Unicef - Deutsche Flüchtlingsunterkünfte sind nicht kindgerecht Das UN-Kinderhilfswerk Unicef kritisiert, dass in Deutschland minderjährige Flüchtlinge zu lange in Massenunterkünften untergebracht seien. Sie sollten besser integriert werden, so Geschäftsführer Christian Schneider. © Foto: Tobias Schwarz/AFP/Getty Images

Eine repräsentative Studie der Berliner Charité liefert erste Einblicke in das Leben geflüchteter Frauen in Deutschland – etwa ein Drittel der Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen, sind Frauen und Mädchen. Für die Studie wurden 639 Migrantinnen in Aufnahmeeinrichtungen in fünf Stadt- und Landgebieten zu ihrer Flucht, ihren Lebensumstände in der Heimat und jetzt in Deutschland befragt. Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özoguz (SPD), sagte, die Studie zeige, wo Integrationspotenziale besser genutzt werden könnten.

Demnach ist die große Mehrheit der geflüchteten Frauen in Deutschland zwischen 17 und 39 Jahren alt, kommt aus Syrien, Afghanistan oder dem Irak und ist vor allem wegen des Krieges, Terrors und der Lebensgefahr geflüchtet. Manche gaben als Fluchtgründe auch Hunger oder die Sorge vor Entführung, Gewalt und Folter an.

Mehr als zwei Drittel der Frauen sind laut der Studie verheiratet oder haben einen Partner. 81 Prozent gaben an, Kinder zu haben. Rund 60 Prozent der Frauen aus Syrien und Afghanistan wurden auf der Flucht von ihren Kindern begleitet, etwa jede vierte Frau aus Eritrea oder Somalia kam allein nach Deutschland. Die Mehrheit ist nach eigenen Angaben zur Schule gegangen, jede sechsten Frau, heißt es, sei Analphabetin.

Mittelmäßige Lebensqualität

Ihre aktuelle Lebensqualität in Deutschland bewertet knapp die Hälfte der Frauen als mittelmäßig, vor allem die Wohnsituation sei schlecht oder sehr schlecht, die hygienischen Bedingungen mangelhaft. Sie klagen über sexuelle Übergriffe, Lärm, Diskriminierung und ein Klima der Respektlosigkeit. Das Schlimmste aber sei das Fehlen der Privatsphäre.

Diese Einschätzung teilt auch eine nicht repräsentative Umfrage von Unicef unter 447 haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern von Flüchtlingsunterkünften, die vor allem auf die Situation der Kinder blickt. Die Daten beruhen auf einer anonymen Onlinebefragung.

"Viele Unterkünfte sind keine sicheren Orte für Kinder. Sachleistungen, fehlende Privatsphäre, nicht abschließbare Sanitäranlagen und das Miterleben von Gewalt und Konflikten führen zu Gefährdungsmomenten und beeinträchtigen die Entwicklung geflüchteter Kinder und Jugendlicher", sagt Adam Naber vom Bundesfachverband unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge und Mitautor der Studie. Unicef fordert, dass sie deshalb so kurz wie möglich in den Sammelunterkünften bleiben und so schnell wie möglich in Kindergärten und  Schulen integriert werden sollen. Nur ein knappes Drittel gehe bislang zur Schule, so Naber. In vielen Bundesländern hängt die Schulpflicht davon ab, ob das Kind in einer Erstaufnahmeeinrichtung oder einer Einzelunterkunft lebt.

Laut der Charité-Studie fühlen sich die meisten der Befragten in den Unterkünften ärztlich schlecht betreut, auch eine psychologische Betreuung gebe es häufig nicht. Großen Kummer bereitet den Frauen die Trennung von ihren Familien.

Auf den Status kommt es an

Doch der Familiennachzug für Flüchtlinge ist schwieriger geworden. Viele erhalten nur noch subsidiären Schutz. Dieser Status wird vergeben, wenn Schutzsuchende weder Anspruch auf Asyl haben noch nach den Genfer Konventionen als Flüchtlinge anerkannt werden. Er wird beispielsweise dann erteilt, wenn die Menschen Schutz vor Krieg in ihrer Heimat suchen oder ihnen dort Folter oder die Todesstrafe droht. Diese Menschen werden nicht abgeschoben, erhalten aber nur eine zunächst auf ein Jahr befristete Aufenthaltserlaubnis. Der Familiennachzug für diese Gruppe wurde im Rahmen des Asylpakets II Anfang 2016 für zwei Jahre ausgesetzt. Insgesamt sind davon laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) 179.000 Menschen betroffen, darunter 137.000 Syrer.

Kirchenvertreter und Hilfsorganisationen verlangen die sofortige Wiederaufnahme des Familiennachzugs und auch seitens der Politik gibt es derartige Forderungen: Luise Amtsberg, die flüchtlingspolitische Sprecherin der Grünen, sagte im Deutschlandfunk, sonst werde nicht nur die Integration blockiert, sondern auch an Menschenrechten gerührt. Es gehe nicht darum, dass "ein Familienverbund von fünf Menschen kommt", die Kernfamilie zusammenzuführen sollte aber leistbar sein. Es wirke sich begünstigend auf die Integrationsfähigkeit aus, weil es dann innerhalb der Familie Unterstützung füreinander gebe, so Amtsberg.

SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann teilt die Forderung seiner Partei hingegen nicht, syrischen Flüchtlingen den Familiennachzug generell zu gestatten: "Es geht nicht um eine generelle Ausweitung des Familiennachzugs", sagte er der Passauer Neuen Presse. "Wir haben eine Härtefallregelung für syrische Flüchtlinge vereinbart. Diese ist bisher leider nicht umgesetzt worden, wir wollen sie aktivieren. Das gilt insbesondere für Kinder und Jugendliche." 2016 seien rund 2.000 Minderjährige aus Syrien ohne Eltern nach Deutschland gekommen.

Bundestagsvizepräsident Johannes Singhammer hält nichts von einem vorzeitigen Abbruch der Übergangsregelung: "Das Bundesinnenministerium hat Prognosen bestätigt, dass pro Syrer etwa 0,9 bis 1,2 Familienangehörige nachziehen werden. Angesichts der mittlerweile rund 500.000 Syrer muss sich die Gesellschaft mittelfristig auf die Integration einer halben Million weiterer Syrer durch den Familiennachzug einstellen", sagte der CSU-Politiker der Welt und schlägt vor, die Aussetzung des Familiennachzugs sogar über die zwei Jahre hinaus noch auszudehnen. Dies würde den Kommunen Zeit verschaffen, damit diese dann auch genügend "Kitaplätze, Schulen, bezahlbaren Wohnraum und Altenheimplätze für die nachziehenden Familienangehörigen vorrätig haben".