Antisemitismus ist für viele Juden in Deutschland noch immer ein großes Problem. Dies geht aus dem Bericht des Unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus der Bundesregierung hervor, der an diesem Montag veröffentlicht wurde. Demnach sorgen sich viele Menschen jüdischen Glaubens aufgrund alltäglicher antisemitischer Erfahrungen zunehmend um ihre Sicherheit. Internet und soziale Medien seien zu zentralen Verbreitungsinstrumenten von Hassbotschaften und antisemitischer Hetze geworden. Die Sachverständigen fordern deshalb eine verbesserte Erfassung und Ahndung antisemitischer Straftaten sowie die Stärkung von Beratungsangeboten. Zudem plädieren sie für die Einsetzung eines nationalen Antisemitismus-Beauftragten.

Der Expertenkreis warnt zugleich vor der Verharmlosung judenfeindlicher Strömungen unter Rechtsextremen oder in der gesellschaftlichen Mitte. Nach wie vor sei das rechtsextremistische Lager der bedeutendste Träger des Antisemitismus in Deutschland – auch wenn Antisemitismus unter Muslimen ein wachsendes Problem sei. "In der Öffentlichkeit steht die Gruppe der Muslime als vermeintlicher Hauptverursacher des Antisemitismus im Fokus", konstatiert die Historikerin Juliane Wetzel, die der vom Bundestag eingesetzten Kommission angehört. Gleichwohl gebe es kaum Untersuchungen, die muslimische Verbände und Moscheegemeinden tatsächlich als Hort antisemitischer Agitation und Imame als Hassprediger charakterisieren würden. Antisemitismus unter Muslimen müsse deshalb genauer untersucht werden. 

Der Zentralratsvorsitzende der Juden in Deutschland will solchen zunehmenden Tendenzen entgegenwirken und Antisemitismus zu einem zentralen Thema in Integrationskursen machen. "Zeitlich begrenzte Integrationskurse können keine Wunder bewirken", sagte Josef Schuster der Welt am Sonntag. "Aber vielleicht ließe es sich einrichten, dass Kursteilnehmer eine KZ-Gedenkstätte oder ein jüdisches Museum besuchen."

Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özoguz, hält dies für eine "gute Ergänzung des Integrationskurses". Solche gemeinsamen Besuche und Gespräche in jüdischen Gedenkstätten gingen mitten ins Herz und wohl kaum jemand werde dabei nicht nachdenklich, sagte die SPD-Politikerin den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Die Herausforderung sei, die deutsche Geschichte zu vermitteln an Menschen, "die wenig über den Holocaust wissen und von denen viele aus Ländern kommen, in denen Konflikte mit Israel zu pauschalen negativen Ansichten über Juden geführt haben". 

"Antisemitismus in allen politischen Lagern"

Für den Präsidenten des Europäischen Jüdischen Kongresses (EJC), Moshe Kantor, gibt es denn auch keinen Grund zur Entwarnung. Die "Feinde des jüdischen Volkes" hätten "neue Wege gefunden, um ihren Antisemitismus auszudrücken", etwa im Internet oder durch Angriffe auf wenig geschützte Ziele wie Friedhöfe, sagte Kantor bei der Vorstellung eines Berichts der Universität Tel Aviv zu antisemitischen Gewalttaten weltweit. Auch er ist der Ansicht, dass Antisemitismus längst keine Erscheinung der politischen Rechten mehr ist: "Radikale Strömungen aller politischer Lager brechen Tabus und vertreten offen antisemitische Positionen."

Kantor verwies auf die Zahlen der Uni Tel Aviv, wonach die antisemitischen Vorfälle 2016 im Vergleich zum Vorjahr zwar insgesamt um zwölf Prozent abgenommen hätten, sie aber zugleich vor allem in angelsächsischen Ländern deutlich zugenommen haben. So gab es laut des Reports des Kantor Center für Studien zum zeitgenössischen Europäischen Judentum in Großbritannien elf Prozent und in Australien zehn Prozent mehr Übergriffe auf jüdische Einrichtungen und Menschen jüdischen Glaubens. Alarmierend sei auch die Situation in den USA. An den Universitäten des Landes würden jüdische Studenten zunehmend mit Hass und Intoleranz konfrontiert. Die Zahl von antisemitisch motivierten Gewalttaten habe sich an den US-Hochschulen um 45 Prozent erhöht.

Gabriel in Jad Vaschem

An diesem Montag wird in Israel der Holocaust-Gedenktag begangen. Im Gedenken an die ermordeten Juden im Zweiten Weltkrieg stand das öffentliche Leben für zwei Minuten still, der Verkehr kam zum Stehen, Menschen legten ihre Arbeit nieder und verharrten in stillem Gedenken. Für 120 Sekunden heulten im ganzen Land Sirenen, um auf die Opfer des Holocausts hinzuweisen. Cafés, Kinos und andere Unterhaltungsorte bleiben geschlossen, im Fernsehen und Radio gibt es Dokumentationen über den Holocaust und seine Opfer.

Am Nachmittag wird auch Bundesaußenminister Sigmar Gabriel in der Gedenkstätte Jad Vaschem erwartet, wo die zentrale Zeremonie zum Jom haSchoah stattfinden soll.