"Ich fordere meine Freilassung und meinen Freispruch." Die aus Ulm stammende Journalistin Meşale Tolu äußerte sich am 11. Oktober erstmals vor Gericht zu den gegen sie erhobenen Terrorvorwürfen. Bei der Verhandlung in Silivri bei Istanbul sagte Tolu, sie habe habe keine der genannten Straftaten begangen und habe keine Verbindung zu illegalen Organisationen. Die 32-Jährige gehört zu 18 Angeklagten, denen Terrorpropaganda und Mitgliedschaft in der linksextremen MLKP vorgeworfen werden. Der Deutschen drohen nach Angaben ihrer Anwältin Kader Tonc bis zu 20 Jahre Haft.

Tolu war am 30. April festgenommen worden. Anti-Terror-Polizisten hatten ihre Wohnung in Istanbul gestürmt. "Die Spezialeinheit der Polizei hat nicht nur die Waffe auf meinen Sohn gerichtet, sondern sie haben mich auch noch vor den Augen meines Kindes gewaltsam festgenommen", sagte Tolu vor Gericht, die seitdem mit ihrem zweijährigen Sohn im Gefängnis sitzt.

Die Bundesregierung fordert die Freilassung Tolus und von zehn weiteren Deutschen, die derzeit in der Türkei aus politischen Gründen inhaftiert sind. Dazu gehören neben Tolu der Welt-Korrespondent Deniz Yücel und der Menschenrechtler Peter Steudtner. Tolus Vater Ali Riza Tolu sagte vor Prozessbeginn, er sei enttäuscht von der Bundesregierung und habe sich mehr Einsatz für seine Tochter erhofft.

Meşale Tolu - Prozess gegen deutsche Journalistin beginnt Die türkische Staatsanwaltschaft wirft Meşale Tolu die Mitgliedschaft in einer terroristischen Organisation und Terrorpropaganda vor. Tolu wies die Anschuldigungen zurück. © Foto: Paul Zinken/dpa

Wer, wann, warum – ZEIT ONLINE dokumentiert

Tatsächlich hat sich weder in Tolus noch in Yücels Fall viel getan: Beide sitzen seit Monaten in Haft. Ihr Schicksal teilen fast 170 Journalisten. Seit März diesen Jahres dokumentiert ZEIT ONLINE die Fälle, und – wenn es möglich ist – seit wann und aus welchen Gründen die beschuldigten Journalisten festgehalten werden (Die Liste finden Sie am Ende des Artikels).

Die Platzierung des EU-Beitrittskandidaten auf der Liste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen verschlechterte sich seit dem Putschversuc zusehends: Das Land fiel von Platz 151 auf Platz 155 – bei insgesamt 180 gelisteten Staaten. Dies liegt auch am Prozess gegen 17 Cumhuriyet-Journalisten in Istanbul. 267 Tage lang saßen die türkischen Medienvertreter im Gefängnis, bevor sie erstmals vor Gericht die Möglichkeit hatten, sich zu den Vorwürfen zu äußern.

Cumhuriyet-Prozess sorgt für Empörung

Auch bei ihnen lautet dieser: Unterstützung von Terrorismus. Die Angeklagten erklärten sich für unschuldig. Sieben von ihnen wurden am 28. Juli freigelassen. Nach elf Monaten in U-Haft kam am 26. September auch der Cumhuriyet-Kolumnist Kadri Gürsel frei. Der Vorwurf gegen ihn wegen Verbindungen zu terroristischen Gruppen blieb aber bestehen.

Viele Fälle inhaftierter Journalisten erregen dagegen kaum Aufsehen, wie etwa das Schicksal von zwei französischen Journalisten: Kurz nach der Festnahme von Meşale Tolu nahmen Polizisten den Fotografen Mathias Depardon im Südosten der Türkei fest. Seine Kameras wurden konfisziert, Depardon in ein Lager für Flüchtlinge gebracht. Der Fotograf trat am 19. Mai in einen Hungerstreik und kam am 9. Juni frei.

Vorwürfe vage formuliert

Sein Kollege Loup Bureau wurde am 26. Juli im türkischen Grenzgebiet festgenommen, seitdem setzte sich Frankreichs Präsident Emmanuel Macron für seine Freilassung ein. Mit Erfolg: Bureau wurde am 15. September zurück nach Frankreich gebracht.

Gegen viele der inhaftierten Journalisten liegt keine konkrete Anklage vor, die Vorwürfe sind häufig vage formuliert: "Mitgliedschaft in einer Terrororganisation" oder "Unterstützung der Putschisten". Bei anderen kann man nur vermuten, dass die Verhaftung mit ihrer journalistischen Arbeit zusammenhängt. Für Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan jedenfalls macht sich ein Journalist bereits mit Terroristen gemein, wenn er sie interviewt.

Eine Untersuchungshaft in der Türkei kann wegen des geltenden Ausnahmezustands bis zu fünf Jahre dauern.