Dieser Text gehört zu unserer neuen Reportageserie Überland. Sieben Lokalreporter berichten für ZEIT ONLINE in den kommenden Monaten aus ihrer Region.  Die Serie ist Teil unseres neuen Sonder-Ressorts #D17, in dem wir Deutschland Deutschland erklären wollen.

Wenn Peter Schneeberg von seinem verglasten Büro auf die Stadt blickt, sieht er vieles, was ihm gehört: ein paar Fachwerkhäuser und ein Hotel. Dahinter ein Parkplatz und der Jachthafen. Die Fähre, die über die Elbe setzt. Auf dem Hügel dahinter ein Altenheim. Nicht alle seine Immobilien hat Schneeberg ständig im Sichtfeld. Er besitzt auch in anderen Städten Norddeutschlands Hunderte Wohnungen, Hotels, Gewerbeflächen und Büros. 

Schneeberg, ein drahtiger Mann mit weißen Haaren, ist nicht nur Geschäftsmann. Er ist auch stellvertretender Bürgermeister von Hitzacker, der Stadt mit ihren 5.000 Einwohnern, auf die er von seinem Büro aus blickt. Zudem sitzt er für die CDU im Stadtrat. Seiner finanzschwachen Heimatstadt hat er in den vergangenen Jahren schon so manche Immobilie abgekauft. Gold-Peter heißt er deshalb im Volk. Ohne sein Engagement, sagt Schneeberg, wäre Hitzacker heute noch schlechter dran. Es gibt einige in der Stadt, die das anders sehen.

Immer wieder gab es Streit zwischen der Stadt und ihrem vermutlich reichsten Bürger. Mehrfach haben sie sich vor Gericht getroffen. Mal fand die Stadt, dass Schneeberg nicht den vereinbarten Betrag in den Hafen investiert habe. Mal klagte sie, Schneeberg solle eine Autofähre über die Elbe schicken, und nicht wie bisher eine Personenfähre. Die Stadt verlor einige der Rechtsstreitigkeiten und die Anwaltskosten rissen weitere Löcher in den ohnehin klammen Haushalt. Hitzacker ist eine Stadt, die mit Privatisierungen nicht nur gute Erfahrungen gemacht hat.

Hitzacker

Nun aber geht es um etwas, das selbst die Leute in Hitzacker erstaunt: Der Fluss soll verkauft werden, genauer gesagt 820 Meter der Jeetzel, die durch den Ort fließt. Es sind die letzten Meter, bevor die Jeetzel in die Elbe mündet. Und es ist das Stück, das die Altstadt von Hitzacker zu einer Insel macht. Im Frühling und Sommer startet hier der Ausflugdampfer Elise. Auf einem schwimmenden Café sitzen Menschen und trinken Kaffee. Spaziergänger flanieren über eine Holzbrücke, die den Fluss überquert.

Seit dem Jahr 2015 bietet die zuständige Bundesanstalt für Immobilienaufgaben das Flussbett zum Verkauf an – zum Preis von 95.000 Euro. Käme das Geschäft zustande, wäre das in der Geschichte der Bundesrepublik ein Novum. Seen und andere stehende Gewässer hat der Staat schon oft an private Investoren verkauft. Fließende Gewässer erster Ordnung, also kleinere Quellflüsse, wurden bisher nicht an Privatpersonen verkauft.

Hitzacker liegt nahe der früheren innerdeutschen Grenze, auf der anderen Seite der Elbe begann früher die DDR. Der Zoll nutzte vor der Wiedervereinigung die Mündung der Jeetzel, um seine Boote zu stationieren. Nach der Wende übernahm der Bund das Stück Fluss. Lange nutzte das Wasser- und Schifffahrtsamt die Jeetzel für ihre Vermessungsschiffe, doch mittlerweile hat das Amt den Hafen verlegt. Seither, so argumentiert die zuständige Bundesanstalt, gebe es für das Stück Fluss keine Verwendung mehr. Man sei verpflichtet, entbehrliche Grundstücke zu verkaufen, und zwar zum vollen Marktwert. So stehe es auch in der Bundeshaushaltssatzung und so fordere es auch der Landesrechnungshof. Der Staat folge nur den Vorschriften. 

Wird der Immobilienkaufmann Schneeberg den Fluss kaufen? Das vermuten viele im Ort. Wer sonst, fragt man in Hitzacker, würde ein Flussbett kaufen? Und wer könnte es sich leisten? Schneeberg besitzt schon einen großen Teil des Hafengebietes in der Nähe der Elbe: eine große Grünfläche, einen Hotelkomplex, den Jachthafen. Das Flussbett würde sich gut einfügen. Wer Schneeberg fragt, ob er den Fluss kaufen wolle, bekommt keine Antwort, die mit Ja oder Nein beginnt. Der Immobilienkaufmann sagt nur: "Wenn es nach mir geht, dann bleibt die Jeetzel in öffentlicher Hand. Das Jeetzelstück darf aber nicht an die Stadt Hitzacker gehen, weil die Stadt gar nicht dazu in der Lage ist. Zum einen haushaltsrechtlich, zum anderen wegen der Unterhaltungskosten für das Gewässer, die gar nicht absehbar sind."

Werden Flüsse zu Spekulationsobjekten?

Es ist eine Logik, die viele in Hitzacker kennen. Während ein Geschäftsmann sich den Fluss aus der Portokasse kaufen könnte, hat die Kommune weder Geld für den Kauf noch für den künftigen Betrieb. Hitzacker ist so angeschlagen, dass die Stadt zeitweise die öffentlichen Toiletten schließen musste, keine Blumenkübel und Bänke mehr aufstellen konnte und den Winterdienst einschränkte.

Ob Schneeberg oder ein anderer Käufer – in Hitzacker herrscht eine Mischung aus Angst, Sorge und Wut. Ein Fluss gehört nicht in die Hand eines Privatbesitzers, finden viele. Sie beließen es nicht dabei, sondern gründeten einen Verein und gaben ihm den Namen Gemeinsam für Hitzacker. Der Verein treibt seither mit dem Verkauf von symbolischen Anteilsscheinen Geld ein. Die Summe will er der Stadt für den Kauf des Flusses zur Verfügung stellen. 55.000 Euro hat der Verein schon zusammen. "Das entspricht 58 Prozent oder 476 von 820 Metern Jeetzel", steht auf der Internetseite des Vereins.

Wenn öffentlicher Raum verschwindet

Hans-Albrecht Wiehler gehört zu den Gründern. Er fragt: "Wenn man anfängt, Gewässer zu verkaufen, welches kommt dann als nächstes dran?" Außerdem: Was macht ein Investor mit einem Fluss? Schließt er ihn für die Öffentlichkeit? Will er überzogene Gebühren von denen, die mit ihren Schiffen anlegen? Verbietet er Anglern das Angeln und Schwimmern das Schwimmen? Werden Flüsse zu Kapitalanlagen, zu Spekulationsobjekten? Diktiert einst ein chinesischer Milliardär, was auf einem deutschen Fluss zu geschehen hat? Sorgt er wie der Staat dafür, dass das Flussbett ausgebaggert wird, damit das Sieltor bei Hochwasser schließen kann?

"Dieses Gefühl zu haben, dass der öffentliche Raum verschwindet", sagt Wiehler, "das ist für viele eine rote Linie gewesen, da hat es vielen gereicht". Den 50 Vereinsmitgliedern ist es wichtig, nicht bloß Unterschriftenlisten zu füllen. Das Geld wollen sie tatsächlich zusammenbekommen. 43.000 Euro fehlen noch. Wird das Geld am Ende nicht gebraucht, geht es zurück an die Spender.

Der Verein hat schon jetzt viel erreicht. Drei Vereinsmitglieder waren zuletzt sogar zu Gast beim grünen Landesumweltminister Stefan Wenzel. Der hat mittlerweile angekündigt, in Verhandlungen mit dem Bund zu treten. Womöglich bleibt der Fluss doch noch in Staatsbesitz.

Den Organisatoren des Vereins geht es jedoch um mehr. Sie wollen die Verhältnisse in Hitzacker grundlegend ändern. Auch deshalb haben sie ihren Verein nicht Gemeinsam gegen die Jeetzel-Privatisierung genannt, sondern Gemeinsam für Hitzacker. Der Kampf um eine bessere Zukunft für die Stadt soll weitergehen, auch wenn die Auseinandersetzung um die Jeetzel vorbei ist.  Der Verein hat einen Jeetzel-Tag veranstaltet, mit Musik, Würstchen und Bootsfahrten. "Es besteht die Hoffnung, dass wir wegkommen von der Sicht des resignierten Bürgers, der den Kommunalpolitiker schilt, hin zu einem Gespräch auf Augenhöhe", sagt Julie Wiehler, die Mitglied im Verein geworden ist. Die Hoffnung: dass die Auseinandersetzung um die Jeetzel in ein stärkeres zivilgesellschaftliches Engagement mündet. Etwas, das für 95.000 Euro nicht zu kaufen ist.