Der Flachbau im Dresdner Norden ist mit Metallgittern und Stacheldraht umzäunt. Ursprünglich sollten einmal Flüchtlinge in das Gebäude einziehen. Doch nun wird hier gegen Flüchtlingsfeinde verhandelt. Fünf Millionen Euro hat es sich der Freistaat Sachsen kosten lassen, dass aus der Asylbewerberunterkunft ein Gerichtssaal wurde.

Seit diesem Dienstag müssen sich sieben Männer und eine Frau der Gruppe Freital vor dem neu gegründeten vierten Strafsenat des Oberlandesgerichts Dresden verantworten. Sie sind angeklagt, eine terroristische Vereinigung gebildet und Sprengstoffanschläge auf Asylbewerber und politisch Linke verübt zu haben. Ihr Ziel sei es gewesen, "die Bevölkerung auf erhebliche Weise einzuschüchtern" und den Staat zu schädigen, formuliert der Generalbundesanwalt in seiner Anklage. Neben dem NSU-Prozess und dem jüngst eröffneten Verfahren gegen die Rechtsextremisten von der Oldschool Society ist es das dritte Mal, dass sich mutmaßliche Rechtsterroristen vor Gericht verantworten müssen.

Mord, Totschlag, Herbeiführen von Sprengstoffexplosionen und Körperverletzung  – die Vorwürfe wiegen schwer. Die wichtigsten Fragen, die das Gericht zu klären hat, sind: Haben die Täter eine Terrorgruppe gebildet? Und: Kann die Justiz ihnen versuchten Mord vorwerfen?

Die Demonstranten

Es regnet in Kaltland, wie Sachsen oft genannt wird, wenn Fremdenfeinde wieder einmal zugeschlagen haben. Zwei Dutzend Jugendliche aus Leipzig und Dresden haben Pavillons auf den matschigen Rasen vor dem Gerichtsgebäude gestellt und einen Generator angeworfen. Becher mit Tee dampfen.

Die Demonstranten entrollen ein Transparent: "Deutsche Polizisten informieren Terroristen?!" steht darauf. Ein Redner beklagt am Mikrofon, dass die Staatsanwaltschaft erst auf Druck der Nebenkläger dem Verdacht nachging, Beamte hätten die Täter von Freital vor Polizeieinsätzen gewarnt.

Drei junge Frauen halten ein Plakat hoch, nur ihre Kapuzen sind zu sehen. Es zeigt die Namen der Anschlagsorte. Einzelne Buchstaben sind hervorgehoben, sie ergeben das Wort Pegida. Polizisten mit Knöpfen im Ohr treten heran, bitten die Frauen beiseite. Sie stünden außerhalb des genehmigten Demonstrationsbereiches. Die Frauen weigern sich, denn ihr Transparent ist gerade live im Fernsehen. Ein Reporterteam interviewt direkt vor ihnen den Polizeisprecher.

Besondere Freunde

Vor dem Besuchereingang warten nur wenige Menschen. Der Andrang ist weit geringer als beim Beginn des NSU-Prozesses. Damals gab es wochenlang Streit um die Sitzplätze. In Dresden tröpfeln die Besucher durch die Tür. Taschen ausleeren für die Sicherheitsschleuse, Arme hoch für den Metalldetektor. Zwei blonde Frauen mit Smartphones in der Hand fallen auf, umgeben von jungen männlichen Begleitern. Sie wenden sich ab, sobald sie ein Fremder anspricht. Es sind Freunde der Angeklagten, die eine Blondine ist die Freundin von Philipp W., auch zwei Großeltern sind gekommen. Wir scheuen die Öffentlichkeit nicht, wir stehen unseren Freunden bei und haben nichts zu verbergen – das soll wohl ihre Botschaft sein.

Im Gerichtssaal schirmt eine Glasfront die Zuschauer von den Angeklagten ab. W.s Freundin setzt sich in die erste Reihe. Später mokiert sie sich darüber, dass der Richter die Angeklagten nach ihren Namen fragte. Dass die Gruppe überhaupt dem Verfahren folgen darf, ist nicht unproblematisch. Denn gegen einige von ihnen wird ebenfalls wegen der Terrortaten ermittelt, allerdings in abgetrennten Verfahren.

Einer schert aus

Justin S. ist mit seinen 19 Jahren der Jüngste unter den Angeklagten. Er sitzt ganz hinten links im Block der mutmaßlichen Täter. Als Einziger von ihnen nennt er seinen Namen. Alle anderen Angeklagten weigern sich, ihre Personalien anzugeben. Sie sitzen an acht schweren, kantigen Tischen. Dort hat jeder Angeklagte zwei Verteidiger zur Seite. Die andere Hälfte des Raumes füllen die Nebenkläger und die drei in rote Roben gekleideten Bundesanwälte. Mittig an der Stirnseite hat der Vorsitzende Richter Thomas Fresemann Platz genommen, flankiert von seinen vier Beisitzern.

Der Vielredner

Die Stunden im Saal gehen dahin. Die Verteidiger traktieren das Gericht mit Befangenheitsanträgen und Beschwerden. Die Bundesanwaltschaft habe im Gebäude Internetzugang erhalten, die Anwälte der Angeklagten nicht, moniert der Rechtsbeistand von Rico K..

Zum Wortführer wird der Verteidiger der einzigen angeklagten Frau, Marie K.. Er nennt das Gericht ein "Provisorium", für das "fünf Millionen verbrannt" worden seien. Dann überrascht er die Richter mit der Bemerkung, Marie K. sei reuig, bedaure die Taten und wolle sie am liebsten ungeschehen machen. Doch kaum ist das gesagt, führt er wortreicher als jeder seiner Vorredner aus, warum Richter Fresemann befangen sei.

Und dieser Verteidiger hat noch mehr zu sagen. Geraume Zeit verbringt er damit zu erläutern, warum der neu gebildete Vierte Senat für dieses Verfahren ungeeignet sei: Weil er nämlich während des Ermittlungsverfahrens mehrfach umgebildet worden sei. Die Angeklagten seien so in ihrem Recht verletzt worden, Gewissheit zu haben, welcher Richter über sie urteilt. Die Strategie ist leicht zu durchschauen. Der Verteidiger will Richter Fresemann aus dem Konzept bringen. Dafür trägt er alles vor, was ihm einfällt, von den Polizisten, die Tipps an Täter gegeben haben könnten über die scharfen Sicherheitskontrollen im Gerichtsgebäude, die ihn selbst verunsichert hätten, bis hin zu CDs mit Weihnachtsliedern, wegen derer seine Mandantin Schwierigkeiten bekommen habe.

Der Verteidiger spricht fast doppelt so lange, wie das Verlesen der 24 Seiten der Anklageschrift gedauert hat. Einem Nebenkläger platzt nach fast anderthalb Stunden der Kragen. "Das dient nur der Selbstdarstellung des Kollegen!" Doch der Verteidiger kontert, er wolle doch gerade zur Begründung seiner Anträge kommen. Dann kündigt er sechs weitere Seiten Rede an. Gelächter im Publikum.

Der Getriebene

Richter Fresemann, Jahrgang 1966, dürfte ein im Strafrecht und in der Prozessführung erfahrener Mann sein. Er könnte das Verfahren moderieren, das Wort erteilen, entziehen, den Stand der Argumentation zusammenfassen, den Prozess also strukturieren und vorantreiben. Doch oft tut er gar nichts, während Verteidiger und Ankläger quer durch den Saal miteinander streiten. Als mehrere Nebenkläger abermals lautstark verlangen, er möge entscheiden, ob der redselige Verteidiger seinen Vortrag fortsetzen darf, schaltet sich schließlich ein Bundesanwalt ein. Sechs Seiten sollten doch zu bewältigen sein, wirbt er um Verständnis. Richter Fresemann nimmt die Vorlage dankbar auf. Dann mahnt er, der Verteidiger möge am Thema bleiben. "Ansonsten müsste ich sehen, wie wir verfahren". Man spürt: Er möchte keinen Fehler machen. Die Drohung des Verteidigers scheint zu verfangen. Der hatte schon in der ersten Minute seiner langatmigen Rede gewarnt, er werde eine Revision des Urteils vor dem Bundesgerichtshof anstreben. Richter Fresemann hat kein leichtes Amt.