ZEIT ONLINE: Herr Lüttgenau, es ist viel von Enthemmung und einer Rückkehr des Nationalismus die Rede. Wie erleben Sie diese Zeiten in Buchenwald?

Rikola-Gunnar Lüttgenau: Wenn Sie auf enthemmte Neonazis anspielen: als ziemlich ruhig. Wenn Sie unsere Besucher meinen: Sie sind engagierter, fühlen sich angespornt.

ZEIT ONLINE: Ich meinte vor allem Übergriffe und Vandalismus. Was heißt da "ziemlich ruhig"?

Lüttgenau: Dass Neonazis zu Dutzenden in NS-Uniformen auftauchen, hat es seit mehr als einem Jahrzehnt nicht mehr gegeben. Ja, in letzter Zeit wurden etwa doppelt so viele Straftaten begangen wie noch vor drei oder vier Jahren, eingeritzte Hakenkreuze, so etwas – aber es sind insgesamt immer noch recht wenige Fälle. Vor drei Jahren wurde eine Gedenktafel für Widerständler zerstört, seitdem ist zum Glück nichts Größeres passiert. Und unsere Mitarbeiter bekommen zwar Drohungen, aber das kommt sehr selten vor und ist auch nicht mehr geworden.

ZEIT ONLINE: Was hören Sie aus anderen KZ-Gedenkstätten?

Lüttgenau: Soweit ich das mitbekomme, ist es auch anderswo eher ruhig. Vielleicht sogar noch ruhiger als bei uns. Es ist jedenfalls nicht so, dass KZ-Gedenkstätten derzeit besonders vielen oder heftigen Angriffen ausgesetzt wären.

ZEIT ONLINE: Regelmäßig brennen Flüchtlingsheime, Angriffe auf Politiker und ihre Büros häufen sich – und KZ-Gedenkstätten bekommen fast nichts ab? Woran könnte das liegen?

Hausverbot für Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt

Lüttgenau: Mir fallen spontan drei Gründe ein: Erstens haben wir uns gewehrt, als sich neonazistische Gruppen Anfang der Neunziger an der Gedenkstätte Buchenwald abgearbeitet haben. Die hatten in ihren Dörfern und Kleinstädten national befreite Zonen aufgebaut, und dachten, dass sie sich hier erlauben können, was sie sich zu Hause auf dem Marktplatz erlauben. Wir haben sie angezeigt und Hausverbote verhängt – unter anderem für Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt. Zweitens gibt es unter den Neonazis mittlerweile viele, die den Holocaust gar nicht mehr leugnen, sondern ihn gut finden. Die sich mit der SS und ihren Tatorten identifizieren. Für deren Weltbild sind die historischen Orte keine Gefahr. Drittens: Am wichtigsten ist, dass außerhalb von rechtsextremen Zirkeln alle begriffen haben, dass mit Angriffen auf KZ-Gedenkstätten politisch kein Blumentopf zu gewinnen ist.

ZEIT ONLINE: Sie haben gesagt, die Besucher seien engagierter als früher – was heißt das?

Lüttgenau: Jedes Jahr kommen unverändert etwa eine halbe Million Besucher zu uns – aber anders als zu DDR-Zeiten kommen alle freiwillig. Die Fragen werden unbefangener, weil die Jüngeren sich nicht mehr mit der eigenen Schuld und Komplizenschaft oder der der Eltern herumschlagen. Schulklassen bleiben heute oft nicht nur 90 Minuten, sondern einen Tag oder mehrere Tage.

ZEIT ONLINE: Weil die Lehrer das so entscheiden.

Lüttgenau: Nein, weil die Schüler es so wünschen!