Seit März 2017 dokumentiert ZEIT ONLINE die Fälle inhaftierter Journalisten in der Türkei und – wenn es möglich ist –, seit wann und aus welchen Gründen die beschuldigten Journalisten festgehalten werden (die Liste finden Sie am Ende des Artikels). Aktuell wissen wir von 149 Fällen. Den meisten wird die Mitgliedschaft oder Unterstützung einer Terrororganisation vorgeworfen.

Anfang Januar 2018 gab es etwas Hoffnung für die Inhaftierten: Das türkische Verfassungsgericht urteilte mit knapper Mehrheit, dass der anhaltende Verbleib von Mehmet Altan und Şahin Alpay in Untersuchungshaft ihre Rechte verletze. Jedoch widersetzte sich noch am selben Tag ein Strafgericht der Forderung. Altan und Alpay würden nicht entlassen, ihre Fälle aber neu bewertet, hieß es.

Das Urteil des Verfassungsgerichts könnte dennoch Auswirkungen auf andere Fälle haben und auch für den inhaftierten Welt-Korrespondenten Deniz Yücel von Bedeutung sein. Auch er hat vor dem Verfassungsgericht geklagt, sein Fall soll in Kürze verhandelt werden.

Schon im Dezember war die aus Ulm stammende Journalistin Meşale Tolu nach mehr als sieben Monaten aus der Untersuchungshaft freigekommen, jedoch nur unter Auflagen: Sie darf die Türkei nicht verlassen und muss sich einmal pro Woche bei den Behörden melden. In dem Verfahren wird Tolu beschuldigt, Mitglied der linksextremen MLKP zu sein. Dafür drohen ihr bis zu 20 Jahre Haft.

Tolu war am 30. April festgenommen worden. Antiterrorpolizisten hatten ihre Wohnung in Istanbul gestürmt. "Die Spezialeinheit der Polizei hat nicht nur die Waffe auf meinen Sohn gerichtet, sondern sie haben mich auch noch vor den Augen meines Kindes gewaltsam festgenommen", sagte Tolu vor Gericht. Sie saß mehrere Monate mit ihrem zweijährigen Sohn im Gefängnis. Auch ihr Ehemann Suat Corlu saß in türkischer Haft. Er wurde am 28. November in Istanbul freigelassen. 

Wer, wann, warum – ZEIT ONLINE dokumentiert

Die Platzierung des EU-Beitrittskandidaten auf der Liste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen verschlechterte sich seit dem gescheiterten Putschversuch im vergangenen Sommer zusehends: Das Land fiel von Platz 151 auf Platz 155 – bei insgesamt 180 gelisteten Staaten.

Viele Fälle inhaftierter Journalisten hatten in der Vergangenheit kaum Aufsehen erregt, wie etwa das Schicksal von zwei französischen Journalisten: Kurz nach der Festnahme Tolus nahmen Polizisten den Fotografen Mathias Depardon im Südosten der Türkei fest. Seine Kameras wurden konfisziert, Depardon in ein Lager für Flüchtlinge gebracht. Der Fotograf trat am 19. Mai in einen Hungerstreik und kam am 9. Juni frei.

Sein Kollege Loup Bureau wurde am 26. Juli im türkischen Grenzgebiet festgenommen, seitdem setzte sich Frankreichs Präsident Emmanuel Macron für seine Freilassung ein. Mit Erfolg: Bureau wurde am 15. September zurück nach Frankreich gebracht.

Gegen viele der inhaftierten Journalisten liegt keine konkrete Anklage vor, die Vorwürfe sind häufig vage formuliert. Bei anderen kann man nur vermuten, dass die Verhaftung mit ihrer journalistischen Arbeit zusammenhängt. Für Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan jedenfalls macht sich ein Journalist bereits mit Terroristen gemein, wenn er sie interviewt.

Eine Untersuchungshaft in der Türkei kann wegen des geltenden Ausnahmezustands bis zu fünf Jahre dauern.