Der Prozess gegen 17 Cumhuriyet-Journalisten in Istanbul sorgt weltweit für Aufsehen. 267 Tage saßen die türkischen Medienvertreter im Gefängnis, bevor sie erstmals vor Gericht die Möglichkeit hatten, sich zu den Vorwürfen zu äußern: Sie sollen Terrorismus unterstützt haben. Die Angeklagten erklärten sich für unschuldig. Sieben von ihnen wurden am 28. Juli freigelassen.

EU-Abgeordnete sprechen von einem politisch motivierten Schauprozess gegen die Journalisten. Die Menschenrechtsorganisation Reporter ohne Grenzen kritisiert, die Beschuldigung der Terrorunterstützung sei inzwischen "der Standardvorwurf gegen alle, die unabhängig berichten". Journalisten stünden in der Türkei unter enormem Druck, "weil jeder damit rechnen muss, morgen der Nächste zu sein, der im Gefängnis landet aufgrund absurder und nicht zu haltender Vorwürfe". 

Am 15. Juli hatte sich der Putschversuch in der Türkei zum ersten Mal gejährt. Kurz vor und nach dem Jahrestag wurden in dem Land wieder mehr Journalisten, Menschenrechtler und Oppositionelle verhaftet. Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan sagte dazu in der BBC, dass in der Türkei nur zwei Journalisten in Haft säßen. Denn nur diese beiden verfügten über einen Presseausweis.

Seit März diesen Jahres dokumentiert ZEIT ONLINE die Fälle aller in der Türkei verhafteten Journalisten und – wenn es möglich ist – seit wann und aus welchen Gründen sie im Gefängnis sitzen. Seitdem verschlechterte sich die Platzierung des EU-Beitrittskandidaten auf der Liste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen weiter: Das Land fiel von Platz 151 auf 155. Insgesamt werden 180 Länder aufgelistet.

Deniz Yücel sitzt seit Februar in Haft

Längst nicht alle Fälle der in der Türkei verhafteten Journalisten sorgten für weltweites Aufsehen. Am 30. April beispielsweise wurde die aus Ulm stammende Journalistin Meşale Tolu von türkischen Einsatzkräften festgenommen. Spezialeinheiten stürmten mitten in der Nacht vor den Augen ihres Sohnes ihre Wohnung in Istanbul. Am 6. Mai wurde Haftbefehl gegen Tolu erlassen. 

Oder der Fall Mathias Depardon: Nur zwei Tage nach der Festnahme Tolus nahmen Polizisten den französischen Fotografen im Südosten der Türkei fest. Seine Kameras wurden konfisziert, Depardon in ein Lager für Flüchtlinge gebracht. Der Fotograf trat am 19. Mai in einen Hungerstreik und kam am 9. Juni frei.

Tolu hingegen ist immer noch in Haft. Mit ihrem zweijährigen Sohn sitzt sie im Frauengefängnis von Istanbul. Ähnlich der Fall des deutsch-türkischen Welt-Journalisten Deniz Yücel: Am 27. Februar kam er in Untersuchungshaft. Seitdem haben alle diplomatischen Bemühungen nichts bewirkt. Mittlerweile hat sich der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) in den Fall eingeschaltet.

Zahl der Verhaftungen könnte steigen

Ebenso wie Tolu, Yücel und die Journalisten von Cumhuriyet werden in der Türkei mehr als 160 Journalisten festgehalten. Gegen viele liegt keine konkrete Anklage vor, die Vorwürfe sind häufig vage formuliert: "Mitgliedschaft in einer Terrororganisation" oder "Unterstützung der Putschisten". Bei anderen kann man nur vermuten, dass die Verhaftung mit ihrer journalistischen Arbeit in Zusammenhang steht. Für den Staatspräsidenten jedenfalls macht sich ein Journalist bereits mit Terroristen gemein, wenn er sie interviewt.

Möglich, dass die Zahl inhaftierter Journalisten in den kommenden Tagen oder Wochen noch deutlich steigt. Nach Angaben von Platform 24, die regelmäßig über die inhaftierten Journalisten berichtet, wurden Mitte Juli 34 Haftbefehle gegen ehemalige Mitarbeiter der Rundfunk- und Fernsehanstalt TRT ausgestellt. Noch ist nicht einmal klar, um wen es sich handelt und ob es Verhaftungen gab.