Wegen eines Gammelfleisch-Skandals in Brasilien hat die EU den Import von Fleisch aus dem südamerikanischen Land teilweise ausgesetzt. Die Lieferungen von 21 verdächtigen Fleischproduzenten würden ab sofort abgewiesen und zurückgeschickt, sagte der Maltesische Ratspräsident Joseph Muscat. Darüber hinaus werde die EU Fleischlieferungen von bisher unverdächtigen brasilianischen Konzernen verstärkt kontrollieren. Die Entscheidung war bei einem Treffen von europäischen Veterinär-Experten gefallen, an dem auch Vertreter der EU-Kommission teilnahmen.

Nach einer Razzia am Wochenende wirft die Polizei mehreren Konzernen vor, vergammelte und überalterte Fleischprodukte mit chemischen Mitteln wieder ansehnlich gemacht und auf den Markt gebracht zu haben. Mehrere wichtige Abnehmerländer haben daraufhin Einfuhrbeschränkungen beschlossen; im Gegensatz zur EU erließen China, Mexiko, Hongkong und Chile sogar einen kompletten Importstopp gegen brasilianisches Fleisch.

Um den Betrug zu ermöglichen, sollen Mitarbeiter der Gesundheitsbehörden bestochen worden sein. Die brasilianische Bundespolizei sprach 38 Haftbefehle aus. Brasiliens Präsident Michel Temer berichtete, dass zudem 33 Kontrolleure des brasilianischen Landwirtschaftsministeriums überprüft würden; sie werden verdächtigt, den Betrug gegen Schmiergeldzahlungen verschwiegen zu haben.

Brasiliens Regierung und Verbandsvertreter betonen, der Skandal betreffe einzelne schwarze Schafe und nicht die Branche insgesamt. Für die knapp 160 Länder, die Fleisch aus Brasilien importieren, besteht laut der Regierung keine größere Gefahr. Von 4.837 Produktionsstätten stünden nach den bisherigen Ermittlungen 21 unter Verdacht – von diesen hätten aber nur sechs in den vergangenen 60 Tagen Fleisch exportiert. Das Landwirtschaftsministerium werde bald eine Liste mit Ländern veröffentlichen, die von dem Fleischskandal betroffen sein könnten, sagte Temer. 

In Deutschland ist nach Einschätzung des Bundesagrarministeriums kein Gammelfleisch aus Brasilien verkauft worden. Ihnen lägen "keine Informationen vor, dass Sendungen aus den betroffenen brasilianischen Firmen nach Deutschland gelangt seien", teilte ein Sprecher des Landwirtschaftsministeriums mit. Auch aus anderen EU-Staaten gebe es laut einem entsprechenden Schnellwarnsystem keine Meldungen, dass dort gesundheitsschädliches Fleisch aufgetaucht sei.

Auch der Verband der Fleischwirtschaft in Deutschland sieht bisher kein erhöhtes Risiko für deutsche Konsumenten. Deutschland importiere pro Jahr etwa 6.000 Tonnen gekühltes und 3.000 Tonnen gefrorenes Rindfleisch sowie 21.000 Tonnen Geflügelfleisch aus Brasilien. Die Einfuhr von Schweinefleisch aus Brasilien sei in der EU nicht zugelassen. "Es ist höchst unwahrscheinlich, dass die Rindfleischimporte der EU von den aktuell aufgedeckten Straftaten in Brasilien betroffen sind oder waren", sagte ein Verbandsprecher.

Exporte eingebrochen

Trotz der Beschwichtigungen setzt der Skandal Brasiliens Wirtschaft schon jetzt zu: Die Exporte von Schweinefleisch und Geflügel seien um 22 Prozent zurückgegangen, teilte der Branchenverband Brazilian Animal Protein Association am Freitag mit. Brasilien ist der weltgrößte Rindfleisch-Exporteur; Zahlen zu diesem Sektor nannte der Branchenverband nicht. Die Fleischbranche gehörte bisher zu den wenigen stabilen Wirtschaftssektoren im rezessionsgeplagten Brasilien. Die Fleischexporte des Landes erreichen fast 14 Milliarden Dollar im Jahr. "Es wird sicherlich Auswirkungen haben", sagte Planungsminister Dyogo Oliveira. "Aber wir haben noch keine klare Vorstellung, in welchem Ausmaß."