NSU-Mord an Halit Yozgat - Forscherteam zweifelt an Aussage des Ex-Verfassungsschützers Temme © Foto: Forensic Architecture

Andreas Temme will keinen Schuss gehört, keine Leiche gesehen haben. Auch den Geruch des Schießpulvers will der ehemalige Mitarbeiter des hessischen Landesamts für Verfassungsschutz nicht wahrgenommen haben, als Halit Yozgat vor elf Jahren, am 6. April 2006, in seinem Internetcafé in Kassel erschossen wurde. So hat es Temme als Zeuge im NSU-Prozess vor dem Oberlandesgericht München ausgesagt.

Sechsmal musste sich Temme dort befragen lassen. Jedes Mal präsentierte sich ein müder, zerknirschter Mann. Getrieben von den Verwicklungen, die sein Besuch in dem Café damals ausgelöst hat, aber behäbig in der Aussage. Mit Sätzen wie "Das müssen Sie mir mal erklären" oder "Ich habe da meine Schwierigkeiten" musste ein skeptischer Richter Manfred Götzl ihm die Details von damals entlocken.

Temme fuhr auf dem Heimweg von Kassel bei dem Internetcafé vorbei, um auf einer Kontaktseite mit Frauen zu chatten, während seine eigene schwanger daheim wartete. In der Nähe lag zudem eine Moschee, in der Gläubige verkehrten, die der Verfassungsschützer Temme als V-Männer führte. Zwei gute Gründe für ihn, seinen Besuch unter allen Umständen geheim zu halten.

Das aber wurde schwer, als kurz nach 17 Uhr den 21-jährigen Yozgat die tödlichen Schüsse trafen, abgegeben von den NSU-Mitgliedern Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt. Temme sagte später, er habe sich vom Computer abgemeldet und, als er Yozgat nicht hinter dem Empfangstresen sitzen sah, eine 50-Cent-Münze auf den Tisch gelegt. Dann sei er gegangen. War es Temmes erste Lüge, das blutende Opfer nicht auf dem Boden gesehen zu haben?

Und folgten noch viele weitere Lügen? Als Temme behauptete, die unübersehbaren Medienberichte in den folgenden Tagen nicht mit seinem Besuch in Verbindung gebracht zu haben? Dass er der Meinung war, schon einen Tag früher dort gewesen zu sein? Und: Dass er deutlich mehr über den Mord wusste, als er heute zugibt?

Zweifel, aber keine Beweise

Diese Meinung äußerten zwei Nebenklageanwälte der Familie Yozgat bereits 2015 im Gespräch mit der ZEIT. Sie seien sicher, dass Temme vor Gericht gelogen hat. Auch die Ermittler hatten ihre Zweifel, konnten Temme aber nicht das Gegenteil beweisen.

Die Münchner Richter, aller anfänglichen Zweifel zum Trotz, kamen später zu einem ganz anderen Ergebnis. Seine Ausführungen seien "plausibel, glaubhaft und nachvollziehbar", ließ der Vorsitzende Richter Manfred Götzl im Juli vergangenen Jahres in einer Stellungnahme wissen. Während die Schüsse fielen, habe sich Temme im hinteren Teil des Internetcafés aufgehalten, es sei durchaus möglich, dass er von dem Mord tatsächlich nichts mitbekam und Yozgat beim Verlassen des Raums übersah.

Tatsächlich? Seinen Angaben über das, was er im Internetcafé mitbekommen haben will, ist jetzt ein englisches Forscherteam nachgegangen. Die Gruppe Forensic Architecture von der Londoner Goldsmith University hat den Mord nachgestellt. Das Team um den Architekten Eyal Weizman besteht aus Wissenschaftlern, Filmemachern, Designern und Anwälten. Hauptauftraggeber sind die Vereinten Nationen, Menschenrechtsorganisationen oder internationale Strafverfolgungsbehörden. Die Gruppe untersucht Verbrechen in syrischen Kriegsgebieten oder Drohnenangriffe im Irak. Für den NSU-Mord wurde das Team von der Initiative 6. April sowie dem Aktionsbündnis NSU-Komplex auflösen beauftragt.