Als am Sonntagabend beflaggte Autos durch den Kreisverkehr am U-Bahnhof Kottbusser Tor in Berlin rollen, ein junger Mann aus dem Schiebedach "Evet, Evet" schreit, liegt Rezal blass im Bett. Ihren Namen möchte sie nicht sagen, so wie alle, die hier erzählen. Aus Angst. Rezal ist Alevitin und arbeitet in einem Spätkauf in der Nähe. Sie kann die ganze Nacht nicht schlafen. Wie sie fürchten viele Deutschtürken die Folgen dieser Wahl. Aus Angst sind auch in Deutschland einige von ihnen gar nicht erst wählen gegangen. Doch das Hupen und die Schreie der Erdoğan-Anhänger haben ihre Geschichten übertönt.

In den Stunden vor der Entscheidung ist es noch ruhig in den Straßen um das Kottbusser Tor, dem türkischen Herzen Berlin-Kreuzbergs. Rezal verfolgt zu Hause am Fernseher die Abstimmung in der Türkei. An den Spätis und in den Cafés gibt es kaum Diskussionen. In Dönerbuden wird nur vereinzelt das Referendum übertragen und die Fernseher in den Wettbüros scheinen mit Fußballspielen deutlich mehr Zuschauer anzuziehen.

Ein paar Hayır-Sticker kleben an den zugepappten Straßenschildern um den U-Bahnhof. Sie sollten für ein Nein zur Verfassungsänderung werben. An einer Hecke hängt ein Plakat mit der Aufschrift "Evet? Nur die dümmsten Kälber wählen ihre Schlächter selber!"

Ein Mann bleibt davor stehen. Er sieht es sich an, knetet nervös an seinen Fingern. "Ich habe Nein gewählt", sagt er. "Erdoğan ist ein Diktator." Und ein "bescheuerter Idiot" sei er auch. Enis ist Rentner und hofft am frühen Abend, kurz vor 18 Uhr, noch auf ein knappes Nein. Seinen richtigen Namen will er nicht sagen. "Ich habe Angst", sagt er. "Es ist zu gefährlich."

Er fürchtet eine Hausdurchsuchung, falls er offen zu seiner Meinung steht. "Der macht das", sagt Enis. Damit meint er Recep Tayyip Erdoğan. An eine faire Wahl glaubt er nicht. "Betrug hat er bis jetzt gemacht", sagt er. "Das macht er auch weiter."

Die, die es anders sehen als Enis, wollen nicht reden. Einige blocken ab, andere verstehen nicht ausreichend Deutsch oder Englisch. "Ich darf noch nicht wählen, aber ich hätte Ja gewählt", sagt eine junge Türkin. Sie trägt die Haare offen und ein Piercing im Nasenflügel. Sie ist 17, arbeitet als Kassiererin. Warum Evet, das wisse sie auch nicht so genau. "Weil alle in meiner Familie Erdoğan gut finden und für ihn gestimmt haben", sagt sie. Ihre Eltern verfolgen die Wahl zu Hause. "Ich habe auch viele Freundinnen, die gegen ihn sind. Ich habe sie gefragt, warum, weil ich ihre Argumente wissen will. Aber sie konnten mir keine sagen. Daran haben wir gemerkt, dass wir alle keine Argumente haben." Diskussionen gebe es darüber zwar. "Aber Politik ist nicht so mein Thema, weil ich es eh nicht verstehe."

An einem Spätkauf um die Ecke – in dem Laden, in dem die Alevitin Rezal arbeitet – läuft auf einem kleinen Fernseher die Hochrechnung nach der Abstimmung. Mehmet, ein Kurde, verfolgt bei einem Bier die Ergebnisse. Wahlberechtigt sei er nicht, er habe die deutsche Staatsbürgerschaft. Ohnehin hätte er nicht gewusst, wofür er stimmen soll. Die Frage nach Ja oder Nein spaltet die Deutschtürken ihm zufolge nicht. "Klar, die Diskussion wird emotional geführt. Aber nach der Wahl legt sich das schon."