Vor einigen Jahren, es war gerade Wahlkampf in der Türkei, landete ich in Istanbul. Vor dem Flughafengebäude empfing mich ein überdimensioniertes Plakat in Schwarz-Weiß: Die Körperhaltung, die Bildkomposition, alles wirkte vertraut und bereits tausendfach gesehen in türkischen Amtsstuben. Erst auf den zweiten Blick erkannte ich, dass es sich nicht um ein Porträt des Republikgründers Atatürk, sondern um den damaligen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdoğan handelte. 

Diese Verwirrung war offenbar in der Inszenierung angelegt. Und sie gibt uns eine Ahnung davon, was Erdoğan antreibt. Hier setzt sich jemand an die Stelle eines Anderen – und zwar an die des "Vaters der Türken", Mustafa Kemal Atatürk. Schon der Namenszusatz Atatürk führt öffentliche und private Funktion zusammen. Denn Öffentliches und Privates werden in der türkischen Gesellschaft, die noch stark von Stammeslogik geprägt ist, nicht getrennt gedacht. 

Interessanterweise war Mustafa Kemal eine Vaterfigur, dessen Lebensstil sich stark vom durchschnittlichen Leben der damaligen Bevölkerung unterschied. Er selbst war nur kurz verheiratet, hatte keine leiblichen Kinder und ein distanziertes Verhältnis zur Religion. Mit seinem eleganten Kleidungsstil wirkte er eher wie ein Dandy aus einer großstädtischen, westlichen Welt. Autoritär in seinem Führungsstil, aufgeklärt in seiner politischen Agenda. Einer, der entschlossen mit dem osmanischen Erbe der Väter brach, indem er Sultanat, Kalifat und die arabische Schrift abschaffte. Aber eben auch ein unberührbarer, ferner Vater.

Insbesondere unberührbar für die traditionell religiösen Milieus, die sich in dieser Welt nicht widergespiegelt sahen, denen aber Gehorsam abgezwungen wurde. Jahrzehntelang ist jedem Kind in der Türkei die Lebens- und Wirkensgeschichte des Republikgründers eingebläut worden. Jede kritische Äußerung wurde erstickt. Ein schwerwiegender Fehler, denn Aneignung kann nur über Auseinandersetzung gelingen. Die kemalistischen Eliten und Erbverwalter Atatürks setzten stattdessen auf einen autoritär durchgesetzten Personenkult, der mit der Zeit immer hohler und leerer zelebriert wurde. Sie beachteten die religiös lebenden Bevölkerungsgruppen wenig, wenn sie sie nicht sogar abgewertet oder bevormundet haben. So durften beispielsweise Frauen mit Kopftuch nicht studieren. 

Erdoğans Aufstieg ist eng damit verbunden, dass er sich dieser unbeachteten Mehrheit als Identifikationsfigur präsentierte, übrigens zunächst auch den traditionell eher konservativen Kurden. Selbst im rauen Hafenviertel Istanbuls aufgewachsen, war er gegen den Widerstand der Eliten in Militär und Gesellschaft an die Macht gekommen. Die karierten Jacketts und der Schnurrbart zeigen: Ich bin einer von euch, ich komme aus einfachen Verhältnissen. Kein Dandy weit und breit.