar Ker. és Ért. Kft., sie hat ihren Sitz in Ungarns Hauptstadt Budapest. Im Unternehmensregister ist Mario Rönsch als Inhaber und Betreiber eingetragen. In Justizkreisen ist Rönsch kein Unbekannter. Mehrere Staatsanwaltschaften haben sich in den vergangenen Jahren mit dem 34 Jahre alten Thüringer beschäftigt. Unter anderem wurde er wegen des Verdachts der Volksverhetzung und des Aufrufs zu Straftaten gesucht. In Erfurt hatte er Pegida-Demonstrationen angemeldet. Er soll auch der Kopf hinter der rassistischen Hetzseite Anonymous.Kollektiv gewesen sein. Die Facebookseite hatte gegen Flüchtlinge und Muslime gewütet und zu Gewalt und Selbstjustiz aufgerufen. Mitte Mai verschwand sie aus dem Netz, zur selben Zeit tauchte Rönsch unter.

Die Waffenkäufer

An diese Orte wurden seit Mai 2016 Waffen geliefert. Jede Waffe steht für eine Bestellung. Wir zeigen nicht die konkrete Adresse, sondern lediglich den Postleitzahlbereich. Klicken Sie auf eines der Symbole, um weitere Details der einzelnen Bestellungen zu sehen.

Wirklich verschwunden war Rönsch nie. Von Budapest aus betrieb er sein zynisches Geschäft, so belegen es das Impressum der Website und Recherchen von ZEIT ONLINE. Rönsch selbst nimmt für sich in Anspruch, nichts Unerlaubtes getan zu haben. ZEIT ONLINE antwortete er recht freimütig, sein Geschäft sei rechtmäßig und nannte Ungarn seine Wahlheimat. Dass der Waffenhandel von Budapest aus betrieben wird, hatte ZEIT ONLINE Anfang Dezember anhand der Sendungsnummern aufgedeckt, die zur Nachverfolgung der Pakete dienen und die in den Kundendaten enthalten waren. So ließen sich die Sendungen bis zum Postamt zurückverfolgen, in dem sie aufgegeben wurden. Kunden in Deutschland, die Reporter besuchten, bestätigten, dass die Pakete bei ihnen angekommen waren und Waffen enthielten.

Man könnte meinen, den Behörden müssten genug Hinweise vorliegen, um die Ermittlungen gegen Rönsch voranzutreiben. Doch das Engagement, mit dem sie versuchen, den offensichtlich illegalen Waffenhandel zu unterbinden, ist sehr verschieden. Während die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt 400 Zöllner losschickte, um bei mutmaßlichen Kunden ausgelieferte Waffen zu suchen, scheint das Verfahren gegen den Betreiber eher zögerlich voranzukommen. Federführend verantwortlich für die Ermittlungen gegen den Händler ist die Staatsanwaltschaft Berlin.