"Inside Islam – Was in Deutschlands Moscheen gepredigt wird" heißt das neue Buch von Constantin Schreiber, aus dem wir hier einen Auszug veröffentlichen:

"Es ist Freitag, der 29. April 2016, eine turbulente Nachrichtenwoche neigt sich dem Ende zu. In Österreich gewinnt die rechtspopulistische FPÖ die erste Runde der Präsidentschaftswahlen. In Baden-Württemberg steht die erste schwarz-grüne Koalition Deutschlands, nachdem der Grünen-Politiker Winfried Kretschmann bei den Landtagswahlen einen überragenden Sieg errungen hatte.

Aus der Wahl geht die Alternative für Deutschland (AfD) als neue starke Kraft im Landtag hervor. Der Zentralrat der Muslime in Deutschland weist Forderungen zurück, die Entsendung türkischer Imame nach Deutschland zu stoppen. Der Vorsitzende des Verbandes, Ayman Mazyek, bezeichnet den Vorschlag als "verfassungswidrig, von Doppelmoral durchzogen und nicht zielführend".

Am Freitagmittag erreicht mich von meiner Redaktion noch ein Auftrag: Ich soll eine Freitagspredigt in eine Berliner Moschee besuchen. Anlass ist die – erneut erhobene – Forderung aus der Politik, Moscheen enger zu überwachen und Predigten auf Deutsch zu halten. Ich kümmere mich in der Redaktion häufig um die Themen Islam und Integration, unter anderem deshalb, weil ich gut Arabisch spreche. Ich habe viele Jahre als Reporter im Libanon und den Vereinigten Arabischen Emiraten gearbeitet und fast alle Länder des Nahen Ostens und Nordafrikas bereist.

Für n-tv erfand ich 2015/16 "Marhaba", Deutschlands erste arabischsprachige Sendung für Flüchtlinge. Wir rufen bei den Verantwortlichen der Wilmersdorfer Moschee im Westen Berlins an. Dort zeigt man sich sofort aufgeschlossen und erlaubt uns, während der Freitagspredigt zu drehen. Das ist nicht selbstverständlich, denn viele Anfragen für Kameraaufnahmen in Moscheen während eines muslimischen Gottesdienstes werden abgelehnt. 

Die Wilmersdorfer Moschee besteht seit 1928. Deutschlands älteste Moschee ist mit ihren hohen Minaretten und der charakteristischen Kuppel weithin wahrnehmbar. Sie wurde, wie unschwer zu erkennen ist, nach dem Vorbild des indischen Taj Mahal erbaut. Daher sieht sie anders aus als die arabischen Moscheen, die ich von meinen Reisen in den Nahen Osten kenne. Nachdem sich die Moschee lange in einem schlechten Zustand befand, wurde sie in den 1990er Jahren unter anderem mit Geldern der Deutschen Stiftung Denkmalschutz und des Landesdenkmalamtes Berlin restauriert. Das Gelände umfasst ein Gemeindehaus und einen Garten. Zunächst betrete ich einen kleinen Vorraum, wo sich die Besucher die Schuhe ausziehen und in einen großen hölzernen Schuhschrank stellen. Durch eine Seitentür geht es in den Hauptraum. Auffällig sind die blassrote Farbgebung an den Wänden und in der Kuppel sowie die orientalischen Ornamente in einem eher zurückhaltenden, minimalistischen Stil. Der Raum wirkt nicht überladen, wie ich es von anderen Moscheen kenne, sondern durchaus elegant, stilvoll, erhaben.

Die Moschee wird von der Lahore-Ahmadiya betrieben. Die Lahore-Strömung ist die weitaus kleinere innerhalb der Ahmadiya, einer muslimischen Glaubensrichtung mit einer jungen Geschichte. Gegründet wurde die Gemeinschaft in den 1880er Jahren im damaligen Britisch-Indien von Mirza Ghulam Ahmed. Der Glaube der Ahmadiya-Anhänger stützt sich auf Koran und Hadithe, zusätzlich haben die Schriften von Ghulam Ahmed aber einen erheblichen Einfluss. Die Ahmadiya sieht sich als Teil der islamischen Glaubensgemeinschaft. Die meisten Muslime hingegen sehen in ihren Anhängern Ungläubige beziehungsweise Gotteslästerer, weil die größere Strömung, die Ahmadiya Muslim Jamaat, Mirza Ghulam Ahmed als Propheten verehrt, Mohammed nach allgemeiner muslimischer Auffassung aber der letzte Prophet war. Daher wird die Ahmadiya in muslimischen Ländern wie Afghanistan, Saudi-Arabien oder auch Pakistan benachteiligt oder gar verfolgt.

"Wir unterstützen Offenheit und Meinungsfreiheit"

Als ich die Moschee betrete, hat die Predigt bereits begonnen. Der Imam spricht Englisch mit starkem pakistanischen Akzent, in der kleinen Halle sitzen etwa vierzig Männer auf Gebetsteppichen, ein paar Frauen warten in der hinteren linken Ecke des Raumes. Als der Imam mich und mein Kamerateam sieht, sagt er: "Ich heiße die Vertreter der Presse willkommen, und, liebe Brüder, bitte sprecht mit ihnen nach dem Gebet. Wir unterstützen Offenheit und Meinungsfreiheit." Der Imam setzt ein überzeugendes und gewinnendes Lächeln auf. Er lächelt viel und spricht in seiner Predigt von der Barmherzigkeit und Güte Gottes.

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Ich blättere, während ich der eher belanglosen Predigt zuhöre, in einigen der ausliegenden Bücher. Die meisten sind auf Englisch verfasst, ein paar deutschsprachige Flyer liegen auch aus. Darunter eine schmale Broschüre, die von einer interreligiösen Begegnungsstätte handelt. Ich greife zu einem Buch mit dem Titel Verheißung Islam und fange an zu blättern. Ich erschrecke von Seite zu Seite mehr. In dem Kapitel "Glaube und Politik" heißt es einleitend "Gott allein ist der Gesetzgeber". Und weiter: "Die Gemeinschaft gründet nicht auf eine Erklärung der Menschenrechte." Der Koran schließe das parlamentarische demokratische System aus, jede Repräsentation sei Betrug, die Nation eine "westliche Krankheit".

Weiter fragt der Autor: "Wäre es denn nicht Zeit, den Islam zu treffen?" Dann könne man "die wahren Probleme angehen: Glaube und Politik, Königreich Gottes und Verwandlung der Welt". Nicht nur Nation, Gesellschaft und Gemeinschaft müssten neu gedacht werden, sondern auch die Revolution. "Die islamische Revolution ist in ihrem tiefen Streben radikal anders als die westlichen Revolutionen", da sie einen "Wechsel des Ziels der Gesellschaft selbst" beinhalte. "Wir wollen einen großen Traum träumen: den Traum, dass die großen westlichen Nationen ... Zentren zur massiven Verbreitung dessen errichten, was der Islam uns heute bringen kann."