Thomas Fischer ist Bundesrichter in Karlsruhe und schreibt für ZEIT und ZEIT ONLINE über Rechtsfragen. Weitere Artikel seiner Kolumne Fischer im Recht finden Sie hier – und auf seiner Website.

Liebe Leserinnen und Leser,

die Sicherheit unserer Polizeibeamten war Gegenstand dieser Kolumne der vergangenen Woche. Sie war aber auch Thema einer am 1. Februar in der ARD ausgestrahlten Talkshow der Reihe Maischberger – angeblich jedenfalls. Die Sendung hatte das Thema "Polizisten: Prügelknaben der Nation?". Der Titel ergab wenig Sinn: Weder hatte jemand behauptet, die Polizei müsse stellvertretend für andere eine (gerechte oder ungerechte) Strafe auf sich nehmen (Prügelknabe), noch hatte gar "die Nation" (oder eine Mehrheit von Bürgern) dies gefordert oder befürchtet. Und schon gar nicht beschäftigte sich die Talkrunde mit dieser Frage. Ich kann das beurteilen, denn ich habe sie nicht nur gesehen – ich habe als Gast an ihr teilgenommen. Seither erhielt ich, auf diversen Wegen, Hunderte (!) von Nachrichten, die sich mit den gefühlten Themen der Sendung, dem gefühlten Kolumnisten und der gefühlten Sicherheitslage auf dem Planeten Deutschland befassen.

Briefe aus dem Volk

Nur beispielhaft zitiere ich an dieser Stelle ein paar besorgte Bürger, die sich mit (zutreffendem oder erfundenen) Namen direkt an mich wandten – Tausende der üblichen "Posts" auf irgendwelchen sogenannten "sozialen Medien" gehen, was den Unflat betrifft, noch weit darüber hinaus. Orthografie und Grammatik der Zitate sind aus dem Original übernommen.

Manchen Absender treibt anscheinend vor allem die Person des Kolumnisten um. So schreibt, nur als Exempel, ein unter dem akademischen Grad "Doktor" firmierender Anonymus:

Dick, fett, vollgefressen, leistungs - und erfolglos zeigt sich ein privilegierter Beamter als potentielles Arschloch in der Öffentlichkeit (…) Der Fischer sollte sich schämen, aber dazu wäre ein Scharmbewußtsein Vorrausetzung.

Ein Herr A. N. fügt hinzu:

Da sitzen Sie voll gefressener Fettsack und polemisieren auf einem Niveau und in der Manier eines Roland Freislers. Während jeden Tag unsere Polizei ihren Kopf hinhält, dass leider auch solche Subjekte wie Sie in Sicherheit leben dürfen, beleidigen und diffamieren Sie unsere Sicherheitskräfte. Einfach nur ekelerregend, wie sie es wagen, Ihre perversen, ekelhaften Beleidigungen hier zu äussern. Das so etwas wie sie überhaupt ein Richteramt bekleiden darf, zeigt wie tief dieses Land moralisch gesunken ist. Man kann gar nicht so viel fressen, wie man kotzen möchte, wenn man einer Kreatur wie Ihnen zuhört. Schade, dass sich die NSU nicht Subjekte wie Sie es eine sind vorgenommen hat. Pfui Deibel Sie sogenannter Richter.

Ein angeblicher Dr. K.-H. Z. äußert:

Herr Fischer, nicht genug, dass Sie öffentlich als Polter-Fischer bezeichnet werden, nein, Sie entblößen sich nicht, im Fernsehen Unqualifiziertes abzuliefern (…). Nehmen Sie einfach etwas ab, dann geht auch Ihr Blutdruck und Ihre bornierte Arroganz etwas zurück.

Ein Herr E. T. (nach eigenen Angaben Unterwäsche-Topmodel), fügt an:

Und solch eine optische Körperverletzung kann mit solchen Ansichten Richter sein? I G I T T !!!!

Und ein gewisser R. V. thematisiert gleich die Frage der Zurechnungsfähigkeit:

In nicht zu weit fortgeschrittenem Stadium hilft auch manchmal noch psychotherapeutische Hilfe um wieder in der Realität anzukommen;

Dem schließt sich ein angeblicher MM. G. an:

Ich habe kurz überlegt, ob ich an Ihrem Geisteszustand zweifeln soll.

Und A. F. merkt an:

Bei den menschlichen Umgangsformen verfügen Sie über ein sehr hohes Defizit. Treten Sie in den Ruhestand und genießen Sie die exorbitante Richterpension.

Nichts gegen sachliche Kritik ad personam – daher unterstützen wir auch gern unseren Mitbürger mit Migrationshintergrund A. R.:

Sie sollten mal lernen die Leute aussprechen zu lassen und Nicht permanent dazwischen reden unmöglich PS: einen Sprachkurs müssen sie auch unbedingt belegen.

Die zahlreichen (versteckten und offenen) Drohungen (mit was auch immer) habe ich jetzt weggelassen – eben bis auf diese eine:

Schade, dass sich die NSU nicht Subjekte wie Sie es eine sind vorgenommen hat.

Selbst so etwas muss man wohl nehmen, wie es kommt und gemeint ist. Beamte im Ruhestand aus Schwäbisch Hall und Königs Wusterhausen, anständige Deutsche, hart arbeitende Volksgenossen und seit 15 Jahren arbeitslose "Spezialeinsatzkräfte für allerhand" haben mit der eigenen Physiognomie und dem unausweichlichen Verfall ihrer deutschen Potenz offenkundig so viele Probleme, dass es den Leser ihrer Zeilen schon fast anrührt. Trotzdem – man muss versuchen, Einzelheiten nur so weit zur Kenntnis zu nehmen, dass einen die Depression nicht ganz übermannt.

Wenn aber ein Kampfsportler und Ex-Polizist aus dem "Mittleren Dienst" namens Nick Hein, der sich in der Talkshow als "Experte" für Sicherheitspolitik präsentiert, einem anderen Teilnehmer der Gesprächsrunde, der seine Meinung nicht teilt, ausdrücklich und vor laufenden Kameras Gewalt androht und dann anderntags im Interview mit Focus Online (Titel: Deshalb drohte ich SPD-Mann Lauer im TV Prügel an) diese Ungeheuerlichkeit nicht etwa bestreitet oder auf eine Überdosis Anabolika zurückführt, sondern darauf, dass das Opfer dummes Zeug geredet habe und ihm (dem Täter) daher "der Kragen geplatzt" sei, und wenn die Verantwortlichen der ARD dazu auch fünf Tage später noch immer nicht Stellung genommen haben, und wenn das Format Maischberger nach diesem Frontalangriff auf die Zivilisation auch fünf Tage später weder sich erklärt noch für die Ausstrahlung entschuldigt hat noch von der ARD als Skandalsendung aus dem Programm genommen wurde – dann müssen wir an dieser Stelle sagen: Unseres Wissens hat es in den letzten 30 Jahren in der ARD kein vergleichbares Ereignis gegeben. Das Schweigen der Redaktion und der ARD zu diesem Vorfall ist abwegig in der Sache, bezeichnend in der Botschaft, skandalös in der Form.

Gefühle

In der Summe wird die Generalbeleidigung gegen den Kolumnisten als Talkgast auch überlagert von einem hybriden Aufschrei der Empörung, der Inhalt, Form, Person und Gefühl vermischt. Auch dafür ein paar (der harmloseren) Beispiele:

Sie sind eine Schande für unseren Rechtsstaat und ihr Amt.

Mit Ihren weltfremden, theoretischen Abhandlungen und Ergüssen tragen in keinster Weise zu einem Erkenntnisgewinn bei; eher im Gegenteil (…) Einzig Ihre verstorbene Berliner Kollegin Heißig hatte diese menschlich wie fachliche Begabung.

Ich bin zu der Überzeugung gekommen das Sie die größte Ungerechtigkeit in unserem Land sind. Ihr Professionales Verständnis von Recht spottet jegliche Beschreibung. Ich kann dies nur mit dem Ausdruck belegen "Sie Rechtsverdreher". Es wird Zeit, so meine ich, das unser Land von solch einem Gesocks befreit wird.

Man sollte euch ALLE, Sie und Ihresgleichen, zum Teufel jagen!! Personen wie sie widern mich an, doch dieses Jahr gibt es bei den Wahlen die Quittung.

Nachdem ich gestern Ihren Auftritt bei "Maischberger" gesehen habe, ist mir noch klarer geworden, WARUM es Kriminelle zu hauf nach Deutschland zieht.

Sie sind für mich nur bemitleidenswert. Ich wette Ihre Meinung würde sich schon ändern, wenn ich hier schreiben würde was ich über Sie denke. Sie sind für mich einfach nur ein ganz widerlicher Selbstdarsteller.

Ihr Dienstort Karlsruhe erinnerte mich wieder an eine unsägliche Aussage des dortigen Polizeipräsidenten. Dieser stellte in einem Interview bei RTL im Herbst 2015 im Zusammenhang mit vielen Diebstählen von Flüchtlingen doch glatt fest, dass er auch stehlen würde, wenn er nichts zu essen hätte! …Zu meiner Person: betriebswirtschaftliches Studium, 64 Jahre alt, Leutnant d. R.