Der türkische Geheimdienst MIT soll in großem Umfang mutmaßliche Anhänger des islamischen Predigers Fethullah Gülen in Deutschland ausspioniert haben. Dies berichtet der Rechercheverbund WDR, NDR und Süddeutscher Zeitung und Berufung auf eine Namensliste mit mutmaßlichen Gülen-Fans, die der Chef des türkischen Geheimdienstes MIT am Rande der Münchner Sicherheitskonferenz dem Präsidenten des Bundesnachrichtendienstes (BND), Bruno Kahl, übergeben haben soll.

Wie die Sender und die Zeitung berichten, sind auf der Liste nicht nur mehr als 300 Einzelpersonen verzeichnet, sondern auch etwa 200 Vereine, Schulen und sonstige Einrichtungen. Das Dokument enthält demnach Meldeadressen, Handy- und Festnetznummern sowie in vielen Fällen Fotos der Betroffenen. Etliche der Bilder sollen heimlich aufgenommen worden seien, etwa von Überwachungskameras.

Die türkische Regierung macht den Geistlichen Gülen für den gescheiterten Putsch im Juli verantwortlich und verfolgt seine Anhänger als "Terroristen". BND-Chef Kahl hatte dem erst vor kurzem widersprochen. So sagte er dem Spiegel, dass die Türkei auf verschiedene Art und Weise versucht habe, seine Behörde davon zu überzeugen, dass Gülens Anhänger "Terroristen" sind. "Das ist ihr aber bislang nicht gelungen", sagte er dem Magazin.

Deutsche Behörden warnen überwachte Türken

Nach Angaben von WDR, NDR und Süddeutscher Zeitung übermittelte Kahl die Liste an Bundesregierung und Verfassungsschutz. Auch das Bundeskriminalamt und der Generalbundesanwalt sollen informiert worden sein, inzwischen auch Polizeibehörden und der Verfassungsschutz in den Bundesländern. Demnach sind erste Bundesländer dazu übergegangen, die auf der Liste aufgeführten Türken vor der Bespitzelung durch den MIT zu warnen. In Niedersachsen habe der Verfassungsschutz diese Aufgabe übernommen; in Nordrhein-Westfalen koordiniere das Landeskriminalamt sogenannte Gefährdeten-Ansprachen.

Ein Sprecher des LKA sagte, man müsse "diese Listen sehr ernst nehmen". Es sei den Landeskriminalämtern wichtig, Menschen vor möglichen Repressionen zu warnen, sollten sie in die Türkei einreisen. Die Polizei in Nordrhein-Westfalen warnt außerdem vor dem Betreten türkischer diplomatischer Einrichtungen in Deutschland. 

Bereits seit einiger Zeit ermittelt die Bundesanwaltschaft wegen mutmaßlicher Spionageaktivitäten im bundesweiten Dachverband der türkischen Moscheegemeinden (Ditib). Imame des Verbandes sollen im Auftrag der türkischen Religionsbehörde Diyanet Informationen über mutmaßliche Gülen-Anhänger nach Ankara übermittelt haben.