Am Tag zwei nach der Katastrophe kam der Strom zurück nach Mocoa – wenn auch nur an einen einzigen, kleinen Ort inmitten der Stadt am Fuße der Anden. "Der Hauptplatz von Mocoa hat wieder Energie", twitterte Kolumbiens Präsident Juan Manuel Santos am Sonntagabend und illustrierte seine Botschaft mit dem Foto einer hellen Lampe in der Dunkelheit. Die schattenhaften Umrisse von Menschen, Bäumen und Absperrungen um sie herum waren kaum zu erkennen; im Hintergrund drang funzeliges Licht aus dem Hauptportal der Kathedrale San Miguel. "Mit dem Licht kommt das Leben", twitterte Santos.

Der Präsident wollte Hoffnung spenden, nach den Erdrutschen und Schlammlawinen, die die kolumbianische Stadt am Wochenende heimgesucht und teilweise dem Erdboden gleichgemacht hatten – im wörtlichen Sinne. Wenig später musste er allerdings mitteilen, dass die vorläufige Zahl der Toten auf 254 gestiegen war. Sie könnte noch weit höher klettern, denn Hunderte werden noch vermisst.

Fotos und Videos aus Mocoa lassen das Ausmaß der Zerstörung erahnen: Wo früher Straßen waren, steht jetzt eine schlammige Brühe; wo sie abgeflossen ist, bedecken Felsbrocken wie riesenhafter Schotter den Boden; dazwischen liegen Baumstämme, wie Strohhalme geknickt und übereinander geworfen. Autos und Häuser sind versunken in den Geröllmassen, im Busbahnhof stecken die Fahrzeuge im Schlamm. Besonders hart wurde das Zentrum der 50.000-Einwohner-Stadt getroffen. Fünf Stadtviertel sind komplett zerstört, weitere zwölf schwer beschädigt.

Die Überlebenden brauchen Nahrung, Trinkwasser und Strom – trotz Santos’ Tweet ist die Versorgung in Mocoa zusammengebrochen, denn die Schlammlawinen haben Wasserleitungen und Stromnetze zerstört.

Es gibt auch kein Gas, um Essen zu kochen. Viele Menschen sind obdachlos, mehr als Tausend fanden in Notunterkünften Schutz. Die Krankenhäuser sind überfüllt. Die Regierung hat Trinkwasserwagen nach Mocoa geschickt, Nahrungsmittel, Decken und Matratzen. Doch weil Brücken eingestürzt sind und die Stadt auf dem Landweg kaum zu erreichen ist, kommt die Hilfe nur langsam an.

"Wie in einem Mixer voller Schlamm und Steine"

Die Trümmer in den Straßen Mocoas türmen sich übermannshoch. Unter ihnen liegen noch Menschen – etwa 200 Personen sind Angaben des Roten Kreuzes zufolge noch vermisst. In tropischer Hitze suchten am Sonntag Soldaten und Freiwillige in schlammverkrusteter Kleidung nach Überlebenden. Selbst die Farc-Guerilla, deren entwaffnete Kämpfer derzeit eigentlich in speziellen Siedlungen auf die Rückkehr ins zivile Leben vorbereitet werden sollen, bot ihre Hilfe bei den Rettungsarbeiten an.

Die Schlammwalze überraschte ihre Opfer im Schlaf. "Es war, als befänden wir uns in einem Mixer voller Schlamm und Steine", sagte Leidy Becerra der Tageszeitung El Tiempo. Die junge Frau, im achten Monat schwanger, und ihr Ehemann überlebten die Katastrophe aneinandergeklammert in der Lawine.

Als die Schreie der Nachbarn sie in der Nacht zum Samstag weckten, war es schon zu spät, um das Haus zu verlassen, erinnert sich Leidy. Mit etwa einem Dutzend anderer Personen suchten sie im ersten Stock ihres Hauses Schutz, doch eine besonders große Welle riss das Gebäude mit sich. "Ich nahm meinen Mann fest in den Arm, und dieser Schlamm umgab uns, wirbelte uns umher, wir stießen uns die ganze Zeit", sagt Leidy. "Die Lawine verschlang uns, der Schlamm drang uns in Mund und Nase, bis ich merkte, dass etwas meinen Kopf zusammendrückte. Ich dachte, mein Gott, dein Wille geschehe."