Das Denkmal steht dicht neben einem Parkplatz. Etwa 1.000Menschen drängen sich hier an einem frühlingswarmen Sonntagmittag, um der ermordeten Juden zu gedenken. Eine Gruppe israelischer Schüler hält weiße Luftballons mit der Aufschrift "Pote Xana" ("Nie wieder") in die Höhe. Auch wenn die Straße heute für den Verkehr gesperrt ist: Viel Bewegungsfreiraum gibt es auf dem Platz der Freiheit nicht.

Als "grauenhafte und bittere Ironie" bezeichnet die Historikerin Rena Molcho diesen Umstand. Denn hier zwang der Wehrmachtskommandeur Curt von Krenzki am 11. Juli 1942 erstmals 10.000 männliche Juden, sich registrieren zu lassen. Unter den Augen der Einheimischen wurden sie damals von den Nazis gequält und gedemütigt.

Die Menschenmenge setzt sich in Bewegung, sie will dorthin, wo am 15. März 1943 der erste Zug mit 2.600 Menschen nach Auschwitz losging. Am Alten Bahnhof wurde bis zum August 1943 die Deportation von 50.000 jüdischen Griechen abgewickelt. Im zügigen Tempo organisierten die SS-Hauptsturmführer Dieter Wisliceny und Alois Brunner gemeinsam mit Wehrmachtsbefehlshaber Max Merten den Abtransport und Massenmord. Die meisten Juden wurden direkt nach Auschwitz-Birkenau oder ins Durchgangslager Bergen-Belsen gebracht. Die allerwenigsten überlebten, noch weniger kehrten zurück.

Für das jüdische Leben auf dem Balkan ein verheerender Verlust: Von der etwa 80.000 starken Gemeinde in Griechenland wurden insgesamt 90 Prozent, von den mehr als 50.000 Juden aus Thessaloniki 96 Prozent umgebracht.

Eine Infotafel steht vor dem Alten Bahnhof. Aber kaum jemand in der Stadt kennt sie und weiß, dass die Ermordungen der Juden aus Saloniki hier ihren Ausgangspunkt hatten. Das soll sich nun ändern. Der Bau des Holocaust-Museums wird von der Bundesregierung bezuschusst und soll im Jahr 2020 fertiggestellt werden. Das Museum soll nicht nur das Ausmaß der deutschen Besatzung in Nordgriechenland und den griechischen Holocaust verdeutlichen, ein in Deutschland weitgehend unbekanntes Geschichtskapitel. Es kann Thessaloniki auch ein fast verloren gegangenes Stück seiner Geschichte zurückgeben.

Die größte sephardische Gemeinde der Welt                        

Den traurigen Todesrekorden ging eine reiche Geschichte voraus. Thessaloniki war das Zentrum des europäischen Judentums. Die jüdischen Einwohner nannten die Stadt Madre de Israel, Mutter Israels. Den nicht-jüdischen Einwohnern war sie als Jerusalem des Balkans bekannt. Der Gemeinde gehörten griechisch-sprachige, sogenannte Romanioten an, die sich in vorbyzantinischen Zeiten angesiedelt hatten.

Den größeren Teil machten die sephardischen Juden aus, die sich nach ihrer Vertreibung aus Spanien im Jahr 1492 im Norden Griechenlands niederließen. Über drei Jahrhunderte lang, bis 1912, war die sephardische Gemeinde die größte der Welt. Jüdische Siedler verhalfen der Stadt zu ihrem internationalen Charakter und machten sie zu einem der wichtigsten Häfen des Osmanischen Reichs. In ihrer 2.000-jährigen Präsenz leisteten sie einen bedeutenden Beitrag zur Stadtkultur, auch weil sie in allen Schichten vertreten waren.

Christentum sollte nationale Identität stiften

Dass Kriegserinnerungen verdrängt werden, ist ein vielerorts verbreitetes Phänomen. Doch wie konnte das Verschwinden einer so großen Bevölkerungsgruppe solange unbeachtet bleiben? Nach dem Zweiten Weltkrieg knüpfte man in Griechenland an die Idee einer nationalen Identität an und definierte sich vor allem durch die christlich-orthodoxe Religion. Auch sollte nach dem Bürgerkrieg das Land geeinigt werden. Anschließend war der Holocaust lange Tabu, erzählt der Präsident der Jüdischen Gemeinde, David Saltiel: "Die wenigen Rückkehrer haben nicht darüber gesprochen, was ihnen zugestoßen ist."

Durch die Grenzöffnungen in Albanien und die Einwanderung von Pontos-Griechen in den 90er Jahren gewöhnte man sich wieder an Heterogenität, meint die Historikerin Maria Kavala. Sie gehört zur Generation neuer griechischer Wissenschaftler, die sich seither mit dem Thema beschäftigen.

Kaffee trinken auf Gräbern

Neben dem Museum sind weitere Projekte zur Aufarbeitung geplant. Mit ausführlichen Bildungsprogrammen solle Forschung und Erinnerung weiter verstärkt werden, verspricht Bürgermeister Jannis Boutaris. Boutaris hat die Erinnerungskultur zum jüdischen Leben in der Stadt in den vergangenen Jahren immer wieder auf seine Agenda gesetzt.

Am Gedenkmarsch nehmen deswegen auch zahlreiche nicht-jüdische Bürger teil. Eine Frau Mitte 50 reicht eine Kerze weiter. Sie sei zum zweiten Mal hier, sagt sie. "Ich denke, dass wir uns erinnern müssen, denn der Holocaust ist Teil von uns allen." Auch Vicky Doulou, Absolventin der Aristoteles Universität, erzählt, dass sie bis vor zwei Jahren, als das dortige Mahnmal eingeweiht wurde, nicht wusste, dass sich das Universitätsgelände auf dem ehemaligen jüdischen Friedhof befindet. "Ich war schockiert. Ich habe täglich auf den Gräbern der Juden Kaffee getrunken. Es ist ein erster Schritt, wenn wir der Wahrheit ins Gesicht sehen."