Erst vor ein paar Tagen ist in der Türkei und zeitgleich in Deutschland eine türkische Heldengeschichte in die Kinos gekommen. Der Held: Recep Tayyip Erdoğan. Reis heißt der Film, was übersetzt etwa der Chef, Anführer oder auch der Wissende heißt. So soll Erdoğan schon als Kind genannt worden sein. Ein gehorsamer Sohn, ein gläubiger Muslim, ein aufopferungsvoller Kämpfer für das Gute inmitten von Armut, Korruption und Sünde. Nicht posthum, sondern schon zum 63. Geburtstag wird Erdoğan zum Heiligen gemacht. Als er in den 1990er Jahren Bürgermeister von Istanbul ist, wird Erdoğan wegen der Rezitation eines Gedichts verhaftet. Damit endet der Film: mit der Darstellung Erdoğans als Opfer. Als Täter – und damit sein Kampf gegen die Kurden, die Inhaftierung Andersdenkender oder das Verbot freier Medien – kommt der heutige Präsident der Türkei im Film nicht mehr vor.

Über die Machart solcher Propaganda lächeln wir hierzulande üblicherweise milde. Wer fällt schon auf eine kitschige Verklärung eines Menschen mit so offensichtlichen Fehlern herein? Wenn hier doch eine Vielfalt von Medien dafür sorgt, ein differenzierteres Bild zu zeigen.

Genauso milde könnte man lächeln, wenn türkische Minister in Deutschland Wahlkampf machen wollen. So wie am Sonntagabend in einem Kölner Hotel: Der Wirtschaftsminister Nihat Zeybekçi hat nach Absagen doch noch einen Ort gefunden, wo er reden wird. Soll er doch, könnte man meinen. Vor allem natürlich, weil wir die Meinungsfreiheit weiter hochhalten, zumindest, wenn sich alle Beteiligten an die demokratischen Regeln halten.

Aber auch, weil wir uns eigentlich sicher sein müssten: Menschen, die schon lange in einer gefestigten Demokratie leben oder gar in ihr aufgewachsen sind, können doch nicht in großer Zahl auf den Autokraten und Verfechter des Patriarchats Erdoğan hereinfallen. Erst recht nicht, wenn so etwas passiert wie die Verhaftung Deniz Yücels, eines deutschtürkischen Journalisten, der in der Türkei bezichtigt wird, ein Terrorist und ein Agent zu sein, nur weil er seine Arbeit macht. Das muss die Community doch aufrütteln. Oder?