Alle Blicke im Saal wenden sich zur Tür, als der Vorsitzende Richter an diesem Märzmorgen um kurz vor elf Uhr den nächsten Zeugen aufruft: "Herr A., bitte!" Es dauert einen Moment, dann betritt Dirk A. den Gerichtssaal. Ein bulliger Kerl in Armyhose und Kapuzenpulli, das olivgrüne Lonsdale-Basecap hat er abgenommen, man sieht sein fleischiges Gesicht und die schütteren ergrauenden Haare. Sie sind millimeterkurz geschnitten.

A. ist 39 Jahre alt, kommt aus Freital und arbeitet als Kurierdienstfahrer. Dirk A. ist außerdem NPD-Mitglied und seit 2014 Stadtrat in dem sächsischen Ort nahe Dresden. Und er weiß viel über die Terrorgruppe Freital, viel mehr als bislang bekannt war. Breitbeinig stapft er an den Zeugentisch. Die acht Angeklagten schaut er auf den wenigen Metern nicht an, obwohl er mindestens ihr Kumpel war.

Genau das ist sein Problem. Sieben Männer und eine Frau sind vor dem Oberlandesgericht Dresden angeklagt, rechte Terroristen zu sein. Der Prozess läuft seit Anfang März. A. gehört nicht zu den Angeklagten der "Gruppe Freital". Aber er soll ihr Helfer gewesen sein, vielleicht auch Mittäter, Anstifter sogar zu einigen Taten. So belegen es Unterlagen des Bundeskriminalamts, die ZEIT ONLINE einsehen konnte. Mit jedem Tag des Strafprozesses wird deutlicher, dass A. offenbar tief in die Taten der Gruppe verstrickt ist. Die Generalbundesanwaltschaft verdächtigt ihn inzwischen, Mitglied der Terrorgruppe gewesen zu sein, und hat die Ermittlungen gegen ihn ausgeweitet. Das bestätigte ein Sprecher der Karlsruher Behörde.

Männer hinter Masken

"Sie wissen, was hier die Vorwürfe sind?", fragt der Richter. Zeuge A. nickt. Niemand muss vor Gericht aussagen, wenn er Gefahr läuft, sich selbst oder Angehörige zu belasten. "Möchten Sie Angaben machen?", fragt der Richter. Dirk A. möchte das nicht, er verweigert die Aussage. Ihm scheint klar zu sein, dass er nichts gewinnen kann. So beendet der Richter die Befragung, bevor sie überhaupt begonnen hat. Nach kaum vier Minuten rückt A. schweren Schrittes wieder ab. Vorbei ist die Sache damit jedoch nicht.

Es gibt ein Foto, das die Gruppe, die Freital monatelang mit Anschlägen terrorisierte, selbst von sich gemacht hat. Vermummte Gestalten stehen im Dunkeln auf einem Hügel. Sie halten Fackeln, eine Hakenkreuzfahne und ein schwarzes Banner mit der Frakturaufschrift "Freital" und recken den rechten Arm in die Luft. Das Bundeskriminalamt hat die meisten Personen hinter den Masken identifiziert. Zwei von ihnen, Patrick F. und Philipp W., stehen nun vor Gericht. Dirk A. sei auch auf dem Bild zu sehen, bestätigte der Mitangeklagte Justin Sch. vor Gericht. A. stehe direkt neben Patrick F. und Philipp W.

Aus seiner Gesinnung hat Dirk A. nie einen Hehl gemacht. In seinen Profilen auf Facebook und dem russischen sozialen Netzwerk VK teilt er rechte Sprüche und Positionen. Das Ende des Zweiten Weltkrieges ist für ihn keine Befreiung vom Nationalsozialismus, sondern eine Besetzung durch fremde Mächte. Auf VK ist er mit Reichsbürgern befreundet, auch mit Burghard B., dem sogenannten Nazidruiden. Der ist inzwischen in einem anderen Verfahren als Gründer einer weiteren rechtsterroristischen Vereinigung angeklagt.

Bürgerwehr nicht radikal genug

In der rechten Szene Freitals war A. ebenfalls gut vernetzt. Da ist zum Beispiel die Facebookseite der "Bürgerwehr FTL360". Benannt nach dem Autokennzeichen von Freital und der Buslinie, auf der zwei der Angeklagten als Fahrer gearbeitet haben, zeigte sich die Gruppe bei Facebook offen rechtsradikal. Drei Personen agierten als Administrator dieser Facebookseite: Die Angeklagten Timo S. und Mike S. – und Dirk A. Justin Sch. sagte vor Gericht, A. sei auch in den Bussen mitgefahren, mit denen die selbst ernannte Bürgerwehr nach Menschen mit anderer Hautfarbe suchte.

Doch es scheint, als sei das alles dem NPD-Mann noch nicht radikal genug gewesen. Aus der selbst ernannten Bürgerwehr rekrutierte sich spätestens von Juli 2015 an die Terrorgruppe Freital. Dirk A., so legen es die Akten nahe, war von Anfang an dabei.

Die Gruppe plante ihre Taten anfangs über WhatsApp. Später, als ihnen WhatsApp zu heikel erschien, wechselten die Gruppenmitglieder zu einem koreanischen Messengerdienst namens KakaoTalk, der mehr Verschlüsselung, mehr Heimlichkeit bot. Über dieses Chatprogramm tauschten sie Informationen über potenzielle Ziele aus, dort bezeugten sie ihre Gesinnung, planten sie ihre Taten, beklatschten ihre Anschläge.

Zirkel der Eingeweihten

Der Vorschlag, zu KakaoTalk zu wechseln, war von A. gekommen. So lässt es sich in den BKA-Unterlagen nachlesen. Bei KakaoTalk soll er zum engsten Kommunikationskreis der Gruppe gehört haben. Dieser eingeweihte Zirkel besprach sich in einem besonderen Kanal, dem "schwarzen Chat". Wer mitmachen wollte, musste seinen Extremismus, seinen Hass, seine Gewaltbereitschaft zuvor bewiesen haben. Die Angeklagten beschreiben in ihren Aussagen, im schwarzen Chat sei es um die heftigen Aktionen gegangen, um Anschläge auf Flüchtlinge und Andersdenkende, um Terrorismus.

Im schwarzen Chat zeigten die Mitglieder, was sie wirklich denken. Dort träumten sie von einer Welt, in der jeder illegal eingereiste Ausländer lebendig verbrannt werden sollte, egal ob es sich um Mann, Frau oder Kind handelt. Dort wurde Gewalt gegen jeden Asylbewerber gefordert. Dort versicherten sie sich, dass sie Nazis bis zum bitteren Ende seien. Unter dem Pseudonym "Dakom" soll A. immer Teil dieses Gesprächs gewesen sein. Er bejubelte die Taten, gab Tipps für neue Ziele. Er sei ein "vollwertiges Mitglied" der Gruppe Freital gewesen, sagte Justin Sch. im Gerichtssaal.

Wie die nun Angeklagten führte A. ein Doppelleben. Offiziell war er der Parteikader, der im Stadtrat zwar gegen Flüchtlinge argumentierte, der aber auch bei seinem politischen Gegner für falsche Aussagen Abbitte leisten konnte. In einem Facebookeintrag schrieb A. beispielsweise im März 2016, er wolle sich öffentlich beim Linken-Stadtrat Michael Richter entschuldigen. Dessen Auto war im Sommer 2015 mit illegalen Sprengkörpern zerstört worden – eine der Taten, wegen der die Gruppe Freital nun angeklagt wurde. A. schrieb bei Facebook, er habe fälschlich behauptet, Richter hätte die Tat selbst begangen, um seine Versicherung zu betrügen.

Tipps für Anschlagsziele

Was Dirk A. auf diese Weise verschleierte, offenbaren nun die Protokolle des schwarzen Chats. A. muss nicht nur sehr genau gewusst haben, wer den VW-Golf des linken Politikers gesprengt hatte. Er hetzte die Gruppe demnach selbst auf Stadtrat Richter. So schrieb A., vor dem Wohnhaus des Politikers stehe gerade ein Baugerüst. Daraufhin diskutierte die Gruppe einen Anschlag, weil das Gerüst den Zugang zur Wohnung so leicht machte. Zur Tat kam es zum Glück nicht.

Auch andere Ziele spähte A. offenbar für die mumaßliche Terrorgruppe aus. In einer Sitzung des Stadtrats am 10. September 2015 wollte A. von der Verwaltung wissen, ob es stimme, dass der ehemalige Real-Markt im Ort zu einer Unterkunft für Asylbewerber ausgebaut werden solle. Dazu gebe es bislang keine Bestätigung des sächsischen Innenministeriums, bekam er zur Antwort. Wenige Tage später postete A. diese Information dennoch im schwarzen Chat. Am 31. Oktober brannte es im Gebäude, am 4. November brannte es nochmals. Beide Taten rechnen die Ermittler der Gruppe Freital zu. Im Verhör gestand einer der Angeklagten, der Hinweis von A. sei der Auslöser für die Taten gewesen.

Eine andere Adresse hatten die Rechtsextremen möglicherweise ebenfalls von A. In der Nacht vom 20. September 2015 explodierte am Küchenfenster einer Asylbewerberunterkunft in der Bahnhofstraße in Freital ein Sprengkörper. Die Explosion war so stark, dass die Polizei später noch in 20 Metern Entfernung Teile des Fensters fand. Nur dem Zufall war es zu verdanken, dass keiner der Bewohner verletzt wurde.

Erdgeschoss links

Die Adresse des angegriffenen Hauses war in Freital nicht allgemein bekannt. Viele Asylbewerber der Stadt wohnen in sogenannten dezentralen Unterkünften, in ganz normalen Wohnungen von Mehrfamilienhäusern. Von außen war nicht zu erkennen, dass hinter genau diesem Fenster Menschen aus Eritrea lebten. Doch es gab eine Liste, auf der das stand.

Im Mai 2015 hatte der für die Unterbringung zuständige Landkreis dem Freitaler Oberbürgermeister alle Adressen mitgeteilt, an denen Asylbewerber untergebracht waren. In dieser Liste stand auch die "Bahnhofstraße 26, EG/ li". Die Liste wurde unter Stadträten verteilt, aber nicht an A. direkt.

Ob A. diese Adresse also von jemandem bekam und der Gruppe weitergab, ist daher bislang nicht klar. Sicher ist nach Aktenlage nur, dass A. den mutmaßlichen Attentätern immer wieder solche Tipps gab. Er habe die Gruppe "mit Informationen versorgt", berichtete auch der Mitangeklagte Sch. in seiner Aussage.

Zugang zu solchen Informationen hatte A. auf alle Fälle. Der Stadtrat muss dem Landkreis zum Beispiel Gebäude melden, in denen Unterkünfte für Asylbewerber eingerichtet werden könnten. Solche Vorschläge wurden im Stadtrat diskutiert und beschlossen, auch im Beisein von A., wie Niederschriften der Sitzungen belegen.

Neues Ziel Festzelt

Die Chatprotokolle zeigen außerdem, dass A. die Anschläge guthieß. Noch am Tag des Angriffs in der Bahnhofstraße war er demnach dorthin gefahren, um sich den Schaden anzusehen. Anschließend teilte er seinen Kumpanen sofort mit, dass die ganze Sache gut aussehe.

Auch wenn Dirk A. nicht selbst an Anschlägen teilnahm, wollte er offenbar, dass die Gruppe weitermachte. Justin Sch. sagte vor Gericht aus, A. habe im Oktober 2015 die Idee gehabt, dass man auf das Oktoberfestzelt in Dresden einen Anschlag verüben könne. Weil so viele Flüchtlinge kamen, hatte die Stadt Dresden das große Zelt auf einem Sportplatz aufbauen lassen. Es sollte als Erstaufnahme dienen. Der Vorschlag des rechten Stadtrates verfing, sogleich machten sich einige der Rechtsextremisten auf, um den möglichen Tatort auszuspähen, ist in den Unterlagen zu lesen. Zu einem Angriff auf das Zelt kam es nicht mehr. Im November wurden die mutmaßlichen Rädelsführer, Timo S. und Patrick F., festgenommen. Am 19. April 2016 setzte die Polizei die übrigen Mitglieder der Gruppe fest.

Dirk A. ist weiterhin frei. Eine Liste mit detaillierten Fragen von ZEIT ONLINE beantwortete A. nicht, sondern distanzierte sich nur allgemein von den Vorwürfen. Die Bundesanwaltschaft sagte lediglich, die Ermittlungen dauerten noch an. Seit November 2016 nimmt A. nicht mehr an Sitzungen des Stadtrats teil, er hat sein Amt aber offiziell noch immer inne. Seine Partei drängt ihn offenbar auch nicht dazu, es aufzugeben, es gibt auch kein Parteiausschlussverfahren. "Wir müssen uns erst einen Überblick über alle Fakten verschaffen, bevor wir handeln können", sagte NPD-Bundespressesprecher Klaus Beier. Bislang habe der Landesverband Sachsen noch nicht persönlich mit A. zu den Vorwürfen sprechen können.

Mitarbeit: Johannes Radke

Haben Sie Informationen zu diesem Thema? Oder zu anderen Vorgängen in Politik und Wirtschaft, von denen die Öffentlichkeit erfahren sollte? Wir sind dankbar für jeden Hinweis. Dokumente, Daten oder Fotos können Sie hier in unserem anonymen Briefkasten deponieren.